Irene Wondratsch: Ooleslef

Wenn der Ausdruck nicht den Erwartungen entspricht.
Klagenfurt: Sisyphus, 2014.
112 Seiten; broschiert; Euro 11,-.
ISBN: 978-3-901960-71-0.

Autorin

Leseprobe

„Ooleslef“ – was wie ein Name für ein Fabelwesen aus einer Fantasygeschichte klingt, etwa einen riesigen vielarmigen resp. -füßigen Tintenfisch, ist der Name für einen defekten Tintenstrahldrucker, den er sich mehr oder weniger selbst gab, indem er ihn eines Tages ausdruckte und von Irene Wondratsch namengebend aufgegriffen wurde. Auch was er sonst noch so alles wider jede Befehlseingabe printete – verschobene und ineinandergeschobene Sätze, fehlende und falsche Wörter, Auslassungen und Flächenfüllungen – landete nicht wie allgemein üblich im Altpapiercontainer, sondern wurde von der Autorin als ästhetische Qualität erkannt und genutzt: als Text-Bilder, visuelle Poesie, vielschichtig und voller überraschender Wendungen, die wiederum als Anregung und Ausgangsmaterial für eigene Texte dienten, was ein sehr breites, vielfältiges Spektrum von literarischen Umsetzungen, Interaktionen und Repliken auf Ooleslefs eigenwillige Textwege ergab.

Herausgekommen ist dabei ein buntes, vergnüglich zu lesendes Florilegium, das vom Märchen bis zum Listengedicht reicht. Der Zugang, technische Fehler als Helfer zu nutzen, lässt das Ooleslef-Projekt auch als gelungene Low-Tech-Antwort auf das Ausgeliefertsein an die High-Tech-Welt erscheinen. Damit steht es auch in einer guten ästhetischen Tradition: Spätestens seit Marcel Duchamp sind Zufälle und seit Kurt Schwitters Fehldrucke programmatisch eingesetzte Gestaltungsmittel, die ein kritisches Licht auf die Maschinenwelt werfen und damit das Subjekt in der Mensch-Maschine-Interaktion wenn nicht retten, so doch zumindest als solches zu erkennen geben. Gerade in der heutigen gleichermaßen informationsüberfluteten wie informationsverebbten Computerwelt ist das Wechselspiel zwischen Technik, die Sprache reflektiert und Sprache, die Technik reflektiert, ein wichtiges Ausdrucksmittel der konzeptuellen und transmedialen Kunst. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf Arbeiten von Jörg Piringer, die durch seine eigene Programmierung poetische Räume erschließen, die oft auch interaktiv betreten werden können, beispielsweise in „nam shub web“, bei dem ein Computerprogramm von BenutzerInnen zusammengestellte Arrangements von Webseiten neu interpretiert und ausdruckt, wodurch sich der Galerieraum nach und nach mit Ausdrucken füllt.

Bei Irene Wondratsch erfolgt die Interaktion durch konventionell schriftstellerisches Schreiben und auch dies bringt reizvolle Ergebnisse zutage: Wenn etwa Textkorrosionen, die gerade noch „Rücken“, „Herzklopfen“ und „Löwenzahn“ erkennen lassen (15) in eine Hänschen-klein-Geschichte umgesetzt werden, die das Hänschen in die Ortschaft „Tausendblum“ zur „Gänseliesl“ führt oder ein Fleck, den Zeilenineinanderschiebungen erzeugten, zum Ausgangspunkt von poetischen Reflexionen genommen wird (26/27) oder das muntere Kreuz und Quer der ausgedruckten Zeilen zu einem sozialkritischen Portrait der nach 30 Dienstjahren als Schuhverkäuferin gekündigten Frau Zouhax ausformuliert wird (80 ff.). Und zum Schluss löst sich das Druckuniversum in zahllose dunkle Nullen auf, aus denen die Einsen schimmern: „Am Ende sind alle gleich: Die Ortruns und Ottos, die Olgas und Olafs“ (110).

„Ooleslef“ – ein Buch voller Witz und Esprit, zum Lachen und Betrachten, zum Nachdenken und Entdecken, und der Drucker summt dazu!

Günter Vallaster
6. Oktober 2014

Originalbeitrag

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