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Andrea Stift: Auf Watte.

Erzählung.
Graz: Leykam Verlag, 2014.
130 Seiten; broschiert; Euro 16,-.
ISBN-13: 978-3701179008.

Autorin

Leseprobe

Ein Zitat von Horst Waggershauser, der öfters Texte von Andrea Stift in Musik setzt, ist dem neuen, stark autobiografisch gefärbten Buch der Autorin vorangestellt: „Nicht jedes Buch erzählt von seinem Inhalt.“
Der Satz ist dem Buch Programm. Denn von dem, was eigentlich erzählt werden sollte, kann die Erzählerin schlichtweg nicht sprechen. Ja, sie sollte über den Vater sprechen, ja, sie würde über ihn sprechen wollen, würde dieses Sprechen wahrscheinlich sogar brauchen, aber Sprechen ist nun einmal das Sprechen von Abwesendem, das Sprechen über jemanden ist die Beschwörung seiner Abwesenheit, und die kann die Erzählerin nicht ertragen.

Der Band eröffnet mit einer kurzen Situationsbeschreibung: Der Vater ist tot, hat sich im Bad erschossen, bevor der Krebs ihn töten konnte. Punkt. Ab nun geht es in dem Buch um ein langwieriges Abirren, den Versuch einer Abschweifung, einer Vermeidung, die Geschichte einer vergeblichen Flucht und einer immer wieder scheiternden Wiederannäherung an die Realität. Es geht um die Mutter, die sich in einem Heim für alkohol- und/oder demenzkranke Menschen aufhält, weil die Tochter sie nach dem Tod des Vaters dazu überredet hat. Diese Mutter – „der lustigste Mensch auf Erden“, aber eben nicht, wenn sie betrunken ist – ist ein brüchiger, zwiespältiger, nicht strapazierfähiger Rettungsring in diesem Leben. Was aber gibt es sonst, woran man sich halten könnte? Die Lebensmittel im Kühlschrank werden aufgezählt, es wird – Flasche für Flasche – der Vorrat an Alkoholika ausgebreitet. Die Erzählerin hantelt sich von Gebinde zu Gebinde, jedes einzelne vielleicht eine Sekunde, die vergeht, die bewältigt ist; jede Flasche die Verheißung, mit dem Trinken etwas später, wenn der Bericht ausgesetzt wird, noch viel mehr Zeit totschlagen zu können; als könnte diese Abtötung dem Tod des Vaters ins Gesicht geklatscht, als könnte der Tod dadurch beleidigt oder vielleicht gar erweicht werden. Die Tochter beginnt regelmäßig ins Heim zu pilgern, zunächst zur Mutter, doch immer mehr werden die Heimbewohner – wird das Heim selbst – zur Zuflucht.
Während sie außerhalb des Heims am liebsten gar nicht über ihre Mutter spricht, um nicht zugeben zu müssen, dass sie sie „abgeschoben“ hat, kann die Erzählerin selbst ihre Verlorenheit auch nur diesem Heim und seinen Bewohnern überantworten – wie man sich an einem Elternteil festhält, der schlimm, aber eben weniger schlimm ist als der andere. Die Heimbewohner, unter denen sie die Junge ist, diejenige, die Frische verströmt, studiert die Erzählerin nachgerade, studiert ihre Persönlichkeitsveränderungen unter Alkoholeinfluss, sie beobachtet sich aber auch selbst, sieht zu, wie sie mit der Trauer hantiert wie mit einem fremden Gegenstand. Gelegenheitssex, Gelegenheitssjobs, Heimbewohner, mit denen man sich anfreundet und die plötzlich an ihrer Sucht sterben – im Leben der Protagonistin gibt es nichts Verbindliches. Nur der Alkohol bietet zuverlässig eine Anästhetisierung der Trauer, die keine Ästhetisierung erlaubt, und so ist es nur logisch, dass die Protagonistin ihm immer mehr verfällt. Es beginnen die Rituale der Selbstbelügung, des Beinahe-Aufhörens, des Total-Abstürzens.
Schließlich zieht die Erzäherin selbst ins Heim. Auch sie ist nun eine von denen, die keine Besuche von außen bekommen. Und dass es immer noch nicht gelingt, die Trauer anzuschütteln, ist geradezu beruhigend. Man richtet sich im Schwebezustand, als der sich der Abstieg tarnt, auf Dauer ein. Oder doch nicht? Mit „Alternativ“ übertitelt die Autorin das letzte Blatt des Buchs. Die Erzählerin hat eine feuchtfröhliche Nacht hinter sich, eine Nacht voller Freude, eine Nacht mit Freunden. Ein einmaliger Ausrutscher? Ist die Erzählerin am Absturz vorbeigeschrammt?

Noch einmal zurück zum Beginn des Textes, zu diesem Satz über den Vater, über den nicht gesprochen wird: Er, der Vater,„hat sich mit seiner ganzen Kraft ins Badezimmer gesetzt, direkt in die Duschkabine hinein, damit wir weniger zum Putzen haben.“ Ein roher Satz, in dem die Praxis des Selbstmords, die an etwas wie einen kalten, metallenen Seziertisch erinnert, zutage tritt. Der Ausschnitt zeigt: Die Sprache dieses Textes ist keine Schriftsprache. Die Erzählerin verwendet die Umgangssprache mit all ihren Holprigkeiten und Verstößen gegen die gute Ordnung von Duden und Co. Die gute Ordnung kann diese Tage nicht zusammenhalten, nur die Verweigerung, das Geschehene zu fassen, eine Verweigerung, irgendetwas in die Hand zu nehmen. Schriftsprache und Contenance sind angesichts der Umstände Makulatur. Es kann hier einfach nur noch ein Satz nach dem anderen bewältigt werden, um vielleicht am Ende bei einem Hoffnungsschimmer anzukommen, einem – wie die Autorin formuliert – „harsh light of day“.

Lisa Spalt
25. November 2014

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.



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