Stefan Großmann: Wir können warten oder Der Roman Ullstein.

Herausgegeben von Erhard Schütz.
Berlin: Verlag für Berlin Brandenburg, 2014.
384 Seiten, gebunden, Euro 23,60 (A).
ISBN 978-3-945256-02-2.

Stefan Großmann war die längste Zeit seines Lebens Journalist, und das in durchaus maßgeblichen Funktionen. Zwischen 1914 und 1919 leitete er das Feuilleton der „Vossischen Zeitung“ – eines traditionsreichen Berliner Qualitätsblattes, das seinem Verleger Ullstein hohes Ansehen, aber auch finanzielle Verluste einbrachte. Von 1920 bis 1928 war Großmann einer der beiden Herausgeber der Rowohlt-Zeitschrift „Tage-Buch“, die zu den tonangebenden linksliberalen Organen der Weimarer Republik gehörte. Er war vom Wert seiner publizistischen Arbeit durchaus überzeugt. Unter dem Titel „Glück des Zeitungsschreibers“ erklärte er 1927: „Wir, jawohl wir formen das geistige Antlitz der Nation. Die Zeit ist vorbei, da die Bücherschreiber allein über die Köpfe herrschten. Die Zeitung ist mächtiger als die Bücher, mächtiger als das Buch der Bücher geworden.“

Dieses Bekenntnis zum Journalismus war allerdings nicht Großmanns letztes Wort. Wie manche alternde Journalisten zog auch er sich 1928 zunehmend vom Tagesgeschäft zurück und verwandelte sich in einen „Bücherschreiber“. Manche seiner späten Äußerungen deuten darauf hin, dass er mit Hilfe der Bücher Schnelllebigkeit durch Dauer ersetzten wollte. Den politischen Themen blieb Großmann jedoch treu. 1928 erschien sein Roman „Chefredakteur Roth führt Krieg“, der sich kritisch mit einem fanatisch sendungsbewussten Journalisten auseinandersetzt. Damit lag Großmann durchaus in einem Trend: Der Zeitroman, der zu den markanten Erscheinungen der Zwischenkriegszeit gehört, war sehr oft auch ein Zeitungsroman, der Redaktionen und Verlagshäuser zum Schauplatz hatte. 1930 folgte die Autobiographie Ich war begeistert, in der Großmann – ein Wiener, der seine größten beruflichen Erfolge in Berlin erlebt hat – sein Dasein Revue passieren ließ. 1931 wurde sein politisches Dokumentardrama „Die beiden Adler“ uraufgeführt. Es handelt vom Prozess gegen Victor Adlers Sohn Friedrich, der 1916 den Grafen Stürgkh, Österreichs Premierminister, ermordet hatte.

Bis zu seinem Tod im Jahr 1935 war Großmann dann mit einem Roman beschäftigt, der wiederum im Zeitungsmilieu spielt. Er trägt den Titel „Wir können warten“, hieß aber in einer früheren Fassung noch „Roman Ullstein“. Dieser nicht ganz durchgearbeitete Roman war bisher nur als Typoskript in Großmanns Nachlass im Österreichischen Literaturarchiv zugänglich. Der Berliner Literaturwissenschaftler Erhard Schütz hat ihn nun als Buch herausgegeben. Das ist sehr zu begrüßen. Der unfertige Text enthält zwar einige Brüche und Unstimmigkeiten (die in der neuen Ausgabe auch kenntlich gemacht werden), ist aber dennoch unbedingt lesenwert.

Wir können warten“, das ist ein packend geschriebener Gesellschaftsroman, dem die journalistische Erfahrung des Verfassers durchaus zugute kommt. Der wichtigste Schauplatz der Handlung ist Berlin, und Großmann greift beherzt hinein ins großstädtische Menschenleben. Prominente Personen des Zeitgeschehens – Gustav Stresemann, Max Reinhardt – treten unter ihren echten Namen auf, und frequentierte Treffpunkte der Stadt werden mit schnellen Strichen skizziert. Das gibt dem Roman Berliner Kolorit, aber auch mikrosoziologische Präzision. Der Beginn des 5. Kapitels mag das illustrieren: Hier wird ein Restaurant vorgestellt, in dem sich unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen treffen, die Großmann trennscharf voneinander unterscheidet: „Um halb zwölf Uhr nachts war das Kellerrestaurant des Deutschen Theaters gepfropft voll. Kleine Gesellschaften saßen in offenen Logen und Nischen, aus dem Theater waren Zuschauer gekommen, Damen in großen Toiletten, Herren im Smoking, in anderen Abteilungen saßen sehr einfach gekleidete Männer, Maler, Schauspieler, bestenfalls Journalisten und ihre Damen, meistens Schauspielerinnen oder Frauen, die gerne aufgetreten wären. Die dritte Sorte Gäste war die verachtete, es waren wohlhabende und wohlbeleibte Bürger mit ihren Gattinnen, die das Treiben der Künstler beobachteten oder gern von ihnen beachtet oder gar hinübergezogen werden wollten.“

Allerdings umrahmen derartige Milieu-Studien nur die eigentliche Handlung, die sich in einem Verlagshaus namens „Kronstein“ abspielt. Hinter dieser leicht zu durchschauenden Camouflage verbirgt Großmann aufschlussreiche Einblicke in den Niedergang des Ullstein-Konzerns, der jahrzehntelang die deutsche Presse- und Verlagsbranche dominiert hat. Großmann kannte die wichtigsten Akteure persönlich, und es ist seinem Roman durchaus anzumerken, dass er über beträchtliche Insider-Kenntnisse verfügte.
Das Berliner Verlagshaus Ullstein hatte sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zielstrebig aus einem Mittelbetrieb in einen großen und avancierten Medienkonzern verwandelt. Er belieferte Bahnhofskioske und Buchhandlungen, verkaufte Schnittmusterbögen für die häusliche Näharbeit ebenso wie Kunstzeitschriften. Er „machte“ einen Bestseller wie Vicki Baums „Menschen im Hotel“, reüssierte mit der eleganten Illustrierten „Uhu“ und vieles andere mehr. Trotz seiner gewaltigen Expansion blieb Ullstein jedoch ein Familienbetrieb, der von fünf Brüdern gleichberechtigt geleitet wurde. In der Weltwirtschaftskrise 1929 brach in diesem fünfköpfigen Direktorium ein so genannter „Bruderkrieg“ aus, in dem es einerseits um firmenpolitische Strategien ging, andererseits aber auch um innerfamiliäre Eifersüchteleien. Hermann Ullstein, der jüngste der Brüder, hat die Geschichte der Firma 1943 im amerikanischen Exil unter dem Titel „The Rise and Fall of the House of Ullstein“ beschrieben. Dieser – teils selbstkritische, teils apologetische – Bericht eines maßgeblich Beteiligten wurde 2013 im nach wie vor existierenden Berliner Ullstein Verlag auf Deutsch veröffentlicht („Das Haus Ullstein“). Dieses Sachbuch empfiehlt sich als Parallellektüre zu Großmanns Roman. Hermann Ullstein kommt rückblickend zu dem Schluss, sein liberales, jüdisches Verlagshaus habe angesichts der nationalsozialistischen, antisemitischen Bedrohung versagt, weil private Rivalitäten und kommerzielle Interessen wichtiger gewesen seien als die entschiedene demokratische Parteinahme.

Eine ähnliche Sicht vertritt Großmanns „Wir können warten“ schon zehn Jahre früher. Gewiss kleidet der Romancier seine Einsichten und Ansichten ins Gewand der Fiktion. Die Namen der Brüder wurden geändert, überdies gibt es im Roman deren sechs – im Unterschied zu den fünf Ullstein-Brüdern. Dennoch ist klar, dass Großmann die Ullsteins im Auge hat. Er porträtiert sie als beinharte Geschäftsleute, die zwar durchaus integer und klug agieren, aber doch fatale Fehler machen, weil sie nicht imstande sind, über ihre Firmenbelange hinaus zu denken. Großmann schildert anschaulich, wie sich das politische Klima der Weimarer Republik von 1929 an radikal verändert. Ein Rechtsruck macht sich in allen Bereichen des Lebens bemerkbar, Pazifismus wird von Kriegstreiberei verdrängt, die Sehnsucht nach Völkerverständigung weicht einem deutschnationalen, antisemitischen Chauvinismus. Die Kronsteins spüren die Gefahr sehr wohl, die von diesen Veränderungen ausgeht, nehmen sie jedoch – in Großmanns Darstellung – nicht ernst genug. Sie bemerken zum Beispiel erst sehr spät, dass selbst in ihrem eigenen Unternehmen eine NS-Betriebszelle agiert, die auf die Machtergreifung hinarbeitet. Die Unternehmer versuchen, ihr Geschäft zu retten, indem sie die Blattlinien ihrer Zeitungen und das Image des Hauses behutsam nach rechts rücken. Zur gleichen Zeit aber zerfleischen sie sich in einem absurden, internen Konkurrenzkampf. Er entzündet sich unter anderem daran, dass der alternde Franz Kronstein, der mächtigste der Brüder, Gefallen findet an der attraktiven, jungen Dr. Evelyn Goldscheider, was den Brüdern zu der Befürchtung Anlass gibt, die intelligente und ehrgeizige Frau könnte zu viel Einfluss im Haus gewinnen. (Auch diese Geschichte, die ein wenig nach Kolportageroman klingt, hat ein reales Vorbild im Haus Ullstein. Genaueres darüber teilt der Herausgeber Erhard Schütz in seinem sehr sachkundigen Vorwort mit.)

Spätestens im Jahr 1933, nachdem Hitler Reichskanzler geworden ist, zeigt sich, wie falsch das opportunistische Kalkül der Kronsteins war: Das diktatorische Regime duldet keine Anpassungsversuche jüdischer Unternehmer, die Kronsteins werden enteignet, einer stirbt gnädigerweise noch, bevor es zum Schlimmsten kommt, die anderen müssen Deutschland verlassen (genau wie die Ullsteins). Auf dieses unhappy end läuft die Geschichte hinaus, die Großmanns Roman in großer Nähe zu den historischen Fakten erzählt.

Allerdings hat der Autor eine Nebenhandlung frei erfunden, deren Hauptsinn darin zu bestehen scheint, den Roman vor einem allzu pessimistischen Schluss zu bewahren: Der Beamte Joachim Freiherr von Schollwitz wird im Verlauf des „Bruderkriegs“ als eine Art Mediator in den Verlag geholt und begegnet dort der Chefsekretärin, Ruth Berger. Diese ungemein kluge und menschenfreundliche junge Frau aus jüdischer Familie und der weltoffene preußische Aristokrat verlieben sich ineinander und beschließen zu heiraten. Beiden ist bewusst, dass ihre Liebe ganz und gar nicht in die Zeit passt, aber sie sind der selbstbewussten Meinung, dass dies eben gegen die Zeit, und nicht gegen ihre Verbindung spricht. Und so endet das Buch mit einer Abdankung, die zugleich ein Sieg ist: Von Schollwitz und Ruth Berger verlassen Berlin und ziehen sich auf ein Landgut zurück, über das der Freiherr glücklicherweise verfügt. Dort wollen sie bleiben, bis der Hitlerspuk vorüber ist. „Aber wir können warten“ sagt von Schollwitz im letzten Satz des Romans und gibt damit dem Buch seinen Titel.

Diese jüdisch-deutsche Liebesgeschichte hatte keine Entsprechung in der Realität des Ullstein-Imperiums, dessen Niedergang der Journalist Großmann so sorgfältig recherchiert hat. Sie ist eine freie Erfindung des Romanciers, der dem aufkeimenden Antisemitismus die Utopie einer humanen Existenz entgegenzusetzen versuchte. Allerdings wurde diese kleine Hoffnung des Literaten von der totalitären Wirklichkeit bald widerlegt. Im September 1935 traten die „Nürnberger Rassegesetze“ in Kraft, in denen eheliche Verbindungen zwischen Juden und Nichtjuden verboten wurden. Ein Zusammenleben wie das von Ruth Berger und Joachim von Schollwitz ist von diesen Gesetzen als „Rassenschande“ gebrandmarkt und unter Strafe gestellt worden.

Stefan Großmann musste diese unmenschliche Gesetzgebung nicht mehr erleben. Er ist am 3. Januar 1935 nach langer Krankheit in Wien an Herzversagen gestorben. Das Manuskript seines Romans „Wir können warten“ hat ihn jedoch überlebt. Fast achtzig Jahre später wurde es jetzt zum Buch, und es empfiehlt sich mit seinen präzisen Einsichten, aber auch mit seinen hoffnungsvollen Illusionen als erhellende und anrührende Lektüre.

Hermann Schlösser
8. Jänner 2015

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