Gerhard Roth: Grundriss eines Rätsels.

Roman.
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2014.
506 Seiten; gebunden; 25,70 Euro.
ISBN 978-3-10-066068-8.

Autor

Leseprobe

Gerhard Roth ist einer der ganz wenigen österreichischen Großschriftsteller, wobei ich mich auf keine geringeren als Robert Musil oder Elias Canetti beziehe. Er ist es wegen seines umfangreichen sowie umfassenden Werks – und nicht, weil ihn irgendein Reporter irgendeiner bunten Bundeshauptstadt-Wochengazette dazu machen würde. Mit dem „Grundriss eines Rätsels“, seinem mehr als fünfhundert Seiten langen neuerlichen opus magnum, bestätigt er seinen Rang in der deutschsprachigen Literaturlandschaft ... eindrucksvoll.
Zweiunddreißig Jahre lang hat der heute zweiundsiebzigjährige Schriftsteller an seinen beiden Romanzyklen „Die Archive des Schweigens“ (1980 – 1991) und „Orkus“ (1995 – 2011) gearbeitet. Entstanden ist, wie der Verlag meint, „ein einzigartiger Kosmos der Literatur und des Denkens“. Diese Rothsche Schöpfung umfasst nicht nur klassische Romane, sondern auch dokumentarische und essayistische Bände, nicht zuletzt tritt der Autor hier als Fotograf auf, doch in dieser Profession weniger überzeugend. Der „Orkus“-Band war der Endpunkt einer monumentalen Arbeit. Er ist, kurz gesagt, die Essenz eines langen und wohl auch erfolgreichen Schriftstellerlebens. Nun beschäftigt sich Gerhard Roth wiederum mit einem Schriftsteller und dabei ist die Frage, ob er über sich selbst nachdenkt, bestimmt nicht verwegen.

Im „Grundriss eines Rätsels“ wird ein Schriftsteller von Baulärm aus seinem Haus vertrieben und begibt sich auf eine Odyssee durch das Wien, das Gerhard Roth genau kennt und in seinen Romanzyklen auf das Minutiöseste beschrieben hat. Im Buch taucht selbstverständlich die Steiermark auf, die Roth mindestens so gut kennt wie die Bundeshauptstadt. In einem abgelegenen Teil der „Grünen Mark“ werden – gleichsam tagesaktuell - drei tschetschenische Flüchtlinge … ermordet. Und weiter: Eine Apothekerin versucht sich mit ihrem Sohn gegen widrige Umstände zu behaupten. Ein Schauspieler kehrt im Jahr 2040 (!) an den Ort seiner Kindheit zurück, eine Journalistin reist auf der Flucht vor sich selbst nach Japan und ein alter Mann erinnert sich, wie im Jahr 1902 in Venedig der Campanile einstürzt. So weit, so gut.
In Gerhard Roths Großroman der Täuschungen ist nichts, aber schon gar nichts, wie es scheint, und alles möglich. Die Ungewissheit wird zum verborgenen Abenteuer des Alltags. Und dadurch wird der „Grundriss eines Rätsels“ selbst das größte Rätsel beziehungsweise der Spiegel des Rätsels unseres Lebens. Im Eigentlichen geht es um die Wirklichkeit und ihre Wahrnehmung.
Um es noch genauer zu sagen: In Roths Roman löst sich der Schriftsteller durch eine Gasexplosion in Luft auf. Mit seinen Manuskripten. Alles das passiert am Heumarkt in Wien. „Es schien ihm als ein geradezu poetischer Akt, sozusagen im Leben zu sterben und im Leben ein Weiterleben nach dem Tod zu erfahren. Das erste Leben abzuschließen und das zweite Leben als Jenseits aufzufassen.“
Ein Germanist begibt sich in der Folge auf die Suche nach Schriftstücken des Autors. In dieser sonderbaren Geschichte muss dann auch Sex eine Rolle spielen. Der Germanist beglückt in der Steiermark die Geliebte des Schriftstellers. Er wird aber nicht nur in das Zwischenmenschliche verwickelt, sondern auch in einen Kriminalfall, jenen mit den ermordeten Tschetschenen. Hier nimmt Gerhard Roth ganz eindeutig Stellung gegen Fremdenhass sowie Rechtsextremismus und es ist nichts dagegen einzuwenden, dass auch in einem Roman klipp und klar gegen Unmenschlichkeit geschrieben wird. Roths Absage gegen rohe Gewalt, inhumanes Verhalten und sinnlose Zerstörung ist kompromisslos.
Der Schwindel geht weiter, ebenso dehnen sich die sexuellen Beziehungen aus. Anders gesagt, es wird kreuz und quer … geschlechtlich verkehrt. Zuletzt taucht der Schriftsteller wieder auf. Und damit die Frage, wen das Gas tatsächlich aufgelöst hat. Aber auch die Frage, ob die ganze Welt ein Theater ist oder gar ein Traum. Gerhard Roth meint, im Lauf des Lebens stehe man immer wieder vor Rätseln. Mit dem neuen Roman stellt er die Leserin und den Leser vor das Rätsel des Daseins, des Erlebens und des Sehens sowie der Erinnerung.
Die wichtigsten Elemente in Gerhard Roths neuem Roman sind die ästhetischen und ethischen. Und natürlich die inhaltliche Komplexität, die – mit stilistischer Sicherheit - so gewoben ist, dass sich zuletzt die gestellten Fragen beantworten lassen, obwohl der Roman insgesamt mehr Rätsel als Lösungen enthält.

Janko Ferk
11. November 2014

Originalbeitrag
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