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Dietmar Füssel – Der Sohn einer Hure.

Leseprobe:

Was der Sexualtrieb ist, weiß ich nur aus Büchern, am eigenen Leib habe ich ihn noch nie verspürt.
Nicht, dass sie mich jetzt womöglich für impotent halten:
Ein Impotenter kennt nämlich diesen Trieb sehr wohl, er ist bloß physisch nicht dazu in der Lage, ihn auch zu befriedigen. Ich hingegen habe überhaupt kein Problem, eine Erektion zu bekommen, wenn ich eine nackte Frau sehe – ein klares Indiz für meine Heterosexualität – und wenn ich dann tatsächlich mit ihre schlafe – was immerhin dreimal vorgekommen ist, ehe ich meine Geliebte kennen lernte, weil ich insgeheim gehofft hatte, vielleicht doch noch Gefallen daran zu finden – so tut mein Körper zwar alles, was die Situation erfordert, doch mein Geist langweilt sich unaussprechlich dabei, weil es doch wahrhaftig für einen erwachsenen Mann zahllose andere Beschäftigungen gibt, die amüsanter und abwechslungsreicher sind als dieses automatenhafte Hin- und Hergewippe.
Früher habe ich mein sexuelles Desinteresse als sehr belastend empfunden, weil ich es für abnorm hielt.
Mittlerweile habe ich aber erkannt, dass es keineswegs abnorm ist, sondern bloß etwas ungewöhnlich:
Ein satter Mensch hat keinen Appetit mehr. Zwar kann er durchaus noch einige weitere Speisen zu sich nehmen, beispielsweise um seinen Gastgeber nicht zu beleidigen oder weil er dafür bezahlt hat, aber er wird sich dazu zwingen müssen, Genuss ist bei dieser Form der Nahrungsaufnahme keiner mehr dabei.
Sehen Sie, und genau so ist es auch bei mir:
Ich habe in meinem bisherigen Leben, und zwar von früher Kindheit an, schon so viel Sex gesehen, dass es mir heutzutage – trotz eines intakten Betriebssystems – vollkommen unmöglich ist, auch nur ein Minimum an Interesse dafür aufzubringen.
Aber vielleicht war mein Vergleich mit dem Essen etwas unglücklich gewählt, denn wer seinem Körper über einen längeren Zeitraum keine Nahrung mehr zuführt, muss verhungern, selbst wenn er vorher fett wie ein Sumo-Ringer war.
Ich hingegen werde an meiner sexuellen Appetitlosigkeit ganz gewiss nicht sterben, sondern sehe sie inzwischen sogar als Vorteil an, denn meine Gleichgültigkeit erspart mir das Gefühl des Sexualnotstandes, das angeblich ausgesprochen unangenehm sein soll.
Etwas anderes wäre es freilich, würde mich vor dem Geschlechtsverkehr ekeln, dann müsste ich schon annehmen, dass bei mir etwas nicht stimmt, aber ich finde Sex weder unappetitlicher noch appetitlicher als andere Körperfunktionen wie zum Beispiel Stuhlgang oder Erbrechen, er lässt mich bloß kalt, das ist alles.
Psychologen würden meine Unlust vermutlich als Folge einer Traumatisierung in der ödipalen Phase bezeichnen, und damit hätten sie ausnahmsweise sogar vollkommen recht.
Wahrscheinlich wäre es sogar möglich, mich zu heilen, doch das wäre nicht in meinem Sinn, weil ich eigentlich gar nicht geheilt werden möchte.
Die Vorstellung nämlich, dass dann auch ich, ein gebildeter, intelligenter Mann, Spaß an einer dermaßen primitiven, animalischen Beschäftigung haben könnte, ist mir äußerst unangenehm.
Und es ist auch gar nicht notwendig, dass irgendein Seelenklempner meine Vergangenheit durchforstet, um herauszufinden, wie es zu meinem ausgeprägten Desinteresse an jeder Form von sexueller Betätigung kam, weil ich es ja ohnehin selbst ganz genau weiß:
Meine Mutter war eine Prostituierte, aber nicht bloß irgendeine, sondern die berühmteste von ganz Wien.

(S. 37-40)

© 2013 Sisyphus, Klagenfurt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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