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Franz Schuh: Sämtliche Leidenschaften.

 

Leseprobe:

Es kam zu spontanen Massenaufständen, und die Spontanität der Masse trieb auf dem Ballhausplatz sogar den Bundeskanzler auf den Balkon hinaus: Er sagte, denn das hatte er am Morgen im Standard gelesen, Österreichs Größe bestünde im Unterlassen und nicht im Renovieren.
Nach dieser klaren Aussage verstrickte er sich in das Problem seiner patristischen Maxime, der Maxime der Väter, nein, nicht in das Parasitenproblem: Wer unterlässt. So das Parasitenprogramm. Der muss andere handeln lassen, und eh klar, für uns handeln die Deutschen, als deren oberste Hämorrhoide wir in der Welt gehandelt werden. Das ist das Parasitenproblem. Das andere Problem, in das sich der Bundeskanzler rhetorisch verstrickte hat damit zu tun, dass er – ein Vollblutpolitiker – schon bereit war, alles zu unterlassen, damit alles gleich bleiben kann, nämlich gleich gut bleiben kann. Aber andererseits hatte er an dem Morgen in der Zeitung Die Presse gelesen, dass man sehr viel tun muss, damit alles gleich bleibt. Es bleibt nämlich nichts gleich, geschweige denn gleich gut, wenn man nix tut. Ja, die Philosophie ist zum Beispiel eine Leiter, die man wegwirft, wenn man oben angelangt ist. Aber der Bundeskanzler kam nicht hinauf auf seine Strickleiter, und so musste er das Klettern auf der untersten Stufe simulieren. Es gelang ihm, der ein Mann von höchster Ambiguitätstoleranz war (das Wort hatte Lili Fichte in die Beziehung zu mir eingebracht), durchaus (und jetzt wird es martialisch), den Gordischen Knoten seiner Gedankengänge zu zerhauen. Der Kanzler, hoch über den Massen stehend, unterbrach die Komplexität seiner Ausführungen und sagte einfach: Die Republik Österreich garantiert erstens, dass das Café Formanek nicht renoviert wird, und zweitens, dass der Schriftsteller Franz Schuh in diesem Lokal eines Tages als Frühstückskoch sein Brot verdient, sein Brot – sozusagen als Subvention aus der Privatwirtschaft.

(S. 106)


© 2014 Zsolnay Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 





 

 

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