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Navid Kermani: Zwischen Koran und Kafka.

West-östliche Erkundungen.
München: C.H.Beck 2014.
365 S.; geb.; € 24,95.
ISBN BN 978-3-406-66662-9.

Das Bild der keineswegs homogenen islamischen Kultur ist in Europa und der westlichen Welt durchaus polar und entgegengesetzt. Ja, es ließe sich sagen, dass sich das, was man spätestens seit Edward Said als „Orientalismus“ bezeichnet, durch einen auffälligen und miteinander eigentlich unvereinbaren Kontrast charakterisiert ist. Der radikale politische Islam befördert ein Fremdbild in den europäischen Ländern, das durch aggressive Männlichkeit, totalitäre Machtphantasien, Grausamkeit, Rückschritt und Feindschaft gegen alle Werte der Zivilgesellschaft bestimmt ist. Dem steht ein Bemühen um Differenzierung gegenüber, das nicht ausschließlich von taktischem Kalkül und politischer Korrektheit geleitet ist, sondern vor dem Hintergrund dieser negativen Erscheinungen das Bild eines Islams entwirft, das mit all diesen Rechtsentwicklungen in der islamischen Welt nur wenig zu tun hat.

Vor diesem Hintergrund muss man das gar nicht mehr schmale Œuvre des Orientalisten, Schriftsteller und Essayisten Navid Kermani verstehen und lesen. Insofern ist er in mehrerlei Hinsicht ein Sonderfall. Als Kind einer iranischen Migrantenfamilie in Köln geboren, ist Deutschland nicht so sehr ein Außen, sondern ein Innen, das freilich aus der ganz spezifischen Warte eines Zuwanderers betrachtet und positiv angenommen wird, während die Herkunftskultur der Familie, der Iran, für ihn eine Außenseite hat, weil er in Deutschland und nicht in Iran sozialisiert worden ist. Und zudem ist eben der Iran nicht-arabisches Land, das wie der Verfasser in dem Essay über das schiitische Passionsspiel schreibt, die Schia im Verlauf seiner Geschichte zur identitätsstiftenden Religion gemacht hat, um sich von der arabischen Welt abzugrenzen.

Die fünfzehn locker zusammengefügten Essays Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen sind, wie der Titel es ankündigt, ein komparatistisches Unternehmen, das dem Zusammenspiel und dem Vergleich zwischen Okzident und Orient nachgeht. Dabei spielt, wenn auch oft nicht ausgesprochen, das Thema der Moderne, eine wesentliche Rolle. So stellt Kermani dem deutschsprachigen Publikum den persischen Dichter Faridoddin Attar, einen Mystiker des 13. Jahrhunderts vor, der in seinem Buch der Leiden (Mo?ibatn?meh) mit Gott hadert und diesen kritisiert. Dieser durchaus fromme Protest gegen die Ungerechtigkeit der Welt, die Gott zulässt – also das Theodizee-Problem – führt im Kontext dieser muslimischen Kultur aber anscheinend nicht zu Sanktion und Ausgrenzung, sondern der Aufstand gegen Gott wird, durchaus vergleichbar mit jüdischen Formen paradoxer Religiosität, als eine Form von Frömmigkeit gebilligt und sprengt so den religiösen Horizont, anders als im Falle der europäischen Neuzeit, nicht. Weil also solcher Protest in der christlichen Welt nicht so ohne weiteres möglich ist – so die These des Buches –, zerbricht in Europa die traditionelle religiöse Welt.

Für eine Welt, die von Gott verlassen ist, steht im Buch Shakespeares theatralischer Mundus. Das Werk bzw. die Figur, die er dabei in Betracht zieht, ist freilich nicht Hamlet, sondern König Lear. Sehr schlüssig weist der Autor nach, dass der Vergleich mit der biblischen Hiob-Figur an entscheidender Stelle in die Irre führt: es gibt da keinen Sinn, keine Rückkehr, keine Katharsis und dieser König war keineswegs ein frommer Mensch, der sein Unglück Gott anlasten könnte. Was es gibt, ist die vom Menschen geschaffene Welt und sie hat eine merkwürdige Leerstelle, die Tolstoi, einem der wenigen, aber umso vehementeren Gegner Shakespeares ,aufgefallen ist.

Kein west-östlicher Brückenschlag kommt ohne eine Studie zu Goethe aus. Er ist in der Aufsatz-Sammlung, die sich durch einen ruhigen, differenzierten und fast altmodischen Duktus auszeichnet, vielleicht der persönlichste Text, der Goethe in die Nähe zu einer mystischen und ‚natürlichen‘ Lesart des Islams führt, der Kermani auch in anderen Aufsätzen verpflichtet ist. Im Zentrum steht dabei das Gott-Atmen, Einatmung und Ausatmung, die Goethe in Talismane ganz ähnlich deute wie der Koran und altorientalische Poesie, nämlich als eine natürliche Offenbarung des Göttlichen. Mystik ist das, was dem modernen Menschen als religiöser Rest geblieben ist, eine Form von Sinnlichkeit, für die Goethe paradigmatisch erscheint.

Aber diese Goethe-Bewunderung will ebenso wie die Bezugnahme auf die Traditionen monotheistischer Religiosität weder konventionell noch konservativ verstanden werden, wie Kermanis Festrede im Burgtheater anno 2005 zeigt, in der er nicht zum einzigen Mal auf die Migrationspolitik der Europäischen Union und das überaus widerspruchsvolle Verhältnis der arabischen Welt zum wohlhabenden Europa zu sprechen kommt. Wohltuend ist, wie Kermani , ungeachtet dieser Kritik, die demokratischen Errungenschaften in Europa würdigt, etwa in seiner Rede zum 65. Jahrestag der Verkündung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Sich über Merkel und Schröder zu mokieren, avanciert da zu einem Luxus des Jammerns. Die beiden bestimmenden politischen Figuren Deutschlands seien eine demokratische Normalität, nach der sich nicht wenige Menschen in der islamischen und arabischen Welt sehnen würden.

Richard Wagner, Goethe, Kleist oder Hölderlin: Kermani ist in Deutschland zu Hause. Was ihn, den Deutsch-Iraner, auszeichnet, ist eine wiederum altmodische Dankbarkeit für die positiven Leistungen dieses Landes, in dem er lebt und eine nicht unwichtige Rolle als Vermittler zwischen den Deutschen und ihren neuen muslimischen Mitbewohnern spielt. Dass er in Deutschland angekommen, ist, zeigt sich auch daran, dass er, wie die meisten seiner deutschen Landsleute über kein rechtes Sensorium für dessen östliches Nachbarland, eben Österreich, verfügt. Das wird nicht zuletzt in den ungelenken Kommentaren zu Kafka, Zweig, Roth oder Doderer und an der Unkenntnis für die multikulturellen Traditionen dieses Raumes sichtbar.

Was in dieser friedvollen Essaysammlung, die zum Beispiel das schiitisch-iranische Passionspiel Taziyeh mit Brecht und Artaud und den Koran mit Dantes Göttlicher Komödie in einen transkulturellen Zusammenhang bringt, kaum zur Sprache kommt, ist die Zukunft eben jener Kultur in der heutigen Welt, die im Mittelalter so bemerkenswerte Leistungen hervorgebracht hat. Denn wenn, wie Kermani andeutet, das deutsche Grundgesetz in seinem Kern eine exemplarische Bedeutung auch für andere, etwa muslimische Länder haben könnte, dann steht die Einschränkung der Wirkungsmacht des Islams auf der Agenda. Dann wird es zur entscheidenden Frage, ob eine moderne Zivilgesellschaft mit dem politischen Islam in all seinen heutigen Schattierungen vereinbar ist. Was die Mystiker und Mystikerinnen aller Religionen dieser Welt, diese auserlesenen Exzentriker eines bestimmten Weltempfindens, nämlich so einnehmend macht, ist, dass sie ihren Gegenüber nicht ihre Lebensweise diktieren und vorschreiben wollen. Anders als alte und neue Ideologen sind Mystiker nicht totalitär.

Wolfgang Müller-Funk
15. Oktober 2014

 

 

 

 

 

 

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