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Sigrid Nieberle: Gender Studies und Literatur. Eine Einführung.

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2013.
142 S.; brosch.; EUR 14.90.
ISBN 978-3-534-22715-0.

Die LeserInnen sind verleitet, über die im Titel eingebrachte Koordinationsfunktion der Konjunktion „und“ zu grübeln; denn die schlichte Ankündigung „Gender Studies und Literatur“, die Nieberle wählt, um in einen vielschichtigen Bereich der Auseinandersetzung mit geschlechtlicher Identität einzuführen, macht das Thema bereits auf subtile Weise zum Programm: das Reflektieren über Oppositions- und Herrschaftsverhältnisse respektive leidenschaftliche Verhaftungen scheinbar abgegrenzter Kategorien.
So wird im Titel ein Verhältnis aufgezeigt, das nicht auf genderspezifische Untersuchungen in der Literatur reduziert werden kann. Auch das Fehlen einer explizit angeführten Literaturwissenschaft stellt in Frage, wo sich diese verorten lässt, ob sie etwa Teil der Gender Studies ist oder umgekehrt, ob die Literaturwissenschaft das Verhältnis von Gender Studies und Literatur prädominiert. Dieses Offenlassen ist als intelligente Herangehensweise an ein komplexes System von Verflechtungen lesbar, das die Wechselwirkungen literarischer und alltagsweltlicher (Kon-)Texte aufzeigt und nicht zuletzt auf die machtvollen Strukturen innerhalb wissenschaftlicher Paradigmen und Sprachhandlungen selbst verweist. Das vorliegende Buch verfolgt somit zwei Anliegen, deren Verknüpfung die Aktualität und Qualität der Einführung unterstreicht: zum einen die Systematisierung und Historisierung geschlechtlicher Konstruktionen, deren Genese und herrschaftsbezogene Effekte als Untersuchungsgegenstand der germanistischen Literaturwissenschaft und zum anderen die Sensibilisierung für die eigene Eingebundenheit der Literaturwissenschaft in ebensolche Strukturen identitätspolitischer Machtansprüche.
Bereits auf der ersten Seite der einleitenden „Grundlagen“ macht die Autorin klar, dass sie sich einem performativen Subjektverständnis verschreibt. Die Betonung des „Werdens“ von (jeglicher) Identität veranlasst Nieberle dazu, ebenfalls auf der ersten Seite deutlich zu machen, dass auch „Männlichkeit“ diesem Werden unterworfen ist (vgl. S. 7), dass es sich bei dieser Untersuchung trotz der Fokussierung auf „Weiblichkeit“ nicht um einen Beitrag zu Women’s Studies in einem essentialistischen Sinn handelt, sondern dass Identitäten prozesshaft und relational verfasst sind. Vielschichtige Machtstrukturen greifen ineinander, wodurch Hierarchien nicht (mehr) als Binarismen handhabbar sind. Dennoch – so wird im Folgenden immer wieder deutlich – stellt diese Sichtweise keinen Widerspruch zu feministischen Anliegen dar, gilt es doch, Konstruktionen mitsamt ihren naturalisierenden Effekten und realpolitischen Folgen zu denken. Dass Nieberle den (nicht-konsensualen) Terminus „postfeministisch“ (S. 15) zur Beschreibung von Positionen heranzieht, die – wie auch Judith Butler – das biologische Geschlecht als performative Größe verhandeln, kann dabei zu Verwirrungen führen, insbesondere weil der Begriff auch als Bezeichnung neoliberaler und von traditionell feministischen Anliegen abgewandten Strömungen fungiert, gegen die sich Nieberle explizit wendet (vgl. S. 105).
Ihrem postulierten Anspruch auf prozesshaftes Denken von Identitäten sowie auf kritische Selbstreflexion folgt Nieberle in eindringlicher Weise im gesamten Buch. Dieser Umstand ist bemerkenswert und stellt gerade für das Genre wissenschaftlicher Einführungen keine Selbstverständlichkeit dar. So sind insbesondere Studierende dazu angehalten, bereits im Erlernen der wissenschaftlichen Instrumentarien den ideologischen Wert methodischer Griffe und Engführungen in die Reflexion miteinzubeziehen. „Die Nutzung einer bestimmten Begrifflichkeit“, so macht die Autorin klar, „signalisiert […] stets Zugehörigkeit zu einem gewissen Diskurs, d. h. die affirmative oder ablehnende Verwendung kommuniziert die Selbstkundgabe über eigene Theorieaffinitäten und den Appell an die wissenschaftliche Community, sich damit auseinanderzusetzen“ (S. 49).
Dieser Verweis auf die Literarizität aller Texte exponiert zum einen die Nähe Nieberles eigener theoretischer Ausrichtung zu dekonstruktiv informierten Positionen. Zum anderen betont sie, dass sie sich einer Trennung von rekonstruktiver feministischer Literaturwissenschaft (die sich bspw. zum Ziel setzt, Literaturgeschichte hinsichtlich machtvoller Ausschlüsse zu korrigieren) und dekonstruktivem Feminismus (der sich u. a. in der kritischen Auseinandersetzung mit literarischen Texten den Konstruktionen von Geschlechtsidentitäten widmet) verwehrt. Die Konjunktion, mit der sich Nieberles Strategie umschreiben lässt, ist hier die des „Sowohl-als-auch“, die sich einer reduzierenden Entweder-oder-Bewegung widersetzt bzw. diese selbst als Unmöglichkeit einer Binäropposition kenntlich macht. Es gilt, „genauer hinzusehen, so dass die erwähnte Einteilung in feministische Projekte der Rekonstruktion/Dekonstruktion anzuzweifeln wäre“ (S. 49).
Den umfangreichen Reflexionen (auch jenen der universitären Institutionalisierung von Gender Studies) und Konkretisierungen der eigenen Forschungsposition in den einleitenden „Grundlagen“ folgt der Hauptteil der Einführung in aktuelle Arbeitsbereiche, der sich in fünf Kapitel gliedert, die – so heißt es zu Beginn – um folgende Fragen- bzw. Themenkomplexe organisiert werden:

Im ersten Komplex geht es um die Literaturgeschichte betreffende Frage: Wer schreibt? Im Fokus dieser Auseinandersetzungen stehen Fragen nach den wissensgenerierenden und wertenden Aspekten der Literaturgeschichtsschreibung. Dabei wird der aus der frühen Frauenforschung stammende Ansatz einer Ergänzung und Korrektur einer von Autoren dominierten Literaturgeschichte zum Thema, der – wie Nieberle schreibt – „scheinbar immer noch fortgeführt werden muss“ (S. 9), und zwar im Sinne ihrer Pluralisierung. Arbeitsbereiche der Kanon- und Wertungsforschung erläutert die Autorin anhand der Lexikographie, der Kriterien der Einordnung/Integration wie auch der Biographik. Auf anschauliche Weise verdeutlicht Nieberle hier, wie erinnern und vergessen miteinander verbunden sind bzw. wie die Literaturgeschichtsschreibung „ihre Aktantinnen nach bestimmten Regeln vergisst“ (S. 23). Bemerkenswert ist die Aufmerksamkeit, die Nieberle in diesem Zusammenhang auch der Ausklammerung homosexueller Begehrensformen in der wissenschaftlichen Bearbeitung schenkt.

Der zweite Aspekt betrifft Ästhetik und Poetik: Wie werden Texte geschrieben? In diesem Kapitel führt die Autorin überblicksmäßig in die (kanonischen) Positionen u. a. von Cixous, Irigaray und Kristeva rund um die Frage nach einem „weiblichen“ Schreiben bzw. den Zusammenhang von (sprachlicher) Ästhetik und Geschlecht(erkonstruktion) ein. Hier entfaltet sie auch am prägnantesten ihre maßgeblichen Überlegungen zum Verhältnis von rekonstruktiven und dekonstruktiven Arbeitsweisen. An die Frage der Ästhetik schließt sie jene nach der Repräsentation, mit welcher sie sowohl an aktuellste Diskussionen um Sprachgewalt anknüpft wie auch an konkrete literarische Darstellungen und Instrumentalisierungen mythischer Stoffe und Figuren (etwa von Medea, Antigone oder Wasserfrauen S. 58-67). Ein weiterer Abschnitt ist der Performativität gewidmet, wobei Butlers Theoreme die Basis bilden, auf der Nieberle den Schwellenbereich von Performativität und Performanz als solchen zugänglich macht und nicht in einer reduktionistischen Darstellung gefangen bleibt. Damit gelingt es ihr, textimmanente dekonstruktive Verfahren und Dramenformen mit ihren divergierenden Einbeziehungen des Körperlichen zu erfassen.

Der dritte Komplex betrifft die sich im Raum von Genre–Gender positionierende Frage: Was wurde nach welchen Regeln geschrieben? Mit dieser Frage begegnet Nieberle den vielfachen Verquickungen von Genre und Gender, insofern „spezifische Gattungen und Genres an das Geschlecht von Autoren und Autorinnen, aber auch von Lesern und Leserinnen gekoppelt sind“ (S. 10). Neben der gattungsspezifischen und demnach geschlechtsspezifischen Adressierung von Texten gilt es auszuleuchten – so löst Nieberle wiederum ihr performatives Versprechen ein –, wie Gender und Genre aufeinander bezogen sind. Demzufolge stellt sie den Zweifel an der Vorgängigkeit heraus und begreift Geschlecht und Genre als „just im Moment ihrer literarischen […] Performanz“ konstituiert, was weiter bedeutet, dass „nicht nur das Geschlecht der AutorInnen auf das Genre Einfluss nimmt, sondern Autorschaft in ihrem Gendering erst durch das Textgenre oder die Gattung zugänglich wird“ (S. 78). Diesen Zusammenhang verdeutlicht Nieberle anhand der Autobiographieforschung, der Analyse von Briefen wie auch der Reflexion lyrischen Sprechens. Ein eigener Abschnitt ist der Erzählforschung gewidmet, erkennt die Autorin doch in der Narratologie „eine interessante Interferenz zur Performanzforschung“ (S. 92), insofern beide Konzepte von einem sprachlichen Geschehen in zeitlicher Abfolge ausgehen, das auf diese Weise Bedeutung generiert. Auch in diesem Kapitel gilt das letzte Wort dem „Aufführen“ bzw. dem interferenten Zusammenhang von Aufführung und Ausführung dramatischer Sprache, die im Vollzug an den realen Körper gebunden bleibt und „zugleich symbolisch stets etwas ‚Anderes‘ repräsentiert“ (S. 100).

Der vierte Aspekt betrifft Intermedialität und Interdisziplinarität der aktuellen Forschungstendenzen: Welche inter- und intradisziplinären Fragen werfen die Gender Studies auf? Der abschließende Fragenkomplex korrespondiert mit dem abschließenden Kapitel des Buches, in dem sich die Autorin insbesondere dem interdependenten Status der Gender Studies widmet. Neben wichtigen Verschränkungen mit Postcolonial Studies sind es vor allem Aufgabenbereiche der Queer Studies, die hier Beachtung finden. Dabei ist allerdings hervorzuheben, dass Nieberle deren Belange eben nicht im Sinne eines Appendixes der eigentlichen Betrachtung anfügt, sondern sich bemüht die Kategorie „desire“ bei der Verhandlung von sex und gender in den vorangegangenen literaturwissenschaftlichen Betrachtungen konsequent einfließen zu lassen.

Dass diesen vier Fragekomplexen fünf Kapitel gegenüberstehen, verwundert zwar ein wenig (insbesondere weil nicht ersichtlich ist, warum das kurze Kapitel „Autorschaft und Geschlecht“ derartige Eigenständigkeit behauptet und nicht gemäß der Fragenreihenfolge an das Kapitel „Gender und Literaturgeschichte“ anschließt), tut aber dem Lesefluss keinen Abbruch. Die einzelnen Kapitel verorten die sich stets im Wandel befindlichen Konzeptionen von Geschlechtsidentitäten, sozialen Rollenmustern und methodischen Zugängen historisch und zeigen dies über weite Strecken anhand von Beispielen der neueren deutschen Literaturgeschichte seit der Aufklärung auf.
Stellenweise erscheint die recht knappe Darlegung komplexer theoretischer Positionen für eine Einführung etwas voraussetzungsreich. Dieser Umstand befördert allerdings keine tatsächliche Kritik, denn es ist ebenso erfrischend, dass zugunsten dieser Reduktion der Reflexionshaltung im wissenschaftlichen Arbeiten selbst mehr Raum gegeben wird. Die durchgängige Verschlagwortung der einzelnen Absätze am Seitenrand, das angehängte Glossar (das teilweise tatsächlich etwas knapp gehalten ist) sowie die Personen- und Sachregister erleichtern den Zugang und verstärken die Tauglichkeit der Einführung als Nachschlagewerk.
Was das Buch besonders empfehlenswert macht, ist die bereits angesprochene respektvolle Haltung, mit der die Autorin ihren LeseInnen – insbesondere Studierenden – begegnet. Diese drückt sich auch darin aus, dass Nieberle immer wieder Forschungslücken kenntlich macht und als zukünftige Bearbeitungsgebiete ausweist, gleichzeitig aber daran erinnert, dass Lücken stets das wissenschaftliche Arbeiten begleiten. – Und diese Haltung veranlasst am Ende zu der für das Genre der Rezension notwendigen Wertung: Die Relationierung von Form und Inhalt ist in diesem Buch auf bemerkenswerte Weise gelungen!

Julia Prager
25. September 2014

 

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