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Wilhelm Pevny: Im Kreis

Roman.
Klagenfurt: Wieser Verlag, 2014.
239 Seiten; gebunden; Euro 21,–.
ISBN 978-3-99029-133-7.

Leseprobe

Autor

Fünf- bis fünfzehnmal am Tag hat ein Straßenbahnfahrer auf der Ringlinie die Innenstadt umrundet, bevor 2008 die Streckenführung geändert wurde, wodurch der 1er und der 2er nun auch in die Bezirke hinaus fahren. Etwas mehr als fünf Kilometer an Sehenswürdigkeiten, Denkmälern, Touristenattraktionen vorbei, tagein, tagaus im Kreis … manche lieben es, andere macht es mit der Zeit verrückt. Eine Fahrt nach Ottakring oder in den Prater ist dann schon wie ein Ausbrechen aus der täglichen Bahn.

Der Ich-Erzähler von Wilhelm Pevnys Roman „Im Kreis“ liebt seinen Beruf. Seit über 40 Jahren ist er Straßenbahnfahrer und steht nun kurz vor der Pensionierung. In einem Monolog im Plauderton, der sich an einen unbekannten Fahrgast richtet, der der Schriftsteller als Dokumentator oder auch einfach ein imaginärer Gesprächspartner sein könnte, sinniert er über das, was ihn umgibt, und das, was er erlebt und beobachtet hat. Er erinnert sich an seine Kindheit und an seine große Liebe, an Freunde, an Fahrgäste, die mit der Zeit zu Bekannten wurden. Er stellt Betrachtungen an über Zeiten, die sich verändern, über die Evolution des Menschen im Großen wie im Kleinen … untermalt mit Wiener Lokalkolorit.

Auch wenn die Linie heute nicht mehr nur im Kreis führt, passiert die Straßenbahn doch immer wieder dieselben Gebäude, dieselben Straßenzüge und Kreuzungen. Und auch das Denken kehrt immer wieder zu denselben Themen zurück. Es kreist um Liebe und Tod, um das Leben im Beruf und in der Pension (nein, bitte noch nicht), um verschiedene Streckenverläufe und ihre Vor- und Nachteile, um alte Bekannte, die immer wieder dieselben Strecken fahren und daher im Gedächtnis bleiben. Der Fahrer spekuliert darüber, welche der Fahrgäste zueinander passen würden oder gepasst hätten, so etwa der Herr Rebhann und das Fräulein Andacht oder Katie und der Student – und manche begegnen einander tatsächlich, andere jedoch nie. Das Leben besteht nicht zuletzt aus vielen Zufällen.

Ob es Zufall ist, dass der Ich-Erzähler Straßenbahnfahrer geworden ist wie schon vor ihm sein Vater? Er hätte auch Maler werden können, malt seit seiner Kindheit leidenschaftlich gerne, hat etliche Alte Meister aus dem Kunsthistorischen Museum kopiert und in seiner Wohnung hängen, was aber nur wenige wissen. Denn was ihm fehlt, ist Ehrgeiz. Er interessiert sich für allerhand in seiner Umwelt, ist Mitglied in einem Filmclub und besucht immer wieder Volkshochschulkurse, u.a. zu Themen aus der Evolution des Menschen. Er spinnt diese Entwicklung weiter und träumt von einem Y-Gen, das – analog zum „Sprach-Gen“, welches sich vom Neandertaler und dem Cro-Magnon-Menschen bis zum Homo sapiens entwickelt hat – dazu führen würde, dass die Menschen eine Aversion gegen Niedertracht und Böses ausbilden würden. In seiner Umgebung meint er bereits viele zu bemerken, die ein solches Y-Gen in sich tragen und dadurch die Welt zu einem besseren Ort machen. Ihre Geschichte und Geschichten möchte er erzählen. Die Perspektive der „Geschichte von unten“ erinnert dabei teilweise an die „Alpensaga“, für die Peter Turrini und Wilhelm Pevny in den 70er Jahren das Drehbuch verfasst hatten, allerdings ist „Im Kreis“ ein sehr warmherziges Buch, das sehr stark an das Positive im Menschen rührt.

In Form von vielen kleinen Geschichten und Porträts von Menschen, die dem Straßenbahnfahrer in seiner 40-jährigen Berufslaufbahn begegnet sind, entwirft Pevny eine Geschichte der Stadt „von unten“, getragen von den „kleinen Leuten“, den Menschen wie du und ich. Den Denkmälern von berühmten Männern (ja, es sind vor allem Männer) stellt der Ich-Erzähler virtuelle Gegendenkmäler zur Seite, von „Helden des Alltags“, Menschen, die die Stadt geprägt haben, in dem sie anderen Gutes taten ohne viel Aufhebens davon zu machen oder sie einfach zum Lachen brachten. Da ist zum Beispiel der Fredl Zamecnik, ein Stemmer, „der einen ganzen Bezirk mit seinem Frohsinn unterhielt, der sozusagen das Burgtheater der kleinen Leute auf zwei Beinen war“ (S. 225) und obendrein die Frau Peierl „mit ihre schlechten Füss“ die Stiegen hinauf- und hinuntergetragen hat und dazu meinte, das sei das beste Training (S. 50). Oder die Maly Tant und die legendäre Frau Smutny, die „einen guten Schmäh“ hatten und gleichzeitig sehr mitfühlsam sein konnten und „unumstößliche Institutionen“ waren, „die sich in der Welt der Männer behaupten mussten“ (S. 215).

Der Ich-Erzähler ist ein leidenschaftlicher Beobachter, er überlegt, wie die Fahrgäste wohnen, was sie beruflich machen, was für ein Leben sie führen, wer ihre Partner oder Partnerinnen sein könnten oder ob sie alleine leben. Manche von ihnen lernt er tatsächlich kennen, kann dann seine Menschenkenntnis an der Realität überprüfen und feststellen, dass er oft gar nicht weit daneben lag mit seinen Vermutungen. Er malt kleine Erzähl-Miniaturen von den Menschen, die ihm begegnen. Zum Teil ist das eine Strategie, um sich abzulenken, hat er doch Gitta, seine große Liebe, bei einem Autounfall verloren. Die Präsenz der Erinnerung an sie durchzieht das Buch vom Anfang bis zum Ende, es ist, als würde der Ich-Erzähler seit Jahren einen Teil seines Lebens nur noch in der Erinnerung leben, auch wenn er rundum noch so umtriebig und aktiv ist, mit seinen Pfleglingen und seinen Kollegen und Kolleginnen, seinen Freunden und seiner Malerei. Aber allmählich wird auch eine ganz bestimmte und sehr lebendige Kollegin immer präsenter, und die allgemeine Liebe zu den Menschen bekommt eine ganz besondere Richtung. Denn wer das Leben liebt, liebt auch die Liebe. Aber: wenn einen die Liebe enttäuscht, kann man dann das Leben noch genauso lieben? Auch hier dreht sich das Denken wieder im Kreis. Und es braucht Mut, die gewohnte Bahn zu verlassen.

Sabine Dengscherz
11. Februar 2015

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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