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Daniela Emminger: Schwund.

Roman.
Wien: Klever Verlag, 2014.
182 Seiten; gebunden; Euro 19,90.
ISBN: 978-3-902665-78-2.

Autorin

Leseprobe

„Ich mag nicht mehr.“, sagt die an Diabetes erkrankte, beinamputierte und blinde, knapp 70jährige Protagonistin Karla. Sie bittet ihre Tochter Anni, sie aus dem Hospital zu „entführen“, damit sie endlich sterben kann. Gesagt, getan. Wie in einem Klamotten-Film entschwinden sie aus dem Hospital und fahren nach Kärnten, auf die Alm in ein Hotel.
So der dramatische Beginn des neuen Romans „Schwund“ von Daniela Emminger. Die aus Oberösterreich stammende 39jährige Autorin hat 2004 mit „Leben für Anfänger“ (Ritter Verlag) debütiert. Sie arbeitete in der Werbebranche in Hamburg und Berlin und war Redakteurin in Litauen und Lettland. Seit 2008 arbeitet sie als Schriftstellerin; bekam u.a. Stipendien des bm:uuk und des Landes Oberösterreich.
Doch zurück zum neuen Buch: Nach drei Tagen fragt die Tochter, ob Karla noch gerne etwas machen wolle, bevor sie „geht“. Wie in einem Märchen soll sie sich fünf Wünsche aussuchen. Und ab hier beginnt die Story eine Roadnovel zu werden. Karla möchte zunächst ins bayrische Amerang gehen. Dorthin, wo Karlas Mutter als Magd gearbeitet hat. Und die Protagonistinnen staunen, als sie dort der jungen Anna, also Karlas Mutter, auf einem Apfelbaum begegnen. Gemeinsam mit Karlas Vater sprechen sie über ihre Herkunft. Karla ist glücklich.
Die Reise geht sobald surreal weiter nach Berlin, um Vicco von Bülow aka Loriot zu treffen. Denn Karla wünscht sich humorvoller zu sein. Anna kennt die von Bülows, da sie in Amerang Urlaub machten. Karla spricht mit Vicco über Humor und das Leben. Und schon geht die Reise mit den Geistern weiter nach Lourdes. Denn Karla wünscht sich, einen ganz normalen Tag zu erleben. Doch dies bedarf eines Wunders. Auf dem Weg dorthin gesellen sich zudem Hildegard von Bingen und Willi Dungl zu ihnen – Experten für Krankenheilung und Fitness. Doch in Lourdes wird Karla nur im Traum geheilt – was sie ungemein zufrieden macht. Bei den zwei nächsten Wünschen spielt Albert Einstein eine wichtige Rolle …
Während dieser wahnwitzigen Reise macht sich Karlas Mann Gustav Sorgen. Von Karla hat er nur einen Abschiedsbrief erhalten. Um sich nach Tagen der Verzweiflung zu zerstreuen geht er ins Kino. Bezeichnenderweise läuft Hanekes Film „Amour. Liebe“. Während der Abspann des Films läuft, ereignet sich etwas Ungeheuerliches: Im Kinosaal erscheinen plötzlich Karla, Anni und das ganze illustre Geister-Gefolge; es hat mit dem fünften Wunsch von Karla zu tun …

Autorin Emminger thematisiert in ihrem Roman unter anderem, was zufriedenes Leben heißen mag. Es ist ein beliebter Topos in der Literatur, dass im Angesicht des Todes, wie bei Karla, über die verpassten Gelegenheiten reflektiert wird. Der Clou in dieser Geschichte: Emminger bedient sich des Mittels des Unwahrscheinlichen, des Unmöglichen, des Surrealen. Traum und Wirklichkeit, Fiktion und Realität treffen aufeinander. Das erinnert insbesondere an Märchen, etwa an Charles Dickens „Weihnachtsgeschichte“.
Kurz: Eine Hommage an die Kraft der Literatur, an das tröstende Erzählen. Erst recht, wenn durch den „Schwund“ die Erinnerung um das Mythische, Legendäre, Märchenhafte ergänzt wird. Natürlich jongliert die aus Vöcklabruck stammende Autorin zusätzlich mit unterschiedlichen Genres – etwa mit Ratgeberliteratur, Road-Novels, Aphorismen, Science-Fiction. Literarische oder Pop-Musik-Bezüge beispielsweise zu Friedrich Nietzsche, Jules Verne oder gar Udo Jürgens sind im Text angedeutet und benannt.
Jedoch hat der Roman auch Schwächen: Trotz absurder, überdrehter Elemente wird die Story nicht konsequent weitergesponnen, nicht ad absurdum geführt, wie etwa bei Boris Vian. Als ob Emminger mit angezogener Handbremse Gas geben würde. Auch dass die Geschichte in der Quintessenz belanglos und plakativ bleibt und keine neuen Problemstellungen und Perspektiven aufweist, ist schade.
Und dennoch: Wer einen leichten, beschwingten, heiteren Text über Sterbehilfe und Reflexionen über das Leben lesen möchte, dem sei dieser Roman von Emminger ans Herz gelegt. Für die anderen gibt es ohnehin die tiefgründigen Klassiker, etwa „De brevitate vitae“ von Seneca.

Angelo Algieri
4. Dezember 2014

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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