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Leopold Federmair: Wandlungen des Prinzen Genji.

Leseprobe (S. 158-160):

Schließlich habe ich im Verlauf der Jahre, die ich hier schon verlebt habe, mitansehen müssen, wie eine Vielzahl von Plätzen, Sträuchern, Wiesen, Bäumen, Pilzen, aber auch Völkerschaften von Tieren, Vögeln, Fischen, Kaulquappen, Fröschen (nur die resistenteren Arten quaken weiter) – wie vor allem die widerspenstigen Elemente, die sich dem menschlichen Planen verweigerten oder einfach vergessen worden waren, nach und nach beseitigt worden sind, ohne daß ich je irgendwelche menschlichen Bedenken oder Proteste bemerkt hätte. Die Kiefer vor unserem Wohnblock, der kleine Hausgarten am Kamogawa in Kyoto, die wuchernden Grasflächen um die sozialistischen Plattenbauten der Eisenbahner in Ibaraki-shi, die terrassierten Seerosenteiche in einem Steilhang von Mitaki und der winzige Schrein daneben, die Jizo-Behausung: alles weggeschnitten, planiert, betoniert. Mein erster Eindruck in Japan, auf dem Weg vom Flughafen Nagoya in die dortige Stadt, Ende März und zu Beginn des 21. Jahrhunderts: die radikal zusammengestutzten, ja verstümmelten Bäume am Straßenrand, die eben erst aus dem Winterschlaf zu erwachen begannen. Solche Pflege dient dem neuen Wachstum, gewiß. Die Kräfte sollen nicht zersplittert und vergeudet, sie sollen gesammelt und konzentriert werden. Alles hat seine Zeit, eine Welle folgt auf die andere, im Sinn der natürlichen Abfolge zentrifugal/zentripetal, Systole/Diastole, Austausch und Bewahrung ... Wenige Tage später explodierte der so lange zurückgehaltene Frühling, die rosa und weiße Blütenpracht der Kirschbäume prasselte in den Raum.
Trotzdem. Die Naturliebe der Japaner ist eine Liebe zum Klischee, zu den eigenen, menschlichen, allzu menschlichen Gewohnheiten und Überlieferungen. Tradition ist Trägheit. Was dem Klischee nicht entspricht, wird zuerst einmal ignoriert und später beschnitten, beseitigt. Zum Leben braucht man keine Natur, die Backsteine der Häuser sind aus Kunststoff: seriell produzierte Häßlichkeit, die ganze Landstriche als grau-brauner Einheitsbrei überzieht. Das ist die Wirklichkeit, jeder kann sie sehen, niemand will sie sehen, deshalb gibt es den Schmuck zu kaufen, Attrappen von Natur und Kultur. Wie auch die schönen Verpackungen längst zu einem Erstickungsstoff geworden sind, der den Dingen den Atem raubt: Sorgfalt, ja; nein, Gewohnheit. Kein Kunde verläßt den Supermarkt ohne Folien und Hülle, Kartons und Kistchen, jedes Ding mehrfach umschlossen, umwickelt. Allein die Shinto-Zonen werden respektiert, kleine Reservate in den Städten, an dieser Überlieferung soll weder durch Trägheit noch durch Innovationsgeist gerüttelt werden, und auch der Aberglaube blüht, genau wie in den erzkatholischen Ländern, weniger grell zwar, aber nicht weniger kräftig: Amulette für Heirat Gesundheit Nachkommen Studienerfolg …


© 2014 Otto Müller Verlag, Salzburg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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