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Judith Nika Pfeifer: zwischen.

Prosa.
Wien: Czernin Verlag, 2014.
112 Seiten, geb., Euro 17, 90.
ISBN: 978-3-7076-0487-0.

Autorin

Leseprobe

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Geschichten vom unentschiedenen Leben

Das erste Buch mit Prosa, also Erzählungen und Kurzgeschichten von Judith Nika Pfeifer – sie veröffentlichte als Debut 2012 den vielbeachteten Lyrikband „nichts ist wichtiger. ding kleines du“ – hat einen unprätentiösen, ja, sehr verhaltenen Titel: zwischen. Wie fast jede Präposition lässt auch diese vieles, Vieldeutiges assoziieren: Man kann dabei etwa an Zwischenzustände und -welten denken, an das diffuse Licht zwischen Tag und Nacht, an ein Stadium des Uneindeutigen ebenso wie des Unentschiedenen. Und tatsächlich scheinen mehrere der zwölf in diesem Band enthaltenen Texte durch eines verbunden: die Personen, von denen Nika Pfeifer erzählt (oder, genauer: die sie erzählt), existieren quasi im Ungesicherten, Offenen, vielleicht Aussichtslosen, doch auch Freien, in Situationen des „Noch nicht“ oder „Nicht mehr“, und haben sich irgendwie – lakonisch, melancholisch, resigniert, mit Galgenhumor oder auch etwas Hoffnung – darin eingerichtet. Sogar der Tod, feststehend wie nichts, passt sich an und hat kaum mehr die Macht, dem Dasein Einzelner Konturen zu verleihen; als hätte die gegen die Köpfe anbrandende mediale Bilder-, Video- und Desinformationsflut, auch seinen Stachel gebrochen. Was ihn, unter einer bunten Oberfläche, wohl umso erschütternder macht.

Bereits zu Buchanfang, in der von Ilse Aichingers „Spiegelgeschichte“ angeregten und durch einen poetischen Tonfall hervorstechenden Erzählung „Zwischenfall“ (ein Wort, by the way, das oft als Euphemismus für mehr oder minder gravierende Unfälle herhalten muss) wird versucht, den Tod, als wäre er das dramaturgische Moment eines Kinofilms gewesen, zurückzuspulen: „So kommen die Särge in Gang: Rewind“, heißt es im zweiten Absatz, noch ist ja niemand begraben, und schon wird ein Trauerzug rückwärts aus dem Bild gezogen, bis er sich zerstreut, die Gräber von Vater und Tochter entleert und mit Erde gefüllt, bis Gras drüber wächst und bald auch ein tödliches Unglück wieder aufgehoben ist, die Toten kurz wiederaufleben können und die Zukunftsträume eines Mädchens eine Chance erhalten. Nur ist das Unglück tatsächlich geschehen und unwiderrufbar:
Nika Pfeifer nutzte als Stoff eine spektakuläre Tragödie aus dem Wien der Nachkriegszeit: Im Sommer 1949 stürzten der Artist Josef Eisemann und seine auf seinen Schultern sitzende Tochter Rosa von einem über den Donaukanal gespannten Seil in den Tod; Zeuge war ein großes, am Ufer wartendes Publikum (darunter übrigens der Vater des Schriftellers Peter Henisch, der die Episode im Buch „Die kleine Figur meines Vaters“ beschreibt).
Nika Pfeifer erzählt mit Blick auf das junge Mädchen, Rosa, und der Versuch der Aufhebung des schmerzlich Endgültigen, der mit dem Wort „Rewind“ einsetzt und von der erzählenden Stimme immer weitergetrieben wird, immer stärker wohl vom (nie ausgesprochenen) Wunsch durchdrungen, dass vielleicht, wenn nur die Erinnerung tatsächlich wie ein Film oder eine Simulation zurückgespult würde bis hinter den noch nicht ausgesprochenen Tod und über ihn hinaus, dass man dann einen Punkt erreichte, an dem auch die Gestorbenen vielleicht aus dem Geschehenen treten könnten wie Schauspieler, lebend:
„Sie sind tot, aber das wurde noch nicht gesagt. Also schnell! Und bevor einer etwas sagen kann, fährt der Rettungswagen leer und fröhlich zurück in die Zentrale der Wiener Rettungsgesellschaft und aus den Knochen der Zuschauer löst sich frisch wieder der Schreck, der in sie gefahren ist, über das Licht, den Fall, den Zwischenfall, die Netzhaut, die Iris, den Sehnerv, aus ihren Hirnwindungen, Synapsen, Gedanken, Gefühlen heraus (...)“.
Nach der Auslöschung der Tragödie aus den Köpfen, dem Rewind von zehn bis zum Nullpunkt, kann es weitergehen ...Von minus eins bis minus zehn, verschiebt sich die Situation ins Jenseits einer glücklichen Illusion. Dafür fallen Rosa und ihr Vater auch nicht nach unten in den Tod, sondern „kopfunter in die Höhe“, in den Luftraum der Träume (bzw. der Literatur), der nun nurmehr erträumbaren Zukunft, wo es nicht Fall noch finalen Zwischenfall gibt. Bis es „Stop“ heißt. In der anschließenden Anmerkung liest man: „Die Gegenwelt ist, was der Rückfall ist.“ Ludwig Wittgenstein – so könnte man, in einer Lesart, die hintergründige Pfeifer’sche Abwandlung seines berühmten Zitats interpretieren – dachte beim „Tractatus logico philosophicus“ (mit dem er die Bedingungen für „wahre Sätze“ über die Welt festlegen wollte) wohl nicht an die Literatur, die in ihrem Feld die Gesetze der Logik schlüssig außer Kraft setzt, um die meist sinnlosen Verletzungen und Zumutungen der Wirklichkeit zu heilen und dabei sichtbar zu machen.

Wie „Zwischenfall“ bezieht sich auch die raffinierte Kurzgeschichte „Das Reh / Allerwald“ auf ein historisches Ereignis: das tödliche Attentat auf Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajwo. Antriebskraft für die Tat, die den Ersten Weltkrieg auslöste, ist hier die Rache eines Rehs am – aus seiner Perspektive – Massenmörder Franz Ferdinand, der als Jäger „272.511“ Tiere auf dem Gewissen hat (oder nicht, da gewissenlos). Die vielschichtige, virtuos erzählte Geschichte um ein Tier, das sich an den Menschen rächt, auf dass diese beginnen, einander im großen Stil umzubringen, verhandelt die Frage der Gerechtigkeit ebenso wie die, ob in einer hierarchisch organisierten Welt, in der das sinnlose, rein zum Vergnügen verübte Töten von Tieren (heute auch: das Quälen in Massentierhaltungen) nicht zwangsläufig ein Indiz dafür ist, dass es auch unter Menschen keinen Frieden geben kann und dass, salopp gesagt, alles zusammenhängt, der Mensch aufhören sollte, sich als „Krone der Schöpfung“ aufzuführen, dass jedes Detail, jedes Wesen angemessen beachtet und wertgeschätzt sein will – wie der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings, der anderswo den Orkan auslöst.

Nika Pfeifer gelingt in vielen der in „zwischen“ versammelten Geschichten das Meisterstück, mit leichter Hand, konzentriert und lakonisch so zu erzählen, dass von Satz zu Satz, mit steigender Spannung, der Freiraum wächst, in dem diese Texte zu schweben scheinen und dem sie sich öffnen – es mag der freie Raum des jederzeit unsicheren Lebens sein, der wichtigen Fragen, nach Sinn, Liebe und Tod. Mehr kann man von Kurzgeschichten nicht erwarten; und alles wird hier eingelöst, auch und vielleicht gerade dort, wo die 1975 geborene Autorin souverän ihre eigene Generation skizziert, die es – zwischen (sic!) mobilen Prekariatsjobs und abgeklärten oder unentschiedenen Liebesverhältnissen, zwischen medialen Verlockungen und realen Enttäuschungen – schwer hat, sich entschiedener im Dasein einzurichten.
Da gibt es etwa Herbert (in: 15 Minuten), der zum Yoga-Unterricht geht, weil er sich in die französische Lehrerin verliebt hat und plötzlich, während einer Atemübung, zu sterben glaubt – eingeholt von der traumatischen Erinnerung an einen Verkehrsunfall, bei dem ihm Eltern und Schwester starben. Als die Todesangst vorbei ist, erklärt er Veronique, die etwas gemerkt hat oder auch nicht, nur: „I am fine“ und verabschiedet sich. Oder es gibt die junge Frau, die (in: Augenpaare) den Status ihrer Jungfräulichkeit beenden will und darum nach einem Konzertbesuch einen 29-jährigen, verheirateten Förster zum One-Night-Stand in ihr Zimmer mitnimmt, und während des Sex im Dunkeln beständig fürchtet – vielleicht aber zugleich wünscht –, dass ihre Mitbewohnerin, deren Bett im gleichen Raum steht, möglicherweise etwas mitbekommt. Oder Ivan, der eigentlich Owen heißt (in: Owen und ich) und an der Ich-Erzählerin – die eigentlich schreiben will, aber ihr Geld als Kellnerin verdienen muss – sein garantiert funktionierendes, esoterisch anmutendes Programm für mehr Glück und finanziellen Wohlstand erprobt ... um nur einige der Figuren zu nennen, die, stets ein wenig tragikomisch, mitunter skurril, doch immer als sei’s die Wirklichkeit, durch Nika Pfeifers Prosa ziehen.

Zuletzt erwähnt sei noch die Künstler/innen/gruppe, die in einer Geschichte im Sommer 2014 in der deutschen Stipendiatenstätte Wiepersdorf dem Weltmeisterschaftsspiel Deutschland–Portugal zuschaut; nach Abpfiff der Partie bedroht eine von ihnen die anderen mit einem gefundenen Revolver ... Bis es zu diesem Ende kommt, liest man einen Text, der der Aufzeichnung eines lose schlingernden Gesprächs vorm Bildschirm mehr als nahekommt; banale Bemerkung zu Gesehenem, Kommentare zum Match, den Spielern, Erregung angesichts eines Tors vermischt mit freien Assoziationen, privaten Erinnerungen – quasi ein kollektiver Stream of Conciousness, frei flottierend, bis eben die Frau mit dem Revolver kurzfristig die Möglichkeit aufzeigt, dass dies vielleicht schon alles gewesen ist, das ganze Leben. Nika Pfeifer gab der Geschichte den Titel „Tschechows Revolver“. Und wer weiß, der russische Schriftsteller, der wie kaum einer – anhand von Dialogen russischer Landadeliger vor der Revolution – zeigte, dass es eine Oberflächlichkeit der Rede gibt, die auf Fluchtbewegungen beruht, möchte sich in unseren Tagen ein ähnliches Sujet gesucht haben. Auf jeden Fall, meint die Rezensentin, hätte er Nika Pfeifers leisen, intelligenten Witz schätzen können, der – sei abschließend hinzugefügt – in keiner der facettenreichen Geschichten fehlt.

Birgit Schwaner

22. Oktober 2014

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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