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Verena Stindl: Ein Bild von einem Mann.

Österreichische und deutsche Offiziere in der Literatur.
Eine Studie zum Klischee in erzählender Prosa.
Würzburg: Königshausen u. Neumann 2014.
(Epistemata Literaturwissenschaft. 816).
362 S.; brosch.; Euro 48.-.
ISBN: 978-3-8260-5564-5.

Anhand von 27 literarischen Werken untersucht Verena Stindl Klischeebilder des Offiziers und ihre Verortung in der gesellschaftlichen Realität. Denn „Klischees sind in der Wirklichkeit verankert, indem sie von Fakten ausgehen und diese Fakten zu einem Bild oder einem Urteil umformen: Sie reduzieren die komplexe Wirklichkeit auf ein intuitiv begreifbares Bild“ (S. 17). Als solches „tauchen [sie] in der Literatur auf“ und wirken zurück auf das Bild der entsprechenden Personengruppe. Und die Autorin entdeckt in ihrer Arbeit sogar den Fall eines innerliterarischen Rückkoppelungseffekts: Schnitzlers bekanntes Erzählende in Leutnant Gustl – „Dich hau' ich zu Krenfleisch!“ fand vier Jahrzehnte später gleichsam als intertextuell gesunkenes Kulturgut Eingang in Rudolf von Eichthals mitten im Zweiten Weltkrieg erschienenem „altösterreichischen Soldatenroman“ Die goldene Spange. (S. 208)

Klischeehaft verfestigt sind schon die prinzipiellen Bilder und Images der Heeresverbände im Wilhelminischen Deutschland (zackig staatstragend) und der Habsburger Monarchie (gemütlich supranational). Ziel der Untersuchung ist zu zeigen, „wie unterschiedliche Autoren mit den verschiedenen Klischees rund um den preußischen und den österreichischen Offizier umgehen.“ (S. 42) Das Textsample soll einen möglichst großen Zeitraum quer durch „die verschiedenen Stufen der Literarizität bzw. Kanonisierung der Texte“ abdecken. Solche Samples sind immer angreifbar, aber die Untersuchung vereint zentrale Texte zum Thema mit vergessenen und mitunter auch randständigen, wie den Schlüsselroman von Leutnant Bilse (Fritz von der Kyrburg) Aus einer kleinen Garnison, dem auch die Autorin eine Außenseiterposition im Textgefüge attestiert. Theodor Fontane ist mit vier Werken vertreten, Arthur Schnitzler mit seinen beiden Leutnantsnovellen – Leutnant Gustl und Spiel im Morgengrauen – Ferdinand von Saar mit Leutnant Burda, Stefan Zweigs Ungeduld des Herzens fehlt ebenso wenig wie Joseph Roths Radetzkymarsch und Hermann Brochs Pasenow, aber auch Carl Baron Torresantis Erzählung Drei Tage für ein Leben oder Alexander Lernet-Holenias Die Abenteuer eines jungen Herrn in Polen. Für die preußische Armee treten u. a. an: Walter Flex mit seinem Wanderer zwischen beiden Welten, Friedrich Heydenaus Der Leutnant Lugger, Edlef Köppens Heeresbericht, aber auch die großen Romane über den Ersten Weltkrieg, dem ein eigenes, notwendig äußerst kursorisches Kapitel gewidmet ist, von Remarque bis Ludwig Renn ebenso wie Josef Magnus Wehners Sieben vor Verdun und Karl Federns Hauptmann Latour. Da die Autorin berechtigterweise nicht davon ausgehen kann, dass die LeserInnen diese Werke alle präsent haben, fügt sie am Ende ausführliche Inhaltsangaben der Werke an.

Organisiert ist die Analyse dieses Textkorpus geschickt um fünf Themenstellungen: „Uniform, äußerer Schein und Identität“, „Der Offizier und sein Erzähler“, „Der Offizier, die Frauen und das Geld“, „Der Offizier, die Ehre und der Tod“ und schließlich eben der „Ernstfall Erster Weltkrieg“. Am produktivsten zur Differenzierung der einzelnen Werke entpuppt sich der erzähltheoretische Abschnitt über das Verhältnis von Offiziersfigur und Erzähler. Hier wird in der Bandbreite der erzähltechnischen Möglichkeiten sichtbar, wie unterschiedlich die Autoren Methoden der Distanzierung, Ironisierung und Dramatisierung einsetzen. Was die österreichischen Autoren betrifft, wird in diesem Kapitel auch die Problematik des seinerseits klischeehaft gesetzten „Habsburger Mythos“ sichtbar, der zu Beginn der Untersuchung noch unhinterfragt eingebracht wird.

Überraschend ist der abschließende Befund: Lässt man die Romane über den Erster Weltkrieg weg, „fallen die Unterschiede zwischen österreichischen und preußischen bzw. deutschen Offizieren gar nicht so gravierend aus, wie es aufgrund der heute verbreiteten Klischees“ zu erwarten wäre (S. 293). Die Rolle der Heeresverbände für das Staatsgefüge war zwar different, doch die Figur des Offiziers, sein gesellschaftliches Rollenverhalten und dessen literarische Verarbeitung sind durchaus verwandt, wie diese fundierte und gut lesbare Untersuchung zum Bild des feschen Offiziers aufzeigt.

Aus österreichischer Sicht vielleicht ein wenig bedauerlich, dass die einbezogene – nicht die im Literaturverzeichnis angeführte – Sekundärliteratur zu Schnitzler überwiegend Anfang der 1990er Jahre endet. Gerade jüngere Forschungsbeiträge haben etwa versucht, Leutnant Gustl auch als Opfer seiner Kadettenschülerkindheit zu interpretieren. Und ein wenig bedauerlich auch, dass von Ferdinand Saar nur eine Novellen berücksichtigt ist, denn er nutzt die k.u.k. Armee besonders häufig als Erzählmotor. Das Militär war auch ein Kontext, in dem die Söhne der Oberschicht mit Angehörigen von ihnen sozial, ethnisch oder religiös völlig fern stehenden Bevölkerungsteilen in Kontakt kamen, wo solche Begegnungen zumindest möglich wurden. Das ist vielleicht auch ein Aspekt, der hinter der Beliebtheit der Offiziers-Figur steht: Autoren nutzten die militärischen „Netzwerke“, um Wissen über fremde Leben und Schicksale zu motivieren und Bekanntschaften zu rechtfertigen – auch mit dubiosen Subjekten, denen gegenüber die ehemalige Kameradschaft zu einigem Wohlwollen verpflichtet. Saars Conte Casparo gehört ebenso dazu wie der Hauptmann Sandek aus der Erzählung mit dem sprechenden Titel Hymen oder die Novellen Der Burggraf und Ginevra.

(red)
16. Februar 2015

 

 

 

 

 

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