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Gerhard Jaschke: Kurumba oder Die nicht geschriebenen Sätze.

Strähnen – Stränge – Fäden.
Wien: Sonderzahl, 2014.
180 S., Hardcover, Euro 18,-.
ISBN 978 3 85449 424 9.

Autor

Leseprobe

Vihamanaafushi („Insel ohne giftige Pflanzen“) ist ein kaum mehr als 13 Hektar großes und nahezu kreisrundes Eiland der Malediven. Ursprünglich vor allem von Kokospalmen bewachsen, wucherten dort später vermehrt Hotels und Swimmingpools, aus der Koralleninsel wurde eine Hotelinsel für den Jet-Set, aus der Kokosnuss sprang ein neuer Name für den Hochglanzprospekt: Kurumba (dt. „Kokosnuss“). 1977 verstarb dort aus bis heute nicht geklärten Gründen 34-jährig Blinky Palermo, Schüler von Joseph Beuys und damaliger Shootingstar der Konzeptkunst, der oft als James Dean der Kunstszene bezeichnet wird. Alles Gründe genug, sich auch einmal literarisch dorthin aufzumachen, wobei für Gerhard Jaschke, der die moderne Kunst wie kaum ein anderer kennt und lebt, das Leben und Werk Palermos als Anlass und Ausgangspunkt der künstlerischen und literarischen Betrachtungen dient.

Vor dem Hintergrund der eigenen ästhetischen Verankerung Jaschkes auch im Fluxus und in der Konzeptkunst und seines permanenten Weiterdenkens von Sprache und Form ist es klar, dass sein Kurumba-Projekt keinen konventionellen Roman ergeben konnte, der Palermo als Figur setzen würde, auch keine Biografie, die versucht, sein Leben unter Berücksichtigung aller greifbaren Werke und Lebensdaten historiografisch nachzuzeichnen. Vielmehr entfaltet Jaschke ein dichtes Text-Bild: Mit dem Aufschlagen des Buches wird quasi die Insel betreten und die Leserin, der Leser dazu eingeladen, die „Fäden“, „Strähnen“ und „Stränge“, von denen auf dem Cover und im Untertitel die Rede ist, aufzugreifen, die Seiten und Sätze gleichsam wie Palmenblätter zu durchstreifen, Kokosnüsse zu öffnen, Hotels zu besichtigen oder einen Strand zu entdecken, „Kurumba“ in der Hand. Konzeptkunst ist kontextsensitiv und selbstreflexiv. Blinky Palermo ist im Buch nicht alleine. Es ist zugleich eine Reise zu Jaschkes eigenem künstlerischen Denken, zu seiner Biografie, zu tatsächlichen oder geistigen Weggefährten aus bildender Kunst, Literatur und Musik, oft in Personalunion, wie Ilse Aichinger, John Cage, Francesco Conz, Hilde Domin, Helmut Eisendle, Brigitta Falkner, Elfriede Gerstl, Bodo Hell, Werner Herbst, Nazim Hikmet, Ernst Jandl, Günther Kaip, Ilse Kilic, Friederike Mayröcker, Rolf Schwendter, Kurt Schwitters, Dominik Steiger, Fritz Widhalm und viele mehr. Und die Weggefährten Palermos: Sigmar Polke, Gerhard Richter. Die literarische Reise nach Kurumba ist zwar eine Annäherung an Blinky Palermo, an das Phänomen, die Ikone, den Mythos Blinky Palermo, aber damit verbunden auch eine eingehende Beschäftigung mit der Frage, was „Phänomen“, „Ikone“ und „Mythos“ in diesem Zusammenhang bedeuten. Also auch eine Annäherung an den Kunstbetrieb, das Soziotop „Kunst“, als Wort ein U von vier strengen Konsonanten umzingelt, für das „Kurumba“ als Chiffre stehen könnte, für den Topos der kaum erreichbaren paradiesischen Südseeinsel. Dazu gehört auch die Würdigung derjenigen, die „stets weg vom Fenster waren" (94), die „bekannten Unbekannten“ (101), wie etwa „Ernst Schurtenberger, kurz ESCH, in vielfacher Hinsicht ein Ausnahmemensch. Der gebürtige Luzerner des Jahrgangs 1931, der 75-jährig im Juni 2006 in Reinsbach im Waldviertel während eines Spaziergangs an Herzversagen starb. Die meisten wussten wahrscheinlich gar nicht, dass er je gelebt hat. Und falls sie von seiner Existenz Notiz nahmen, wussten sie um seine Größe Bescheid? Als Maler, Künstler? Eher nicht“ (38f).

„Kurumba“ wirkt in gewisser Weise auch wie eine Grafik von Blinky Palermo: Sätze wie präzise Linien, Absätze wie klare, leuchtende Flächen, den Weißraum, die "nicht geschriebenen Sätze", wie es im weiteren Titel heißt, einbedenkend, wildes Austreiben da und dort durchaus erwünscht und willkommen. Leitmotivisch getragen ist der Text auch von der sehr guten Beobachtung Gerhard Jaschkes, dass eine Grafik Palermos der Insel ähnelt: „Die graue Scheibe ist es, die steht für die Insel" (74, siehe auch Leseprobe). In weiten Passagen ist der Band ein spannender Recherchebericht, dem Leben und Werk Blinky Palermos akribisch auf der Spur, einschließlich Mutmaßungen über sein Ableben: War es ein Unfall? Eine Krankheit? Gar Mord? Starb Palermo an Erbrochenem? War Kurumba für ihn der ideale Kunst-Ort, Bild und Galerie zugleich, in dem er gewissermaßen aufgehen wollte? Doch: „Wie er gestorben ist, weiß kein Mensch“ (161). Die Rechercheergebnisse, Notizen, Ansammlungen sind stets begleitet von Reflexionen, Kommentaren und Anekdoten in poetisch dichter Sprache, die das Buch mal aufrüttelnd, mal vergnüglich lesen lassen.

Auch die Umweltproblematik auf den Malediven und der gesamten Welt wird natürlich thematisiert: „Auf einmal wirst du konfrontiert mit dem Klimawandel, als du last, dass die Insel und alle umliegenden bis zum Ende des Jahrhunderts nicht mehr existieren werden, da aufgrund der Erderwärmung die Korallenriffe schmelzen und die Malediven der Geschichte angehören werden. Insel um Insel wird im Meer verschwunden sein, untergegangen für immer, rettungslos“ (113 f.).

Mit „Kurumba oder Die nicht geschriebenen Sätze“ finden alle Insulanerinnen und Insulaner von Krumbach in Vorarlberg bis Krumau am Kamp und weit darüber hinaus eine wertvolle Schatztruhe voll mit Denkanstößen zur Kunst und zum Kunstbetrieb vor.

Günter Vallaster
10. Dezember 2014

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.





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