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Miriam H. Auer: Hinter der Zeit

Umnachtungsnovelle.
Klagenfurt: Edition Meerauge,
Verlag Johannes Heyn, 2014.
254 Seiten; geb.; Euro 18,90.
ISBN 978-3-7084-0532-2.

Autorin

Leseprobe

James Joyce kommt hinter der Zeit aus Verlärntenreich.

Eingangs gestehe ich, ein notorisch geübter Vielleser und zumal leidvoll geprüfter Übungsleser von Anfängertexten, ich habe in dem Buchdebüt von Miriam Auer zuerst immer nur maximal eine halbe Stunde lesen können. Das klingt nicht nach einer Empfehlung, soll aber eine werden. Das ist ein Text, in dessen Sätzen, in jedem einzelnen, Preziosen stecken. Die Lektüre gerät zu einem Lesen wie einem Tauchen, bei dem man in jeder Muschel Perlen findet.
Wer da nur hinein blättert, wird voreilig meinen: Das ist Signifikanten-Wildwuchs, zur sprachexperimentellen Masturbation. Wer sich aber einlässt, wer weiter liest und fertig liest, wird feststellen: Jeder Satz sitzt! Zum Äußersten getriebener Assoziationen-Reichtum einer Sprachkunst, die kein Wortspiel auslässt, aber nicht um des reinen Experiments willen, sondern stets in Fühlung mit einer erzählten Geschichte, in der es an Hand eines sozialen Mikrokosmos um alles geht, um die ramponierte, aber unzerstörbare menschliche Existenz.
Die Hauptfigur Antonym Vogel, „Anto saß über dem Foto eines alten Mannes, der ihm jetzt bekannt vorkam, der wohl sein Vater war. Der seiner Mutter einmal sehr wehgetan haben musste.“ Das ist die Schicht des Signifikaten, des zutiefst Bedeutenden in dieser Geschichte. Und daran schließt die Ausleerung: „Mitten in die Sandkiste von Klein Jesus-Maria, was mehr Mist als Sinn macht, aber trotzdem als beispielhaft für das Leben in Bad Bizarr-Margherita gedeutet werden darf. Darf, nicht muss.
Es steht uns jederzeit frei, scheinbar leere Worte mit Inhalt zu füllen.“ In dieser Passage (S. 163) erscheint das Programm der jungen Dichterin Miriam H. Auer. Es ist ein sehr anspruchsvolles, wohl exzessiv künstlerisches, zugleich aber höchst intellektuelles Programm. Mit philosophischem Tiefgang, aber in skurriler satirischer Übertreibung und mit Genauigkeit und Seele schafft die Erzählung eine ausgeklügelte, vollständige Gegenwelt zu unserer kranken Welt.
Aus der genommen, erhält alles einen neuen Namen, die Orte, die Personen: Bad Bizarr-Margherita in Verlärntenreich, die Bürgermeisterin ist „Dr. rer. nut Canossa, ehemals Nussexpertin mit einem Diplom von der Makadamiaakademie“ (S. 11) So wird alles sprach-verwandelt, in eine Struktur des Surrealen, des Grotesken, des manchmal Makabren. In grotesker Verfremdung sind alltägliche Konsumgewohnheiten und –abhängigkeiten, alltägliche Verletzungen und Selbstverletzungen, Selbstverstümmelungen vorgeführt, an traumatisierten Frauen und Männern, sexueller Missbrauch, sadomasochistische Praktiken, Alkoholismus, Krankheit, Alter, Tod. Die literarische Erzählung lässt sich als ärztliches Protokoll eines Psychiaters ausbuchstabieren, als psycho- und soziopathologische Diagnose. Sie bewegt sich doch, diese Welt, ist keine in Sprache erstarrte Struktur, es gibt erzählerisches Rinnen unter dem äußerst perfekten Sprach-Makeup, zum Schluss läuft die Kernerzählung auf eine einfache Liebesgeschichte hinaus.
Die Sprachsonde taucht, gewiss Lacan-geschult, hinab in subpersonale Strukturen, um unbewusste Determinierungen durch magische Zeichen, Objekte des Begehrens, Spiegelstadien usw. zu sichten und Stellen des Psychischen ausfindig zu machen, an denen sich das Imaginäre, das Symbolische und das Reale überschneiden. An Figuren wie dem Müllmann Antonym Vogel in seiner orangen Kluft und dem transsexuellen Prothesen-Menschen Marek Mesar übt sich die Erzählung in der Darstellung von De-Personalisierung und verzweifeltem Widerstand dagegen. Der Maschinenmensch Tyrone Slothrop aus Thomas Pynchons
Gravity's Rainbow lässt grüßen, Miriam Auer ist ja Anglistin, und auch James-Joyce-Leserin. Die Intertextualität ist nicht zwingend, Miriam H. Auer schreibt, weil sie schreiben muss, nicht als Abschreibübung. Doch wir Leser werden sie auch in eine österreichische Tradition der Groteske stellen, zu Elias Canettis Frühwerk, zu Albert Drach, zu Marianne Fritz vor allem und vielleicht auch zur Pynchon-Übersetzerin Elfriede Jelinek.
Hinter der Zeit
ist das außergewöhnliche Frühwerk einer jungen Autorin, in dem philosophische und literarische Theorie – Metatextualität - und sprachartistische Praxis eine fast atemberaubende Verbindung eingehen. Der Titel weist auf die Super-Figur Dreigoschenopa hin, der durch Bad Bizarr-Margherita geistert, um die Menschen hinter die Zeit zu holen. Darin manifestiert sich nichts mehr oder weniger als der Versuch, Transzendenz mit literarischen Mitteln zu dekonstruieren. Die Gattungsbezeichnung Umnachtungsnovelle im Untertitel bezieht sich auf den schwebenden Transit zwischen Bewusstseins- und Bewusstlosigkeitszuständen und auf die vielen Ebenen der Narratio, die Vielzahl der Geschichten in dem Buch, wie bei Boccaccio und wie in Tausend und einer Nacht, deren Scheherazade Miriam Auer ist.
Den notwendigen Erläuterungsband zu dieser vielschichtigen Prosa mit ihren vielen Preziosen möchte ich beim Wiederlesen gerne zu schreiben beginnen, aber vielleicht schreiben ihn mit mir alle die vielen Leser, die ich dem Buch wünsche, gemeinsam. Das Buch hat ein vielsagendes Cover, ist typografisch sehr interessant gestaltet, den vielen
Novellen entsprechend, aus der sich die eine novel zusammensetzt; und es ist auf höchstem Niveau lektoriert, bei einem Text wie diesem nicht einfach. Mich erstaunt es, wie ein kleiner Verlag aus dem äußersten Süden unseres Sprachgebiets solches zustande bringt.

Walter Fanta
27. November 2014

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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