Dietmar Füssel: Der Sohn einer Hure.

Roman.
Klagenfurt: Sisyphus 2013.
176 Seiten; kartoniert; Euro 14,00.
ISBN 978-3-901960-68-0.

Autor

Leseprobe

„Der Sohn einer Hure“ zu sein, ist – wie sich ganz vorurteilsfrei denken lässt – nicht unbedingt die angenehmste, psychisch unbelastetste Rolle. Und wenn man, wie Johann F., statt ein Wunschkind eigentlich bloß die Panne einer jungen, unerfahrenen „Engelmacherin“ ist und bereits im zarten Kleinkindalter das kundenfördernde „Amt eines neutralen Beobachters“ ausüben muss, was in diesem Fall heißt, „24960 Mal Zeuge eines Geschlechtsverkehrs“ zu sein; des weiteren zwischen sechs und achtzehn in einer elitären Privatschule in der Schweiz steckt, wo man eine über „Lustschreie, Stöhnorgien (...) und nackte, behaarte Politikerärsche“ hinausreichende Weltbilderweiterung erfährt, während man seine Mutter nur ein einziges Mal (nämlich am Ende der Internatszeit) sieht und bei dieser Gelegenheit leider nicht umhin kommt, ihr undiplomatisch unter die Nase zu reiben, dass man sie zutiefst verachte (aber nicht, weil sie einen nie besucht, sondern weil sie als „beste Liebesdienerin von ganz Wien“ eine Bordellkette gegründet hat, „in der Sex wie ein Ramschartikel zu Schleuderpreisen angeboten wird“), dann bricht man nicht bloß einen „hässlichen Streit“ vom Zaun; nein, dann hat man wirklich ein Problem.
Von pekuniärer Art ist es nicht, erhält Johann doch von seiner Mutter eine monatliche Zuwendung in Höhe von 3000 Euro. Das Problem liegt mehr im zwischenmenschlichen Bereich, ist doch die Apanage daran gebunden, dass sich Johann nie mehr bei ihr meldet.

Starker Tabak! Da kann man „ein gebildeter, intelligenter Mann“ sein, wie man will; Spuren bleiben in jedem Fall: So ist Johann „krampfhaft harmoniebedürftig“, hat ein ausgeprägtes „sexuelles Desinteresse“, findet es besser, „eingebildet als ungebildet“ zu sein und ist überhaupt ein ziemlicher Spinner; was sich aber in Wien nicht unbedingt als Ausnahme von der Regel erweist. Denn „nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine so hohe Dichte an Spinnern, Sonderlingen und Psychopathen“ wie hier. Und wie es sich für einen ordentlichen Spinner gehört, sind da recht wenige Menschen um Johann herum: Er lebt allein, hat keine Freundin, kein Haustier, kein Handy und keinen Computer, obwohl er eigentlich Schriftsteller ist; ein mutiger noch dazu. Schließlich hat er sich der Avantgarde verschrieben und fabriziert „äußerst gewagte literarische Experimente“, mit denen er jedoch so wenig Geld verdient, dass er davon „nicht einmal eine Hausstaubmilbe ernähren“ könnte.
Tröstlicherweise hat er ja „eine stinkreiche Mutter“! Denn der Mann, den er Vater nennt (ihr ehemaliger Beschützer), wäre zu Unterhaltszahlungen kaum fähig, fehlt doch dem „nicht mehr vermittelbaren Langzeitarbeitslosen“ und am Existenzminimum dahingrundelnden Sozialhilfeempfänger, der seinen Körper der Universitätsklinik verkauft hat, schon das Geld, um sich ein paar Tage lang in seinem von „eingefleischten Nazis“ frequentierten Stammlokal zu betrinken und kleine Hitlerfiguren aus braunem Marzipan zu verzehren.
Doch Geld ist sowieso nicht Johanns Problem, sondern mehr, dass er wegen der unkonventionellen Umstände seines Heranwachsens zum „anthropophoben Misanthropen“ mutiert ist; im Grunde aber gar nicht so alleine sein will, wie er ist. Diesbezüglich kommt ihm das Schicksal schließlich entgegen, lernt er doch bei einer Diskussionsveranstaltung über „das Kuhtum der Kuh“ mit dem indischen Guru Ramaprashnan eine um zwei Jahre jüngere Philosophiestudentin kennen, in der er „eine Seelenverwandte gefunden“ zu haben glaubt, erklärt sie sich doch bereit, mit ihm in ein altes Bauernhaus „unweit von Untersiebersdorf“ im Burgenland zu ziehen.
Die Bedingungen ihres Zusammenlebens regelt ein notariell beglaubigter, schriftlicher Vertrag, der seiner „philosophischen Geliebten“ nicht nur ein mietfreies Wohnrecht und 800 Euro Lebensunterhalt sichert, sondern ihn selbst dazu verpflichtet, mit ihr „sexuell zu verkehren“, was ihm angesichts seiner diesbezüglichen „Appetitlosigkeit“ schwer fällt. Nachdem sie aber „eine sentimentale Schwäche“ für ihn hegt, begnügt sie sich „mit zwei Kopulationen pro Woche“. Doch als „charakterlich minderwertiges Subjekt“ ist Johann leider derart unsensibel, dass er ihr nicht nur „eine aufblasbare Mr.-World-Liebespuppe“ zum Geburtstag schenkt, sondern auch noch den feschen Briefträger erpresst, als Liebhaber für ihn einzuspringen.
Das läuft gehörig schief. Und am Ende steht Johann ohne Geliebte da, verbringt seine „Tage mit Weinen und Saufen“, wird gewalttätig und entkommt als „ziemlich geschickter Lügner“ zwar dem Gefängnis, den Alpträumen allerdings nicht: Jede Nacht sieht er, wie seine Katze in seinen Kopf eindringt und immer „ein haselnussgroßes Stück“ Gehirn davonträgt.

Davon trägt einen auch dieser skurrile, abwechslungsreiche Roman, der als auf 22 Kapitel verteilte „Aufzeichnungen“ seines Protagonisten Johann F. firmiert. Darin präsentiert sich eine satirisch aufgeladene Wirklichkeit, die eine Reihe von Klischees bedient, wie zum Beispiel: das Burgenland als Künstlerparadies, der Pfarrer als Glaubensvermittler und schwarz lackierte Fingernägel als Unanständigkeit. Derlei wird ins Absurde gesteigert, dass man im „Guru einen Trottel“ und im reichen Schnösel den Investor der „philosophischen Grundlagen für eine neue Weltreligion“ ausmachen kann.
Und wo „kein Gewissen, keine Moral (...)und keine Ziele mehr“ sind, scheint es (wie sich zeigt) ohnehin ratsamer, „an eine gute Fee in Katzengestalt“ zu glauben, „als an einen unsichtbaren, unriechbaren und unfühlbaren Gott“.
Derart wunderbaren, ironisch unterlegten Weisheiten begegnet man immer wieder in diesem mit überraschenden Wendungen gespickten Roman, von dem nicht bloß „eine rein intellektuelle“ Faszination ausgeht, sondern der auf recht vielschichtige und beeindruckende Weise zu unterhalten vermag.

Andreas Tiefenbacher
17. Dezember 2014

Originalbeitrag.
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