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Antonio Fian: Was seither geschah.

Dramolette.
Graz, Wien: Droschl, 1998.
141 S., geb.; öS 250.-.
ISBN 3-85420-477-9.

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Satiren sind gewiß leichter zu zensieren als zu rezensieren. Wie soll man zum Beispiel eine gute Satire nacherzählen? Und gar ein Dramolett? Im literarischen Sketch hat Antonio Fian die ihm gemäße Form gefunden, und er schreibt sie sich seither immer wieder neu auf den Leib. Ausgehend von einem imaginären Zeitpunkt des bilanzierenden Innehaltens, hat er seine Sammlungen benannt: nach dem, "Was bisher geschah", nun das, "Was seither geschah".

Fians Literatur ist beides: unterhaltsam und elitär - denn nur, wer den heimischen Medien- und Literaturbetrieb aufmerksam beobachtet, vermag maximalen Leselustgewinn zu erzielen. Dem deutschen Publikum müßte man zu beinahe jedem Dramolett eine Gebrauchsanweisung geben, womit es (das Dramolett) verdorben wäre. Zweifellos bedeutet also dieses satirische Spezialistentum eine gewisse Selbstbeschneidung des Autors, nicht nur in formaler, sondern auch in geographischer Hinsicht.

"Die feinste Satire ist unstreitig die, deren Spott mit so weniger Bosheit und so vieler Überzeugung verbunden ist, daß er selbst diejenigen zum Lächeln nötigt, die er trifft." Gemessen an diesem Lichtenbergschen Maßstab, ist Fian wohl ein Meister der unfeinen Satire, der die Objekte seines Spottes so bloßstellt, daß ihnen ein Lächeln wohl nur mit zusammengebissenen Zähnen gelingen würde. Bevorzugte Opfer sind Kollegen aus der schreibenden Zunft, ungeachtet ihres politischen Standorts. So bekommt Peter Turrini seine berühmte Heldenplatz-Rede an die "Lieben Mörder" vorgehalten - zu dem, "[w]as seither geschah", zählt das Attentat von Oberwart. Die satirische Fortsetzung der Rede konterkariert gleich das ganze Strafgesetzbuch ("liebe Scheckbetrüger Fälscher Wucherer/liebe Heiratsschwindler Brandstifter Verleumder"...) und löst, natürlich, große Betroffenheit aus. Josef Haslinger bedrängt in "Verbrechen und Verantwortung" ahnungslose japanische Touristen, um sie davon zu überzeugen, daß sein "Opernball" nicht für die Giftgasanschläge in der Tokyoter U-Bahn verantwortlich zu machen sei. Auf der anderen Seite trifft Peter Sichrovsky Josef Friedrich Perkonig im 38er Jahr und gibt ihm Ezzes, wie man nachher nicht dabeigewesen ist. Thomas Brezinas Knickerbockerbande wird in ihrer forsch-fröhlichen Brutalität vorgeführt; Fian läßt sie in Oberwart ermitteln - ein Text, der fraglos jenseits der Grenze des guten Geschmacks angesiedelt ist, aber gerade dadurch das Wesen des Obszönen enthüllt.

Antonio Fian arbeitet nicht nur mit parodistischen Mitteln, sondern auch ausgiebig mit dem wörtlichen Zitat. So wandelt er auf den Spuren des Karl Kraus, dem er mit der "Wohnbaukantate (Neufassung)" seine Reverenz erweist: Während Kraus die sozialistische Gemeindebau-Jubeldichtung der Zwanziger zerpflückte, knöpft sich Fian die malerische Architektur von Arik Brauer & Co vor. Daß ein guter Satiriker nicht nur ein feines Gespür für den witzträchtigen O-Ton und eine ebenso profunde wie breitgefächerte Bildung braucht, sondern in erster Linie Inspiration, demonstriert das Glanzstück "Rolf Torring's Abenteuer: Die Suche nach der weißen Frau", in dem der deutsche Reisende mit dem Neger Pongo Peter Michael Lingens' krude Thesen zum rassenspezifischen Mischungsverhältnis von Potenz und Intelligenz durchexerziert.

Daß hinter des Satirikers Jagd auf die (Medien-)Phrase, auf die schöntönende Dummheit, ein moralischer Anspruch vermutet werden muß, ist längst eine Binsenweisheit. Antonio Fians Witz schlägt seine Funken freilich genausogut aus den Nebensachen des Lebens, auch "Ein Tag mit Radio Burgenland" bereitet ihm besinnliches Vergnügen. Wer würde angesichts solch wohlgesetzter satirischer Kammermusik nach einem symphonischen Orchester rufen?

Daniela Strigl
29. September 1998

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