Elmar Drexel: Kellertheater

Roman.
Innsbruck: Limbus Verlag, 2014.
Reihe Zeitgenossen.
Gebunden; 160 Seiten; Euro 16,90.
ISBN 978-3-99039-024-5.

Autor

Leseprobe

Es gibt ProtagonistInnen, die einem, ohne dass dies nun ein literarisches Qualitätsurteil ist, auf die Nerven gehen. Madame Bovary ist für mich so eine. Auch Goethes Werther. Und Elmar Drexels Held Theo. Wobei weder der französische noch der deutsche Klassiker Folien für den in Innsbruck spielenden Text Drexels abgeben, eher ist „Kellertheater“, was die Intertextualität angeht, ein Vorbild für den Beginn dieser Rezension. Theo steht am Anfang seines Studiums der Germanistik, ein Anfang der, ob Theos Leidenschaft fürs Theater, aber auch ob jener für den Alkohol und für die Frauen (letzteres Mal mehr, meist aber weniger erfolgreich) ein langer zu werden droht. Das Innsbruck der 70er-Jahre, in dem der Roman spielt, ist für ihn zugleich große Stadt – es herrscht durchaus Aufbruchsstimmung, in den Lokalen wird politisiert und über Kunst und Kultur gesprochen – und doch auch begrenzt. Das Zentrum der meisten Kunstschaffenden/ Intellektuellen/ politischen Köpfe sind sie selbst, da ist Günther, der sich als Linker bezeichnet, obwohl er „gerade mal eine 140-Seiten-Biogragfie über Rudi Dutschke gelesen“ (S. 32) hat, oder Willi, ein Medizinstudent, ein „Meister im Verhindern von Entscheidungen“ (S. 107), der zwar stets mit gutem Rat, niemals aber mit Tat seinen Bekannten und FreundInnen zur Seite steht.

Theo scheint das alles zu bemerken, wirklich zu stören scheint es ihn nicht, auch nicht, dass er, mit wenigen Ausnahmen, von allen ausgenutzt wird – auch im Bezug aufs Theater, für das er leidenschaftlich arbeitet. Schon am Beginn charakterisiert sich Theo selbst: „Ich war bald das ‚Mädchen für alles‘ ohne bestimmte künstlerische Zielrichtung, einsetzbar in jeder noch so unbeliebten Vakanz. Ich war der, dem gar nichts zu blöd war, der eh alles gern machte, der sich mit Hingabe und Lust, ja geradezu leidenschaftlich auf jede ihm zugewiesene Aufgabe stürzte und schon eine Lösung finden würde.“ (S. 12) Und genau diese Rolle kündigt sich auch an, als die Idee geboren wird, ein Kellertheater zu gründen, mit verhältnismäßig wenig Geld, vielen Besserwissern und mit nur wenigen Personen, die bereit sind, wirklich „zuzupacken“. Natürlich ist Theo dabei und natürlich ist er derjenige, der Stunde um Stunde arbeitet, sein Studium endgültig vernachlässigt, fast auch das Trinken (doch nur fast) und sogar die Frauen. Dass er dafür keinen Dank erhält, geschweige denn die Möglichkeit, selbst Theater zu machen, zeichnet sich von Beginn an ab. Und, um endlich den Anschluss an meinen eigenen Beginn zu finden: Das nervt. Wie gerne würde man lesen, wie Theo all den Großsprechern und Besserwissern (und es sind natürlich Männer) einmal so richtig die Meinung „geigte“, wie gerne würde man dem orientierungslosen, am Rand des Alkoholismus dahinschrammenden jungen Mann helfen, sich zu emanzipieren. Und doch hat man das Gefühl, dass Theo nicht nur ein „Opfer“ ist, auch wenn gelegentlich, und nur angedeutet, Schwierigkeiten mit einer überfürsorglichen Mutter und einem überkritischen Vater benannt werden, auch wenn er mit wenig Geld auskommen muss und sich trotzdem zumeist großzügig gibt. Theo ist an seinem Unglück, in dem er sich dann doch auch den anderen überlegen fühlt, selbst schuld. Und auch das nervt, vielleicht auch deshalb, weil wir alle, mal ausgeprägter, mal weniger deutlich, diese Phasen kennen, Phasen des Selbstmitleids, der Orientierungs- und Antriebslosigkeit, es nervt, weil wir uns zu einem gewissen Grad vielleicht selbst in Theo erkennen.

Nun klingt das alles nach einem sehr traurigen „Schicksal“. Ist es aber nicht. Denn schon die Tatsache, dass Theo erzählt – und wie er erzählt, mit seiner unglaublichen Belesenheit, die er manchmal fast schon penetrant offenbart –, weist darauf hin, dass er sich an einem Punkt seines Lebens „selbstermächtigt“ hat und, wenn man böse sein will, einer von jenen geworden ist, die gerne und viel mit Zitaten und Weisheiten um sich werfen, so wie es auch die vielen Bekannten des jungen Protagonisten gerne taten. Eine Selbststilisierung mit Augenzwinkern, damals wie heute, auch das kennen vermutlich gar nicht so wenige von uns.

Peter Clar
15. Jänner 2015

Originalbeitrag
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