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Georg Petz: Millefleurs.


Textprobe:

Als Peter gegangen war, als die Türe hinter ihm ins Schloss gefallen war, war Anna von ihrem Platz in der Küche aufgestanden. Sie hatte sich nackt ausgezogen, bis auf die Haut, hatte sich auch daraus schälen wollen, aber sie hatte sie nicht abstreifen können und alles, was darunter war und lebte, hatte sich gewünscht, sie könnte sie sich selbst vom Leib reißen und ganz von sich freimachen, hatte wohl daran gekratzt, aber es war ihr lediglich gelungen, ihre Haut in nagelbreiten roten Bahnen ein wenig abzulösen, hatte daran weitergezupft, eine unendliche Fitzelei und sie war noch nicht einmal bis an ihr Fleisch durchgedrungen und war schließlich zu müde dazu geworden, hatte es aufgegeben, hatte wahllos Musik angemacht, hatte die Lautstärke bis zum Anschlag aufgedreht, war eingeknickt in die ersten Akkorde, You get what everyone else gets: a lifetime und wie ein Fluch auf sie war ihr das erschienen.
Irgendjemand hatte auf Youtube eine Collage aus den Screenshots einer Mangaserie zu dem namenlosen Lied gestaltet und Anna war auf den Balkon hinausgetreten und hatte nicht geschrien und nicht mehr geatmet und hatte sich splitternackt eine Zigarette angezündet und die Glut wie die Asche war ihr unbeachtet auf die bloßen Zehen gefallen, dann Bewegung in den Fenstern und auf den Balkonen des gegenüberliegenden Hauses und Anna war immer noch reglos stehen geblieben, weil der Schmerz und die Verzweiflung stets eines Publikums bedurften, um sich verwandeln zu können.
Weil sie das noch gelernt hatte: Nur die stumme Präsenz des Beobachters, die Anwesenheit des Publikums unterschied das Drama von der Agonie, und nur im Auge des Betrachters lag die Möglichkeit der Läuterung, niemals jedoch im Schicksal der Protagonisten.
Hätte damals niemand die Musik gehört und mit Verwunderung zu der nackten Frau hinter der Balkonbrüstung hinübergesehen, ihr Schmerz wäre für immer so stehen geblieben.

(S. 77/78)

© 2014 Leykam Verlag, Graz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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