Max Bläulich: Unbarmherziges Glück.

Roman.
St. Pölten: Residenz Verlag 2014.
400 Seiten; geb.; EUR 23,90.
ISBN: 9783701716265.

Autor

Leseprobe

In seiner Erzählung »Wunschloses Unglück« von 1972 beschreibt Peter Handke das Leben seiner Mutter Maria, die mit 15 ihr Kärntner Dorf verließ, um als Küchenhilfe und Stubenmädchen hart zu arbeiten, um schließlich einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebte und der sie schlug. In hohem Alter beging sie Selbstmord. In Max Bläulichs Roman »Unbarmherziges Glück« lernen wir eine andere Variante dieses Frauenschicksals kennen – in der Geschichte von »Frau Berta«, einer gebürtigen Rumänin, deren Vater die Mutter erschlug, die zur Prostitution gezwungen und vom eigenen Mann vergewaltigt wurde und sich lebenslang als Putzfrau verdingen musste. In einem Salzburger Altersheim geht diese Frau nun ihrem Ende entgegen, wie uns der Ich-Erzähler des Romans, seines Zeichens Schriftsteller und selbst kein junger Mann mehr, berichtet.

Warum aber »unbarmherziges Glück«? Das bleibt paradox. Frau Rosa, die frühere Mitbewohnerin von Frau Berta im »Asyl« und inzwischen verstorbene Tante des Ich-Erzählers, hegte den Leitspruch: »Das Leben ist unbarmherzig. Das Glück auch. Das Unglück ist die einzige Barmherzigkeit! Merk dir das, Bubchen.« Ein Altersheim und die »Adlerische Pension«, in die der Ich-Erzähler sich zum Schreiben zurückgezogen hat, bilden die Kulissen des Bläulich’schen Skurrilitätenkabinetts, das im Grunde ein großer Monolog über das Altern und seine der Weisheit so ähnliche »Verrücktheit« ist. 

Dieser Roman ist voller Versehrter, Eigenbrötler, Halbseidener. Neben Frau Berta mit den gichtverkrüppelten Fingern gibt es noch den Tischler Skupien, dem eine Kreissäge die Finger abgemäht hat und dem sie krumm und schief wieder angenäht wurden. Immer wieder erzählt er davon, wie ein Gehilfe die abgetrennten Finger in der Brotzeitbox ins Krankenhaus brachte und auf der Fahrt ein hartgekochtes Ei aus der nämlichen Box verspeiste. Denkwürdig ist auch das Personal der Adlerischen Pension. Die Wirtin Frau Niederle lässt sich vom ehemaligen Vertreter Gottlieb, einem einarmigen Galan im Trainingsanzug, umschmeicheln. Markante Gestalten sind auch die schwedischen Hausmädchen Puppi und Olli, die, dem Ruf der Schwedinnen gemäß, ein großes Herz haben und gefälligerweise die Betten der Herren aufwärmen. 

Bläulichs durch und durch analoger – also ausgesprochen unvirtueller – Roman atmet die Luft des 20. Jahrhunderts, dessen erste Hälfte zwei Kriege hervorbrachte, die wiederum die zweite Hälfte verdunkelten. Bereits zu Beginn des Romans deutet sich das »Weltende« an, so wie sich ein Jakob van Hoddis es vorgestellt haben mag – mit unheimlicher Sesselvermehrung, »Revolutionen«, Vulkanausbrüchen und allerorten strandenden Walfischen. Die Szenerien in Asyl und Pension erinnern dann eher an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit: So nah waren »Russen« und Flakgeschütz, Flucht, Vertreibung und Schwarzmarktgeschäfte in der Literatur schon lange nicht mehr. Immer mehr gerät der Ich-Erzähler in den Sog des Asyls. Er beginnt sogar, die Aufgaben des zwielichtigen Pflegers Giacomuzzi zu übernehmen – und die Altersheimbewohner mit Tabletten und Alkohol ruhigzustellen.

In gewisser Weise stellt das Leben von Tante Rosa ein einigermaßen bürgerliches Gegenstück oder Komplement zum Leben von Frau Berta dar. Sie unterhielt nach dem Krieg eine »Repassieranstalt«, in der ruinierte Nylonstrümpfe wiederhergestellt wurden. Der Ich-Erzähler, damals noch »Bubchen«, genoss es sehr, mit den halb angezogenen Damen im Separee zu stehen. Und er wusste die Neugier von Onkel Adi zu befriedigen, dem er über die körperliche Verfasstheit der Damen zu rapportieren hatte. Mit Onkel Adi nahm es dann kein gutes Ende: Er wurde vom Kerl einer Liebschaft totgeschlagen.

Dieses Buch ist ein Wartesaal mit im letzten Jahrhundert welk gewordenen Ideen; auf den Fluren des Asyls streitet man sich noch lebhaft über Kommunismus und die Kunstsprache Esperanto. Ein Karnevalszug von durch Alter oder Seelenschmerz mürbe und demütig Gewordenen zieht durch seine Hallen. Für die Insassen zählen nur noch die Spatzen in der Hand, nicht mehr die Tauben auf dem Dach: ein bisschen Wärme, die nächste Mahlzeit, die Abwesenheit von Schmerz. Und auch der Ich-Erzähler geht im Grunde in die Schlusskurve seines Lebens: nach dem Tod von Frau Berta lässt er sich vorsorglich deren Zimmerchen im Asyl reservieren.

Judith Leister
15. Dezember 2014

Originalbeitrag
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