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Anna Estermann/Hans Höller (Hg.): Schreiben als Weltentdeckung. Neue Perspektiven der Handke-Forschung.

Wien: Passagen Verlag, 2014.
289 Seiten; 32,90 EUR.
ISBN 978-3-7092-0136-7.

Anlässlich des siebzigsten Geburtstages von Peter Handke wurde im Oktober 2012 an der Universität Salzburg ein internationales Symposium abgehalten, dessen Fokus auf einen bestimmten Aspekt von Handkes Schaffen gerichtet war, und zwar auf die »selten so konzentriert gestellte Frage nach der Besonderheit der geschichtlichen, in einem neuen Sinn realistischen Dimension seines Schreibens« – so Hans Höller in der Einleitung (S. 12) des von Anna Estermann und ihm herausgegebenen Bandes, der die Beiträge des Symposiums versammelt. Höllers Perspektive mag auf den ersten Blick anlässlich der massiven Präsenz von Geschichte (und politischer Gegenwart) in vielen Texten Peter Handkes – vor allem, aber nicht nur, in den so genannten »Jugoslawien-Texten« der 1990er-Jahre – erstaunen. Das Erstaunen wird nicht weniger, wenn man bedenkt, dass Geschichte als Folie der Abgrenzung auch in jenen Werken Handkes präsent ist, die sich, so zumindest die Formulierung von Günter Nenning in einem 1973 mit Peter Handke geführten Interview, einer »formalistischen Literaturtheorie« verpflichtet fühlen – Anna Estermann zitiert diese Passage in ihrem hervorragenden Beitrag (S. 120). Allerdings hat Höller recht, wenn er meint, dass die »realistische Dimension« in Handkes Werk bislang vergleichsweise wenig beachtet wurde, verknüpft man doch Handkes Poetologie mit einer konzentrierten Arbeit an der Sprache und an der Form, die allenfalls über Umwege (aber wohl nicht über ein ›realistisches Schreiben‹) der Welt zugewandt ist und diese in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Die Beiträge des Bandes, die Höller durch »Familienähnlichkeiten« im Sinne Ludwig Wittgensteins zusammengehalten sieht, scheinen mir trotz aller Heterogenität unterm Strich zwei entscheidende Dinge zu leisten: Auf der einen Seite gelingt es den BeiträgerInnen (ob dezidiert oder unterschwellig, ob direkt oder indirekt) Handkes Position aufzuzeigen (auch wenn dies schon andernorts mehrfach unternommen wurde), dass nur Arbeit an der Form einen veränderten Umgang mit sozialen Wirklichkeiten erlaubt und somit à la longue auch andere Wirklichkeiten zu generieren imstande ist. In einer Überspitzung von Thesen des Russischen Formalismus könnte man auch sagen: Nur wer anders (und gerade eben nicht ›realistisch‹) schreibt, wird die Wirklichkeit verändern können. In der Literaturtheorie gibt es seit den Russischen Formalisten unterschiedliche Versuche, ein Beschreibungsinstrumentarium für diese Ansicht zu entwickeln: Das reicht von Šklovskijs und Brechts Verfremdungstheoremen über die Rezeptionsästhetik von Jauß und Iser bis zu poststrukturalistischen und konstruktivistischen Theorien.

Auf der anderen Seite gelingt den AutorInnen aber auch der Aufweis, dass es das literaturwissenschaftliche Beharren auf eben dieser Position (kommt sie doch LiteraturwissenschaftlerInnen sehr gelegen, weil sie nicht nur die oft erwünschte Autonomie der Literatur, sondern auch die der Literaturwissenschaft zu garantieren scheint) war und ist, die den Blick für jene Aspekte in Handkes Poetologie und Werk verstellt, die mit dem Begriff »formalistisch« (egal ob als Lob oder als Abwertung gemeint) keineswegs zu fassen sind – und hier erschließt der vorliegende Band einiges an Neuland.

So zeigt Evelyne Polt-Heinzl anhand des Versuches über die Jukebox, dass die in den Büchern von Handke »verarbeiteten außerliterarischen Referenzsysteme – allen voran das gesellschaftspolitische« (S. 47) gerade auch durch kulturwissenschaftliche und medientheoretische Fragestellungen ausgeblendet bleiben. Dass es auf der anderen Seite auch die »Folgen des omnipräsenten Storytellings« (S. 48) sind, die einen Autor, der über Jukeboxes, Pilze und andere ›nebensächliche‹ Dinge schreibt, und sein Werk als weltabgewandt erscheinen lassen, auch wenn sie es keineswegs sind, thematisiert Polt-Heinzl ebenfalls. Sie erinnert damit wohltuend daran, dass Realismus nicht heißen muss, ›realistische Geschichten‹ zu erzählen, sondern auch bedeuten kann, die (zunehmend verschwindenden und) scheinbar unbedeutenden Dinge des Alltags literarisch festzuhalten.

Anna Estermann, um nur ein anderes Beispiel aufzugreifen, argumentiert in dem Band überzeugend dafür, dass man um 1970 in Handkes Schaffen einen »realistic turn« (S. 97) feststellen könne, der sich von früheren (etwa 1966 in Princeton vorgetragenen) Positionen abwendet, ohne freilich in jenes Programm des »Neuen Realismus« zu passen, das Marcel Reich-Ranicki (den Peter Handke bis zum Schluss nicht ausstehen konnte) als »Literatur der kleinen Schritte« bezeichnete (vgl. S. 100). Dass Handke dabei erstaunlicherweise auf Georg Lukács rekurriert, überrascht vielleicht nur auf den ersten Blick, denn wer das Realismus-Konzept von Lukács besser kennt (als Reich-Ranicki es wohl kannte), wird bei näherem Hinsehen bemerken, dass sich Handkes Schreiben nicht von jeglichem Realismus loslösen will, sondern möglicherweise nur von dem, was Lukács als »naturalistischen« Schreiben kritisierte.

Estermann verortet Peter Handkes Werk in einem komplexen Spannungsfeld von »Entautomatisierung« auf der einen Seite, »Referentialisierung« auf der anderen (S. 102). Dies tun ebenso auf die eine oder andere Weise die anderen Beiträge des Sammelbandes, wenn auch, wie gesagt, nur über Relationen der »Familienähnlichkeit« miteinander verbunden. Karl Wagner widmet sich der Erzählung Der große Fall, Clemens Özelt Noch einmal für Thukydides und Begrüßung des Aufsichtsrates. Clemens Peck geht Text-Bild-Relationen in Handkes Texten nach, vor allem in Don Juan (erzählt von ihm selbst), und stellt dabei (mit Roland Barthes' Die helle Kammer) auch die Frage nach der Referentialität von Fotografien. Norbert Christian Wolf verknüpft Handkes Die Angst des Tormanns beim Elfmeter mit der 1966 erschienenen wissenschaftlichen Studie Die beginnende Schizophrenie. Versuch einer Gestaltanalyse des Wahns von Klaus Conrad, die Handke 1968 bei einer Umfrage als das »wichtigste Sachbuch des Jahres« bezeichnete (S. 166). Herwig Gottwald fragt nach dem Stellenwert des ›Bösen‹ im Werk Handkes, Leopold Federmair geht dem Chinesen des Schmerzes nach, der Theologe Andreas Bieringer untersucht »Peter Handke im Spannungsfeld von Liturgie und Literatur« (S. 231), während Oswald Panagl Handkes Übersetzungen griechischer Tragödien analysiert.

Besonders bemerkenswert ist der Text von Boris Previši?, weil er die topographischen Bezüge von Handkes Bildverlust herausarbeitet und das Buch so sehr direkt in konkrete Wirklichkeiten einzubetten vermag, wobei Previši? vor allem die »Musikalisierung des Erzählens und der Landschaft selbst« und einen »intermediale[n] Wechsel vom Optischen ins Akustische« (S. 45) feststellen zu können glaubt, ja sogar von einem »Paradigmenwechsel vom Visuellen zum Akustischen« spricht (S. 250). Die Referenz auf Sinneswahrnehmungen und -erfahrungen verortet Handkes Werk noch einmal anders und neu in realen Erfahrungswelten. Den Abschluss des Bandes »bildet die letzte literaturwissenschaftliche Arbeit von Adolf Haslinger, der am 7. Jänner 2013 im Alter von 79 Jahren verstorben ist« (S. 273) und ein Freund Peter Handkes war – ein würdiger Abschluss für einen wichtigen Band.

Mag sein, dass der Sammelband ›nur‹ für eine spezialisierte wissenschaftliche Community (insbesondere für Handke-ForscherInnen) eine gewinnbringende (und durchaus auch vergnügliche) Lesereise ist – aber dies einem literaturwissenschaftlichen Tagungsband zum Vorwurf zu machen, wäre absurd, zumal dem Buch zweierlei gelingt, was gerade bei einem Schriftsteller, dessen Werk seit vielen Jahren in der Literaturwissenschaft häufig Gegenstand von Analysen ist, keineswegs selbstverständlich ist: Erstens erschließt er Neuland, zweitens gibt er auch jungen ForscherInnen wie Anna Estermann, Clemens Özelt oder Clemens Peck die Möglichkeit, sich in der germanistischen Literaturwissenschaft (und in der Handkeforschung) zu positionieren und zu etablieren. Sie haben die Chance genutzt.

Martin Sexl
November 2014


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