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Gertraud Klemm: Aberland.

 

Textauszüge / jeweils aus der Perspektive von Franziska oder Elisabeth:

Franziska, Seite 14
(…) nie hätte sie gedacht dass ihre Arbeit so in den Hintergrund treten würde, jahrelang im Zentrum ihres Alltags, mit nassen Ärmeln im tropisch feuchten Fischhaus, das Gurgeln und Plätschern eine meditative Hintergrundmelodie.
Aber am liebsten versetzt sie sich in die Zeit davor, auf der „Humboldt“ im arkti-schen Meer, wo sie ihre Planktonnetze auswarfen und nach Krill und Plankton, nach Zahlen fischten (…).

Franziska, Seite 47
Was ihr fehlt ist das lustvolle Eintauchen in die Literatur und in die Schreibarbeit, (…) aber Manuel hat sie an die Oberfläche geholt, sein Geschrei und seine schlechte Saugmotorik, in ihrer naiven Vorstellung hätte die ruhige Schwangerschaft in einem friedlichen Säugling gegipfelt, neben dem sich locker ein paar Stunden wissenschaftliches Zusammenfassen ausgegangen wären, aber Manuel hatte andere Pläne, Stillen und Schlafen waren komplizierte Manöver, die (…) keinen Raum für Zebrafische ließen.

Franziska, Seite 143
Franziska legt sich zu Manuel, ein bisschen die Augen schließen, sie sieht sich von oben, wie sie sich fast bescheiden neben den ausladend daliegenden Manuel drapiert, in Seitenlage, wie eine Cashew-Nuss, wie ein Shrimp, sie heult lautlos in die Stille hinein, wenn sie Manuel neben sich hat, ist es besser (…), das Baby wurde nicht größer als 20 cm, ein Gesicht wie eine kleine Faust und winzige, rote Arme und Beine (…) Sie sieht das Mädchen mit seinen hübschen Mandelaugen, es schwimmt in der Leere um sie herum, transparent und ruckartig wie ein Krill, und manchmal trägt Franziska den Schatten ihrer Tochter auf dem Rücken (…)

Franziska, Seite 148
(…) sie könnte der Schwiegermutter den Mund verbieten, (…) Franziska könnte aufspringen und schreien, dein Sohn ist es, der sich nicht an die Vereinbarungen hält, 50/50 war ausgemacht, und die Realität liegt bei 90/10, keine Rede von Papamonat oder Karenz, und das liegt nicht daran, dass Tom „richtig“ arbeitet und dass Franziska „nur“ eine Dissertation schreibt.

Franziska, Seite 164
Sie (…) setzt sich dann auf ihre Terrasse, die zu zwei Dritteln der Raiffeisen-bank gehört (…) alles ist geborgt, nichts davon gehört einem wirklich, das Haus sowieso nicht, aber auch die Kinder nicht, weil sie sich jeden Moment in Gefahr bringen (…) können, oder weil sie vor der Geburt sterben müssen, Tom gehört der Firma und sich selbst, und die Liebe gehört der Vernunft, und die Vernunft gehört wieder der Bank (…)
Sie versucht sich probeweise zu verabschieden, wie es sich anfühlen würde, das Haus zu verkaufen, (…) ob sich eine Trennung ausgeht, nur dass sich eine Trennung nie ausgeht, das ist das Naturgesetz der Vorstadtsiedlung, alles ist knapp genug kalkuliert, dass eine Trennung einfach nicht mehr ins Budget passt.

Elisabeth, Seite 64
Als die Kinder in der Schule waren, konnte ich einen ganzen Tag damit füllen, nur das Beste für meine Lieben zusammenzusammeln, aber jetzt hilft auch das nicht (…), es fühlt sich ein bisschen an, als würde eine Zehe an der Spitze zu faulen beginnen und als hätte mein Leben diese kleinen weichen Flecken, die es nur mehr auf den Bio-Tomaten gibt.

Elisabeth, Seite 31
Edith hat dem Schweigen ein Geräusch gegeben, ein leises Singen, das mich durch die dunklen Tage getröstet hat, mit gutem Wein und bitterem Lachen, (…). Seit Ediths Tod häuft sich alles nasskalt zu meinen Füßen und mir bleibt nur mehr das Schwimmen und die komische Sehnsucht nach Gustav (…).

Elisabeth, Seite 112
Als ich den Wagen startete, sah ich Jakob im Rückspiegel (…), ein Bild in sei-ner Hand, (…) in dreierlei Grautönen gemalt. (…) Auf dem Bild ein Totenschädel und eine zusammengerollte Katze, beide schweben schwerelos durch eine Art Himmel, unter ihnen eine nackte Frau mit großen Brüsten, die Beine gespreizt, hängt sie kopfüber (…). Die Frau auf dem Bild bin ich.

Elisabeth, Seite 151
Man muss es wohl als Ganzes annehmen, das Langsam-Sein und das Unnütz-geworden-Sein, sonst fliegt einem jede Sekunde Vergeudung der Jugend einzeln um die Ohren.
Ab wann kann man anfangen, den Tod nicht mehr zu fürchten? Wird das irgend-wann besser? (…)
Das Sterben beginnt schon lange vor dem Tod, es nagt sich von den Rändern des Lebens ins Zentrum vor, es vereinnahmt die Menschen und ihre Häuser. Es riecht hier nach langsamem Verfall, dem nichts entgegengesetzt wird.

 

© 2015, Literaturverlag Droschl, Graz.

 

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