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Gerhard Hammerschmied: Nichts über Grillparzer.

Leseprobe:

In einigen Familienaufstellungen (oder doch Nachstellungen) stand er da, in Zeiten der ersten großen Krise, zwischen Vater und Mutter, die Hände ausgestreckt, ohne sie zu erreichen. Der Therapeut sprach etwas von Distanz, von Spalt und Zwiespalt, Nähe suchen, Abstand brauchen, und der Dritte, und die Großeltern? Gestorben? Wo würden Sie eine Partnerin hinstellen? Er würde sie ins Bett legen. Hinausgeworfenes Geld für Erkenntnisse, die in jedem Groschenheft zu haben sind, er ging, manchmal ist Widerstand Vernunft. Die einzige, sagte Paul immer, wenn er getrunken hatte. Solche Therapeuten wusste er bald zu meiden, die archetypisch ihr kleines Verstehensgeschäft besorgen, das in seiner gerissenen Unbedarftheit wie ein Charisma glänzt, zu Freud wäre er gegangen, mit ihm an diesem anderen Schauplatz gestanden und in seine kleine Welt geblickt, ohne Hochmut, ohne Verzweiflung.
Wenn es wirklich so viel von der Vernunft gäbe, die imstande wäre, den Wahnsinn wegzusperren, diesen einen nur, so es einen gibt … Klinikgespenster, Gespensterkliniken, Mauern in sich, Mauern um sich mit Wanderaugen … Sie spielten mit dem Feuer damals, Clemens, Paul und er, aber es wärmte auch.
Immer wieder, wenn die Toten kamen, die kalten und schweigsamen. Sie hatten nicht zu kommen, des ewigen Lebens müde, nichts, standen da, lautlos, wollten nichts, nichts von ihm. Kein Gebet, keinen Passierschein für den Gang in die himmlischen Freuden. Auch wenn sie mit einer solchen Bitte zu ihm kämen, müsste man sich fragen, ob das Gebet der uns Toten gar nichts zählt. Verblichene suchen ihre Restfamilie höchst selten heim, um deren Fürsprache zu erwirken, schon gar nicht Priester, las Anton in zahlreichen Berichten, vor allem in dem der Konstantia Bauer.

Bedrängt fühlte sie sich von dem Ansturm der Bitten der armen Seelen, und einsam, letztlich unverstanden auch an jenen Tagen, an denen die Wundersüchtigen, die Kranken ihre Haustüre belagerten. Eine Leere, die schmerzte, in der Gott begegnen sollte, eine Leere, die dieses Erfahren hinterließ, noch vor jeder Abwesenheit des Vertrauten. Andererseits verhielt es sich aber vielleicht doch so, dass der Zweifel an diesen Begebenheiten wie ein Pfeil ihr Herz durchbohrte, wie es Brentano über Anna Katharina Emmerich berichtet, in einem steten Ineinander von Zeigen und Verbergen.
Das Gerücht, dass es sich um eine Heilige handelte, wollte nicht verstummen. Vor wenigen Jahren ließ der Pfarrer ihrer Gemeinde, wohl anlässlich einer notwendigen Neubelegung der Gräber, den Sarg dieser von armen Seelen Bedrängten öffnen. Völlig unversehrt sei ihr Leichnam gewesen, verschont von Verwesung und Zerfall sei sie, die 1848 verstorben ist, da gelegen, zum Zeichen der Rechtmäßigkeit des Glaubens. Welche Sorge Gottes um die Toten. Nach Obdach, nahm sich Anton vor, müsse er unbedingt, um mit dem Pfarrer zu reden, über seine Erfahrung, die keiner religiösen Dimension angehörte. Tatsächlich fuhren er und Maria hin, suchten das Grab, begegneten im Gasthof wohl dem Pfarrer, er vermied es aber, ihn anzusprechen. Guten Tag, ich hatte eine übersinnliche Begegnung. Sind Sie ein glaubender Mensch, würde er gefragt haben. Die Geschichte war ihm zu unheimlich, obwohl es nicht auszuschließen war, auf Verständnis zu stoßen, Angst stieg empor, davon zu träumen, einst als Dorian Gray oder Wladimir Iljitsch in einer letzten Ruhestatt, im Schaufenster einer Wallfahrtskirche zu warten, wehrlos den Blicken der Frommen ausgesetzt zu sein, zu warten, auf den Jüngsten Tag? Vielleicht gar davor, in einer Reliquienfabrik zerstückelt zu werden, zur Ehre der Altäre. Nun frag ihn doch, meinte Maria, soll ich es für dich tun? Er wollte es unter keinen Umständen. Eine Berghütte suchten sie noch auf, machten einige Schritte, setzten sich an die Sonne, schlossen die Augen, genossen die gute Luft, die Stille, bis einige betrunkene Halbschuhtouristen sie aus der Ruhe brachten. Dann fuhren sie wieder.
Nahe der Kirche stand der geistliche Herr, gab Zeichen mit seinen feinen, leicht geröteten Händen. Sie hielten an, stiegen aus, waren etwas verstört ob der unverhofften Freundlichkeit ohne Jesus liebt auch dich. Kommt nur, kommt nur, langsam und bedächtig gingen sie zu ihrem Grab, die Stanzl hat ja Zeit. Ich hätte auch eine Photographie, aber es ist ihr gar nicht recht, wenn ich sie herzeige. In jedem Bauernhof haben sie wahrscheinlich eine, na wenn es den Leuten hilft, das Leben ist hier für manche hart und bitter. Zwanzig Sessellifte können sie noch reinstellen in das Zirbenparadies, es änderte nicht viel an ihrer Zurückhaltung und an ihrem Misstrauen, aber hoffentlich auch nichts an ihrer spröden Herzlichkeit. Fehlte noch, dass der Zirbenkaiser nach Rom fährt. Zirbenlourdes und Alpenfatima, wir zwei als Seherpaar, Dienst von drei bis sechs, freie Kost und Logis. Wir haben doch andere Perspektiven. Warum ich das weiß, fragst du, ich sah es an deinem Blick, da war Ratlosigkeit, ganz ohne Hysterie. Sei doch nicht so verzweifelt, ja, Anton, nicht so verzagt. Gott steht dir bei. Du glaubst nicht an ihn, keine Sorge, er ist nicht kleinlich, Jesus hat diese Schuldzettel mit all den Gnadenrechnungen zerrissen. Warum dann trotz alledem so viele Rechnungen offen bleiben, ich weiß es nicht, die Stanzl weiß es auch nicht. Nur Rechnung der Rechnung darf man nicht machen, das ist die einzige Bedingung. Das Fegefeuer ist ja kein Gefängnis.
Sie sind mir einer, sagt Maria verschmitzt, am Stammtisch sind Sie gesessen und haben Karten gespielt.
Manchmal schwindle ich auch dabei. Man muss sich geschickt anstellen, sonst verletzt man sie in ihrer Ehre. A Bummal nou, Herr Pforra, und da Oupfastouck ghert mia, daun brauch i di nextn zwanzg Joa nix einischmeißen. Du host e no nia wos einitaun.
Touristen haben wir auch, die haben die Zirbe im Herzen.
Gehen wir hinein, in die Küche, habt ihr schon etwas gegessen, ja? Habt ihr eine Zigarette für mich? Die Frau Groß, das ist durchaus möglich, aber dass sie gerade bei dir nach ihrem Otto sucht, das halte ich für sehr unwahrscheinlich, er ist doch bei ihr. Es gibt Erscheinungen, denen Familie und Heimat ziemlich gleichgültig sind. Ihnen, uns hingegen …
Ja, warum sie kommen, ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Erst einmal, sagst du, dabei bleibt es nicht.
Uns hier soll es besser gehen, sagt die Stanzl.
Sie fürchten sich nicht, Herr Pfarrer?
Und wie, mir hilft halt das Beten. Du kannst es nicht, meinst du, was glaubst du, was wir denn hier gerade tun. Nein, ich will dich nicht vereinnahmen. Wir Katholiken haben den Wahnsinn nicht gepachtet. Nicht alleine, wenn du es so sehen willst, aber unsere Geheimnisse kann man nicht verwalten, auch wenn es notwendig ist, zwischen Lebenden und Toten etwas Ordnung zu schaffen.
Ob Gott katholisch ist, wenigstens deinen Humor hast du nicht verloren.
Maria blickt zum Aufbruch.
Ein Satz noch. Nein, ein andermal.
So standen sie alsbald vor dem Auto, man gab einander die Hände, Anton wäre immer willkommen, ja auch Maria.
Eine stille Heimfahrt wurde es, sie gingen noch ins Kino am Abend, eine französische Komödie, klug, klüger als Lacan, und herzlich. Yves Robert. Le jumeau. Die Frau gibt es nicht, den Mann auch nicht.
Lass uns Frieden finden, Anton, sie kommt nicht mehr, und wenn schon, du willst es ja.
Georg hörte Musik, Bachs h-moll, dirigiert von einem Langweiler, sie konnten dennoch nicht schlafen.
Maria atmete ruhig und gleichmäßig, Georg hatte sich zurückgezogen, er stand auf, setzte sich in die Schreibstube, suchte Ordnung in seine Gedanken zu bringen.
Zwei Tode gibt es, sagt Clemens, der zweite kommt vor dem ersten. Die Menge, die Maschinen, die Massen und ihre Gesetze, das Absterben, langsam, kein Amen, Routine der Gespenster, gespenstische Routine, solange der Treibstoff reicht. Wie Kinder sind die Menschen, die die Augen schließen und glauben, nicht gesehen zu werden. In welcher Weise greifen sie ineinander, der zweite und der erste. In einem Leben vor und nach zweifachem Tod, zwischen diesen zwei Toden. Ist das Wahnsinn oder Schicksal. Und der Schrecken, er hat nichts mit dem Tod gemein und führt zu ihm und über ihn hinaus. Auch zu sich, auch zu ihr, zu ihm … Die Liebe hat ein eigenes Gesetz. Es sei denn, man gibt nicht einmal das, was man nicht hat.
Maria stand in der Tür. Was ist mit dir. Nichts. Lass es gut sein. Gehen wir schlafen. Hast du Angst davor, einzuschlafen. Schau aus dem Fenster, was siehst du? Ich sehe einen Baum, Äste, Zweige, den Mond, ja, auch weiße Wölfe. Und hinter dem Vorhang steht Hans Moser als Napoleon. Je vous salueee.
Ich scheiß auf die Nebelweiber.

Allein, das Schuldgefühl der Lebenden lässt keine Toten kommen, so muss es sein. Und wenn Anton der schwarze Humor überkam, dachte er, dass alle diese Wesen einen neuen Körper suchen, um von ihm Besitz zu ergreifen, einen menschlichen, einen tierischen, wer weiß? Insekten hätten dann mit einer Wartezeit von unermesslichen Ewigkeiten zu rechnen. Tut mir leid, dieser Herr ist schon besetzt, spricht die Mücke zur Ameise.
Clemens, der als Sohn des Herrn Professor Rätselworte liebte, meinte, die Toten deuten nur, deuten nur in uns. In Katholiken das Fegefeuer, in Therapeuten die heiligen und unheiligen Familien, in Anthropologen die elementaren Strukturen der Verwandtschaft, in Philosophen den phantasmagorischen Grundzug am Erkennen, in Dichtern das Unheimliche.
Mit Recht und Gerechtigkeit haben sie jedenfalls nichts zu tun, fügt Paul hinzu, es gibt doch keinen einzigen Fall, wo ein an Hunger Gestorbener einem Börsenmakler erscheint. Der böse Werwolf, dieser untote Bettler, der in Vollmondnächten erscheint, um sich an unbarmherzigen Reichen zu rächen, da man ihm das Almosen verweigert hatte, ist heute ein bissiger, neurotischer Dackel.
Gespenster sind das Gesetzlose am Gesetz – so schwang man sich empor in dieser Metaphysik der schlecht beratenden Ratlosigkeit.
Das ist gut gemeint und sehr gescheit, diese Meistersprüche, warf Anton ein, immer wieder, sind mir keine Hilfe.
Bleib doch. Manchmal ging er.

Marias Schweigen gefiel ihm besser, solange ihr tiefes Verstehen ihn nicht erstickte. Es schmerzte an einigen Tagen, wie übermäßige Hitze es tut an unterkühlten Gliedmaßen, doch auch dies entging ihr nicht, sie hielt dieses Unbehagen für Liebe, die erst noch wachsen müsse an der ihren. An wenigen Tagen konnte und wollte er es begreifen, wenn sie sich ihr Haar band, an das Klavier setzte, in den Noten blätterte, sich für eine der Klavierpartiten Bachs entschied. Nur wenn sie sich an Schuberts letzte Sonate wagte, stand er auf, ging zu ihr hin, streichelte ihren gestrengen Nacken mit den aufgerichteten Härchen. Nicht jetzt Anton, nicht jetzt. Franz wollte sie ganz haben. Er dachte an Flucht.

Wir glauben an Gespenster, wir glauben nicht an sie, ein Glaube wäre es allemal, gab Paul an einem klaren Tag zu bedenken, wir müssen ihnen nicht mehr glauben als Lebenden.

© 2014 Drava Verlag, Klagenfurt

 

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