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Karin Peschka: Watschenmann

Roman.
Salzburg: Otto Müller Verlag, 2014.
300 Seiten; gebunden; Euro 22,-; E-Book 17,90.
ISBN: 978-3-7013-1220-7.

Autorin

Leseprobe

Von der Schönheit der Sprachlosigkeit

Um Karin Peschkas Watschenmann zu beschreiben, könnte man sich an die Hauptfigur halten, Heinrich, der als einer der wenigen Figuren mehr möchte als bloß zu überleben, der endlich den Krieg beendet wissen will, jenen Krieg, der 1954 nicht nur in der Topographie, nicht ‚nur‘ im Fehlen von Menschen seine Spuren hinterlassen hat, sondern in allen Menschen – wie in Canettis Blendung gibt es kaum jemanden der nicht verheert ist, der nicht seine Wunden in sich trägt. Jenen Krieg möchte er beendet wissen, der nie aufgehört hat zu sein, der in den Menschen weiterschwelt, und den auszuleben er ihnen helfen möchte, an ihm, dem „Watschenmann“. Man könnte also eine Rezension entlang des Lebens jenes jungen Mannes namens Heinrich schreiben, der nicht nur in der Lage ist sich in ein Tier zu verwandeln, ein Rabe wäre er gerne, ein Reptil wird er, um den Schmerzen zu entfliehen, sondern der auch mittels Mimikry seine Gegenüber spiegeln kann. Der von Dragan und Lydia aufgenommen wurde und von ihnen aus unerklärlichen Gründen beschützt wird – ein Rest Menschlichkeit vielleicht, die aber nicht altruistisch ist, die eher wie eine Selbstversicherung der eigenen Menschlichkeit zu funktionieren scheint. Heinrich, dessen Familiengeschichte nur selten angedeutet wird, Andeutungen, die Schlimmes befürchten lassen, die Erklärungen für sein Handeln anzubieten scheinen (ohne sie jemals auszusprechen), die die Zerstörtheit des Protagonisten erklären könnten, dies aber nie vollständig tun.

Die Stadt, durch die Heinrich stolpert, in der das Zusammenleben von Dragan, Lydia und Heinrich sich abspielt, nicht ereignet, denn es ereignet sich nichts, zumindest nichts wesentliches und doch auch nichts ohne Bedeutung, in der das Leben aller Figuren eintönig dahin läuft und doch Tag für Tag ein Überlebenskampf ist, ist das Wien des Jahres 1954. Und das Wien des Jahres 1954 ist ebenso zerstört wie die Personen, die in ihm mehr existieren als leben, wie z.B. die „Pritschlerin“, der ihre zwei Kinder genommen wurden, nachdem sie sie durch den Krieg gebracht hatte, wie Lydia, die seit zehn Jahren auf jenen Schuster wartet, der ihr die Ehe versprochen hat, dann aber im Krieg verschollen ist, die sich die Haare bis zu seiner Rückkehr nicht schneidet und, trotz größter Not, weder die Werkzeuge noch die Materialien in der Werkstatt auch nur anzurühren wagt, wie „das Kummerl“, dessen Sohn auf Grund einer Behinderung am Spiegelgrund umgebracht wurde, und der selbst das KZ nur knapp überlebt hat, wie aber auch der ehemalige SS-ler, der Lichterl-Sigi genannt wird und Kerzen sammelt um zu überleben, der, wenn es sein muss, und es muss sein, diese auch aus Kirchen und von Friedhöfen stiehlt. Alle sind sie „Mörder und Opfer“, „ein jeder ist beides und alle tragen in sich weiter, was man ausmerzen muss.“ (S. 165), für alle ist der Zweite Weltkrieg, offiziell seit 9 Jahren beendet, noch präsent: für die Hauptfiguren Heinrich, Lydia und Dragan und die Nebenfiguren Helene, Paul, das Kummerl, die Maridi-Tant‘ etc., für die vielen, oft nur einmal auftauchenden Menschen in dem Buch, die Schlägertypen auf der Straße, die SpaziergeherInnen und WirtshausbesucherInnen. Immer noch „ist [er] in den Leuten, und ruht sich aus.“ (S. 55)

Und so ist sowohl eine große Traurigkeit über der Stadt als auch ein tiefe, undefinierte Wut, und über diesen, oder auf Grund von diesen, eine tiefe Sprachlosigkeit, die gerade ob der Sprache der Erzählung noch deutlicher wird: Dort wo es sein muss schonungslos und direkt, fast lyrisch an anderen Stellen (und oft beides zugleich, scheinbarer Widerspruch), wird eine Welt vorgeführt, die zwar noch erkennbar, die aber ver-rückt im mehrfachen Wortsinn ist, eine Welt, in der die Menschen ihre Plätze nicht nur verloren haben, sondern auch vergessen haben, ob sie überhaupt jemals einen Platz hatten, eine Welt, in der die Menschen verrückt sein müssen, um mit Gesehenem und Erlebten, mit Ihrer Opfer- wie Täterschaft zurecht zu kommen. Und so ist auch Karin Peschkas Sprache ver-rückt, ist die Syntax an manchen Stellen eine zumindest ungewöhnliche und dabei immer eine wunderbar zu lesende. Die Sprachlosigkeit der Stadt, der Figuren, ist dabei kein Verstummen, denn dies bedeutete, dass ihnen die Fähigkeit zum Sprechen genommen wäre, das ist es aber nicht, alle könnten sie sprechen (und darum schreien sie und weinen und streiten lauthals), haben aber die Sprache nicht. Haben die Sprache nicht, obwohl „Worte wie Gesindel oder Mauthausen“ (S. 9), haben die Sprache nicht und leben daher auch mehr nebeneinander als miteinander.

Man könnte also, wollte man über Karin Peschkas Watschenmann schreiben, sich an die Hauptfigur halten – und schweifte doch ab, zur Sprachlosigkeit zum Beispiel, die die Kulisse ist, der Hintergrund, aber auch eines der zentralen Themen des Textes. Man könnte aber auch von der Hoffnung sprechen, die vorhanden ist, in der Figur des GIs Elmer beispielsweise, die gerade soweit vorhanden ist, dass sie wahrnehmbar ist, und die Traurigkeit, indem sie sie mildert, zugleich stärker wirken lässt. Man könnte aber auch ganz andere Beobachtungen anstellen, zum Beispiel über den Aufbau des Textes, dessen Kapiteleinteilung den Monaten folgt, die mit nur scheinbar aus dem Text stammenden Zitaten eingeleitet werden. Kapitel, die weiter unterteilt sind, in kurze Unterkapitel, die oft nicht mehr als drei, vier Seiten umfassen und mit Überschriften versehen sind, die den Inhalt bereits (scheinbar) vorwegnehmen, mal deutlicher, mal verklausulierter: „Die Farbe verstaubt. Fleckiges Pastell. Lydias Zopf.“ (S. 159) Man könnte auch die Figurenkonstellation hervorheben und befragen, die für die Hauptfiguren fast immer eine Dreiheit zu sein scheint, Lydia – Heinrich – Dragan, Helene – Peter – Paul, später: Helene – Paul – Maridi-Tant‘, dann Lydia – Paul – Maridi-Tant‘ etc. Oder man könnte sich auf die Suche nach großen Vergleichen machen, die immer unangebracht scheinen und doch einen Text auch ‚adeln‘ können: Und so höre ich dort und da Marianne Fritz heraus oder Canetti oder vielleicht ein wenig Clarice Lispector (oder lese ich es hinein?).

Man könnte noch vieles aus dem Text heraus und zugleich in denselben hinein lesen. Schon weil gute Texte immer eine große Bandbreite eröffnen und im Beschrieben-werden immer nur ausschnitt- und mangelhaft wiedergegeben werden können. Der Text Karin Peschkas ist ein solcher, ein guter Text, mehr noch als das, und als Debüt geradezu erstaunlich, und so sollte man sich nicht auf die Rezensionen anderer verlassen, sondern selber lesen. Was ich Ihnen hiermit ans Herz lege.

Peter Clar
4. Dezember 2014

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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