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Stefan Abermann Schatzkästlein des reinlichen Hausfreundes.

Leseprobe:

Ein Wort, sie
alle zu
knechten

Die Welt ist voller wiederkehrender Muster. Wir lernen das jeden

Tag: Eine Rolltreppe fährt. In der Küche kocht man. Im Wohnzimmer

sitzt man auf dem Sofa. Das ist die Norm.

Wenn etwas von der Norm abweicht, dann verunsichert uns

das. Wenn die Rolltreppe stillsteht, stolpern wir. Wenn in der Küche

ein Klo steht, stutzen wir, und wenn im Wohnzimmer unser

Lebenspartner am Kronleuchter hängt, dann gefällt uns das nicht.

Lieber ist es uns, wenn er auf dem Sofa sitzt. Meinetwegen tot,

aber dort ist er wenigstens gut aufgeräumt. Dann ist wieder Ordnung.

Und Ordnung muss sein.

Oft braucht es nur wenig, um uns dieses Gefühl von Sicherheit

zu geben. Wenn ich Stabilität suche, steige ich in Fahrstühle.

Denn es gibt ein Wort, das alle Fahrstühle der Welt miteinander

verbindet. Betritt man einen Aufzug, fühlt man sich dadurch sofort

zuhause. Denn da steht es, gleich über den Stockwerkknöpfen eingeritzt,

ein Wort:

SEX.

Ich lese es und bin glücklich.

Es gibt wohl keinen Aufzug auf der Welt, in den nicht irgendwann

jemand das Wort Sex geritzt hätte. Auf mich wirkt das beruhigend.

Es ist, als kommt man in ein fremdes Hotelzimmer und erkennt

an der Einrichtung die fürsorgliche Handschrift eines geliebten

Menschen.

Ich weiß nicht, ob Sie sich jemals über dieses Phänomen Gedanken

gemacht haben, doch wenn man es näher betrachtet, ist es

von epochaler Tragweite. Denn wie passiert so etwas? Geht man in

den Aufzug hinein, sieht die jungfräuliche Konsole und denkt sich:

»Na, was könnte ich da wohl hinschreiben? Was geht mir gerade im

Kopf umher? Natürlich, Sex, ja, das fehlt da noch. Nicht ficken,

nicht bumsen oder I was here, nein, Sex! Es sollte am besten ein

ganzes Stockwerk geben, das so heißt.«

Also schreibt man das doch glatt mal hin, damit die anderen

auch etwas nachzudenken haben. Und, natürlich, gleich darauf

steigt jemand ein, liest es und denkt sich: »Stimmt, Sex, gut, dass

das einmal in dieser komplexen Weise angesprochen wurde, so ein

Tabuthema, das traut sich ja heutzutage niemand mehr, bei der

ganzen Reizüberflutung und so. Jetzt werde ich mein Leben ändern.«

All das nur wegen eines Wortes. Sex.

Was geht in den Leuten vor, die so etwas schreiben? Das schreiben

ja Menschen, die offensichtlich nur mit Mühe überhaupt

schreiben können. Und doch verspüren sie ein gewisses Mitteilungsbedürfnis!

Hat der Sexerich in Wahrheit eine wohldurchdachte

Botschaft? Vielleicht hat er alles von langer Hand geplant.

Er hat einen Aufruf verfasst, um die Welt zu retten! Also setzt er

an, »Sehr geehrte Damen und Herren …« wollte er schreiben,

doch schon nach den ersten zwei Buchstaben spürt er, dass der

Fahrstuhl anhält, und er bemerkt, dass er die Botschaft niemals

fertigstellen wird. Das ist wie in der Schule, wenn die Schularbeit

abzugeben ist und die Glocke schon geläutet hat, und der Lehrer

fordernd vor einem steht, dann muss da jetzt noch schleunigst dieser

letzte Satz hin, damit es nicht ein totaler Reinfall wird, schnell,

schnell, bevor abgesammelt wird, bevor die Fahrstuhltür aufgeht,

irgendetwas, irgendetwas, das Sinn macht! Aber was macht denn

Sinn? Was mach’ ich denn jetzt? Ein S und ein E? Man war ja auch

beim Scrabble immer schon so schlecht!

Daher: S-E-X.

Und ich frage mich, wie der Sexerich dann aussteigt. Hat er das

Gefühl, dass dieser eine Buchstabe nochmal alles ins Lot gebracht

hat? Hat er dieses erlösende Gefühl verspürt, wenn man etwas gesagt

hat, was man schon seit Langem mit sich herumgetragen hat?

Spürt er die Verbundenheit mit all den anderen Fahrstühlen, jenem

Netzwerk aus Kritzeleien, das sich über den ganzen Globus

zieht? Und schaut er nochmal verstohlen über die Schulter und taxiert

die nächsten Passagiere, wie sie überrascht dieses eine Wort

an der Wand bewundern?

Versucht er sich einzureden, dass dieses eine Wort dort an der

Fahrstuhlkonsole so inhaltsleer ist, dass sich jeder selbst eine weltbewegende

Botschaft dazudenken kann? Denkt sich der Sexerich

dann: Ich habe gerade die Welt geändert, weil ich allen die Botschaft

gebracht habe, die sie gerade gebraucht haben. Mein Wort

ist nicht umsonst! Es ist mehr. Etwas, nach dem alles gesagt ist. Etwas,

das bleibt.

Das sollte man mal auf einer Bühne versuchen. Wäre schön

wenn das ginge. Einfach so: »SEX!«, und dann …

 

© 2014 Milena Verlag, Wien

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