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Peter Rosei: Die Globalisten

Erzählung.
St. Pölten, Wien: Residenz, 2014.
117 Seiten, gebunden; Euro 13,90.
ISBN 978-3-99039-002-3.

Autor

Leseprobe

In Peter Roseis Prosa gehören Sprünge, um nicht zu sagen Lücken zum Programm. „Das Wichtigste beim Schreiben, beim Dichten“, sagt der Schriftsteller Josef Maria Wassertheuer in seinem Roman „Die Globalisten“, „das Wichtigste, weißt du, ist, was man weglässt.“ Dazu passt es, dass Wassertheuer bald das Drehbuch zu einem großen Filmprojekt, einer Menschheitskomödie, schreiben wird, die „das ganze österreichische Kulturpotenzial voll einbinden“ soll. Man ahnt, dass dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt sein wird. Mit „Die Globalisten“ fügt Peter Rosei, einer der produktivsten Autoren des Landes, der seine Bücher immer wieder zu Zyklen organisiert hat, den „Wiener Dateien“ einen vierten Band hinzu. Den Beginn der Reihe machte der Roman „Wien Metropolis“ (2005), in dem Rosei einen Bogen von der Nachkriegszeit bis in die jüngere Gegenwart spannte, gefolgt von „Das große Töten“ (2009), „Geld!“ (2011) und zuletzt „Madame Stern“ (2013) – für den Alexander Kluy den bezeichnenden und deutlicher in die Reihe passenden Titel „Macht“ vorgeschlagen hat (siehe Rezension zu Madame Stern).

„Die Globalisten“ tragen das Thema der österreichischen Befindlichkeiten in einer globalisierten Welt bereits im Titel. Rosei selbst bezeichnete sie im Ö1-Mittagsjournal (2.9.2014) als eine „bissige Satire auf den gegenwärtigen Kunst- und Kulturbetrieb, der sich beständig in den Dienst der Ökonomie stellt“. „Wir versuchen doch alle nur, auf der goldenen Kugel zu tanzen, ganz egal, wie und wohin sie rollt“, heißt es gleich auf der ersten Seite, und bald wird klar, dass Rosei hier eine Welt in Szene setzt, in der Geld mit Glück gleichgesetzt wird und in der deswegen notwendigerweise niemand gewinnen kann. Wie in Balzacs „Comédie humaine“ geht es auch hier nicht nur um bare Münze, sondern gleichzeitig immer auch um Macht und Ansehen – Güter, um die es zwischen Menschen (Stichwort: Tanz um das goldene Kalb) immer schon ein Gerangel gab, die aber inzwischen einem globalem Wettbewerb ausgesetzt sind. Mit den Schauplätzen Wien, Salzkammergut, Zürich, München, Berlin, dem slowakischen Kosice und Petersburg bleibt die Globalisierung in diesem Roman jedoch auf Europa beschränkt. Petersburg stellt keinen Hort mehr für kommunistische Bonzen und Dissidenten, sondern vielmehr für kapitalistische Kriminelle dar, aber die Wiener Gasometer sind noch nicht revitalisiert – der einzige Hinweis darauf, dass Handlung vor dem Jahr 2001 angesiedelt sein muss.
Das zeigt sich auch in den nicht vorhandenen Vernetzungsinstrumenten der Protagonisten– diese „Globalisten“ benutzen (noch) keine Handys und präsentieren sich (noch?) nicht auf Facebook –, und in der manchmal ein wenig manieriert anmutenden Sprache des Autors. Wiener „Sandler“ heißen hier „Trippelbrüder und Stadtstreicher“, Vorlieben „Pläsiere“, und die Menschen lassen den „Herrgott“ noch gerne „einen guten Mann sein“. Trotzdem verkommt dieses „ausgesuchte“ Vokabular, an dem sich der Autor spürbar delektiert, nie zu Wortgeklingel. Denn Rosei beherrscht die Sprache und den Spannungsbogen seiner Handlung. Sein allwissender Erzähler nimmt die Leserschaft bei der Hand, seine plastischen Beschreibungen und die kurzweilige Szenenfolge ziehen gleich in den Bann. In puncto Boshaftigkeit und lakonischer Kürze lässt sich Rosei dabei mit Evelyn Grill vergleichen, deren Protagonisten allerdings mehr Düsternis und Tragik umschattet. Roseis Figuren hingegen gewinnen wenig Tiefe, vielleicht, weil sie nicht leiden können. Seine Frauen sind eitel oder naiv und darauf festgelegt zu gefallen – oder das nicht mehr zu können aufgrund von fortgeschrittenem Alter. Die Männer vereint vor allem ihre Prahlerei. Dass sie bisweilen schwer auseinanderzuhalten sind, liegt nicht nur an ihrer Namensähnlichkeit, die zu Roseis perfider Demontage seiner Figuren gehört. Adolphe Weill, der projektierte Geldgeber des Großfilmprojekts, macht dubiose Geschäfte unter dem Titel Import-Export und residiert in einer Züricher Villa. Alfred Wallauschek, der soziale Aufsteiger und Jugendfreund Wassertheuers, gibt den Möchtegern-Großfilmproduzenten, und Josef Maria Wassertheuer, der abgehalfterte Bohemien, der in Ottakring mit Stadtstreichern und Exprostituierten seine Tage verlungert hatte, quält sich nun im Salzkammergut erfolglos mit dem Drehbuch herum. Wallauschek beigestellt ist Olga Tessier, Ex-Burgtheater-Schauspielerin jenseits des Zenits ihrer Schönheit und ergo ihres Erfolgs, zu Wassertheuer gehört zunächst die naive Polin Eva, Bardame und Exprostituierte. Sie alle werden von ihrem Schöpfer gehandhabt wie Marionetten und ohne Mitleid einem Schicksal zugeführt, das den von Rosei fokussierten Ausschnitt der Welt illustriert. Wie das Filmprojekt scheitern auch die Beziehungen – und es bilden sich neue Paare.

Wien global, das bedeutet in diesem Roman die Welt von Möchtegernaufsteigern und Kleinganoven. Wenn am Anfang des letzten Kapitels zwei Männer, darunter Alfred Wallauschek, aus der Strafanstalt Berlin-Tegel entlassen werden, ist die Anspielung auf Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (1929) nicht zu übersehen. Nicht nur das Milieu von aufgeblasenen Kleinkriminellen, auch die Handlung erweist dem großen Vorbild Reverenz, wird doch auch hier der einzige warmherzige Mensch ermordet. Weil Eva ihm auf die Nerven geht, nachdem er sie Wassertheuer ausgespannt und wieder zur Prostitution gezwungen hat, dreht Wallauschek ihr nämlich kurzerhand den Hals um. Reue? Fehlanzeige! Und auch Wassertheuer, der überraschenderweise inzwischen zum Erfolgsschriftsteller aufgestiegen ist, trägt ihm nichts nach. Die Männer trinken zusammen Whiskey und starren kurz gedankenverloren vor sich hin, bevor sie zu einem Treffen mit den Mächtigen der Politik in ein nobles Palais aufbrechen. Eine wahrhaft düstere Satire nicht nur auf die Jetztzeit – denn die Menschheitskomödie war auch schon vor der Globalisierung immer zugleich eine Tragödie.

Kirstin Breitenfellner
9. Oktober 2014

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.



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