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Xaver Bayer: Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich

Salzburg: Jung und Jung, 2014.
208 Seiten, gebunden, Euro 19,90.
ISBN 978-3-99027-055-4.
e-book: Euro 12,99.
ISBN 978-3-99027-129-2.

Autor

Leseprobe

Die unvermittelt auftauchende Tür, die Paranoia, der plötzliche Drang zur Ausschreitung, die Rasanz, in der die Schauplätze einander ablösen: So klingen Träume, wenn man sie erzählt bekommt, so klingen auch die Texte, die Xaver Bayer in seinem Band „Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich“ versammelt hat.
Für die Sorte Traum, die hier in über hundert Miniaturen durchlebt wird, ist allerdings Schlaf keine zwingende Voraussetzung: Irgendwo zwischen diesem und dem Wachsein, im Rausch, im Aufwachen und im vermeintlichen Aufwachen wandert der somnambule Icherzähler durch Straßen und Gassen (womöglich Wiens), über öffentliche Plätze, in der Wildnis. Er sitzt in Kaffeehäusern, in Fastfood-Lokalen, in Hotellobbys, treibt sich in fremden Wohnungen herum, Theatergarderoben, geschlossenen Geschäftslokalen. Alles seltsam verschobene Nicht-Orte, die jederzeit wechseln können und meist nur einen Schritt, aber einen unübersehbaren, vom Bekannten abweichen:
Einmal erscheint die Straße vertraut, bloß sind er und alle anderen „gewandet (...) wie für einen Kostümfilm“; unscheinbare Alltagsgegenstände gewinnen Kontur und Gewicht, die ihnen sonst nicht zustehen; im Münzfach der Geldbörse findet er nur einen blutigen Zahn. An einer Stelle brennt der Icherzähler lichterloh und freut sich über die einkehrende Stille: „Doch als ich weiter darüber sinniere, kommt mir zu Bewusstsein, dass mich das alles, wie gesagt, a) prinzipiell nichts angeht, b) eigentlich überhaupt nicht interessiert und c) in letzter Konsequenz vollkommen kalt lässt, und mit diesen klaren und – wie ich finde – positiven Gedanken im Kopf drehe ich mich zur Wand, um endlich Schlaf, Ruhe und ein bisschen Frieden zu finden.“

Falls diese Texte gedeutet werden, dann sollte das sicher keine Traumdeutung sein. So träumt man nicht, so schreibt man: Immer stärker erscheint in Bayers Texten die Traumsituation nur noch als Vehikel, als Vorwand, der bald und immer öfter ganz weggelassen wird (der Blick in die Fußgängerzone ähnelt ohnehin einem Fiebertraum, könnte man derzeit einwerfen); – und zwar ein Vorwand für das erzählerische Beiseite-Treten, das gekonnte Neben-sich-Stehen. Von dort aus lassen sich (Selbst-)Beobachtungen machen, die sich vom Erfinden nicht unterscheiden, und ein Realismus, der sich jede Abzweigung vom Augenscheinlichen erlauben kann. Bayers Schreibweise ist eine denkbar geglückte Mischung als Präzision und Übermut.

Was man beim Lesen damit macht, während sich langsam Euphorie einstellt (die von der Klarheit der Bilder herrührt und von der Mischung aus Ernsthaftigkeit und Nonchalance, mit der hier über Abgründe gegangen wird), was man jedenfalls damit macht, bleibt einem selbst überlassen: Das Buch handhaben wie einen Kalender, jeder Tag ein Text; die Texte als die geschlossene Komposition lesen, die sie auch sind, in einem durch. Oder, vielleicht am ertragreichsten: In Eigenregie den unaufdringlichen Motivketten folgen, die durch die Miniaturen führen, und sehen, was daraus wird: Vogelrufen, Briefen, Blicken in vorbeifahrende Straßenbahnen, Theatergarderoben, Denkmälern, Bahnsteigen, Scherben, Flecken auf Teppichen, schmutzigen Fingerspitzen, Schlüsseln, Jahreszeiten, schrecklichen Mobiltelefonen, Händen, die über Tischplatten streichen, Farben im Gesicht, Bränden, Katzen, Aufzählungen – Und nicht zuletzt den vielen Szenen, die sich als parabelhafte Reflexe auf das Handwerk des Schreibens und zusammengenommen als verdeckte Poetik lesen lassen; eine Poetik etwa, die das Buch immer noch für den geeignetsten Aufbewahrungsort gerade des Flüchtigsten hält: „Und sorgfältig legen wir Stück für Stück zwischen die Buchseiten, streichen die Augenblicke sanft glatt, wie früher die Orangenpapiere, die man zwischen die Blätter der großformatigen Kunstbände der großelterlichen Bibliothek gelegt hat.“ Als Lektüreanleitung erscheint anderswo ein Teppich, in den sich der Icherzähler einwickelt, „um mich in einem Lastwagen über die Grenze schleppen zu lassen. Die Knoten der Webtextur werden sich gehörig in meine Wangen prägen, ich werde aussehen wie mit Ziernarben geschmückt.“
Weil das jedoch ein hervorragendes Buch ist, bewahren diese Bilder immer einen Rest, der in der Deutung nicht aufgeht. So bleiben sie bei aller Hintergründigkeit vor allem Lehrstücke der Wahrnehmungsfähigkeit, vielleicht Anleitungen für einen wichtigen Schritt, den auf die Seite.

Bernhard Oberreither
17. Dezember 2014

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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