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Richard Schuberth: Chronik einer fröhlichen Verschwörung.

Roman.
Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2015.
479 Seiten, geb.; 23,60 Euro.
E-Book: 16,99 Euro.
ISBN 978-3-552-05714-2.

Autor

Leseprobe

Sie ziehen um die Häuser und schlagen sich die Nächte um die Ohren, verarschen ihre Nächsten und hinterlassen eine Spur von Verwirrung und Irritation. Oder sie lümmeln zu Hause zwischen leeren Pizzaschachteln, rauchen Gras und sinnieren über Literatur, Philosophie und Weltanschauung. Es ist keine alltägliche Freundschaft, die den fast 70-jährigen Geisteswissenschaftler Ernst Katz und die 17-jährige Birgit Haunschmid verbindet. Aber was ist schon alltäglich?

Richard Schuberth macht sich in seinem ersten Roman „Chronik einer fröhlichen Verschwörung“ scharfsinnig und humorvoll an die Widerlegung von verschiedensten Vorannahmen. Katz und Biggy sind weder Großvater und Enkelin, noch stehen sie in einer erotischen Beziehung – auch wenn sie ihre Umwelt gerne mal das eine, mal das andere glauben machen. Manchmal ist es einfacher, Schubladen zu füllen, als die Wahrheit verständlich zu machen. Manchmal ist es aber auch nur einfach lustiger. Andere zu irritieren macht doch ziemlich Spaß. Das haben die beiden schon bei ihrer ersten Begegnung im Zug festgestellt. Etwas irritiert ist Katz dann selbst, als die Zufallsbekanntschaft Biggy eines Tages bei ihm vor der Tür steht, mit einem blauen Auge und einer Zahnlücke – und fragt: „Darf ich ein paar Wochen bei dir wohnen und kannst du mir fünfhundert Euro borgen?“ (S.45) Aber seine Abwehrhaltung hält nicht lange an. Biggy besteht ein paar unausgesprochene „Tests“, mit denen sie sich bei Katz interessant genug macht, um bleiben zu dürfen. Und mit der Zeit wird die Freundschaft tiefer und tiefer.

Katz möchte Biggy fördern und fordern, ihr seine Denkweisen und ideologischen Positionen nahebringen. Biggy wiederum sucht jemanden in ihrer Nähe, der ihr intellektuell gewachsen ist und ihr ein warmes Nest bietet ohne sie einzuschränken. Katz wird dabei zuweilen ein bisschen pubertär, Biggy immer (früh)reifer, und gemeinsam stürzen sie sich in eine „fröhliche Verschwörung“: Der „Holocaustroman“ eines jungen Schriftstellers soll verhindert werden. Denn dieser hat sich als Hauptfigur ausgerechnet eine Frau ausgesucht, an die Ernst Katz intime und schmerzhafte Erinnerungen hegt: Klara Sonnenschein. Diese Dichterin, Philosophin und Germanistin hat – wie Ernst Katz – als Kind den Holocaust überlebt, allerdings unter sehr schwierigen Umständen, und war eine Zeitlang auch im KZ. Jahrzehnte danach hat sie ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. Die Präsenz von Klara Sonnenschein durchzieht in Form von scharfzüngigen Aphorismen, Haiku-artigen Gedichten und Auszügen aus Briefen den ganzen Roman. Je mehr die Lebenden sich in ihre eigenen Intrigen verstricken, desto präsenter wird die lang Verstorbene, in ihrer Art die Welt zu sehen, in ihrer klaren Urteilskraft, ihrer Härte, aber auch ihrer Lebenslust und Liebe.

Katz, ehemaliger Uni-Dozent und Anhänger der Kritischen Theorie, verfolgt mit einem feinen Sensor Regungen des „autoritären Charakters“, Manifestationen von Rassismus bzw. Antisemitismus – aber auch verlogene politisch korrekte Posen und Anbiederungen an den Mehrheitsgeschmack. Den jüngeren Schriftstellern kann er nicht viel abgewinnen und teilt sie ein in wenig schmeichelhafte Kategorien wie Streber, Mothafucker, Sensibelchen und Unsensibelchen, Testosteronsklaven, Sprachspielautomaten, Essayistendarsteller oder multiple Gewissensbefriediger. Und er ist nicht gewillt zuzulassen, dass sich einer des Typs „Mothafucker mit Anlagen zum Sprachspielautomaten und dem erbärmlichen Ehrgeiz, ein multipler Gewissensbefriediger zu werden“ (S.146), an einen Stoff heranmacht, der ihm selbst so nahesteht, an eine Frau, der er selber nicht gewachsen war.
Biggy wiederum ist jung, frech und neugierig auf die Welt, gleichzeitig abgeklärt, und scheint nichts und niemanden ernst zu nehmen. Der Männerwelt bedient sie sich, um auf ihre sexuellen Kosten zu kommen, zuweilen nachgerade machohaft, mit losem Mundwerk und Charme. Sie testet gerne Rollen, Verkleidungen und Inszenierungen, in denen sie andere an der Nase herumführt.
Katz und Biggy lotsen den Schriftsteller auf den vermeintlichen Spuren von Klara Sonnenschein u.a. nach Belgrad und nach Tel Aviv, wo er nicht das erlebt, was er erwartet hätte, dafür Anderes, das ihn prägen wird. Biggy und Katz scheinen stets am Austesten zu sein, wie weit man gehen kann, welche Grenzen sich überschreiten lassen, welche Tabus verletzen. Das entgleitet ihnen zuweilen und ist nicht immer ganz ungefährlich – für alle Beteiligten. Und vieles ist bei näherer Betrachtung nicht so, wie es am Anfang scheint.

Haupt- wie Nebenfiguren im Roman verweigern sich systematisch der Zuordnung und Kategorisierung. Durch geschicktes Mobbing wird die Umwelt manipuliert: Zwischenmenschliche Begegnungen sind Räume, in denen mehr oder weniger subtil Macht ausgeübt wird; wer die Lacher auf seiner Seite hat, wer mehr Sex-Appeal zusammenbringt, gewinnt. Der Verlierer zieht den Schwanz ein. Manchmal wiederholen sich die Dinge in unterschiedlicher Besetzung. Weder Katz noch Biggy zeichnen sich durch besonderes Mitgefühl aus. Das wäre ja unter Umständen verlogen. Oh nein.
Die Marionetten, die Katz und Biggy an ihren Fäden durch den Kakao ziehen, entpuppen sich aber doch als recht menschlich und verletzlich. Unter Umständen auch als sympathischer als gedacht. Oder unsympathischer.

Die Beziehungen zwischen den Figuren sind dabei recht dynamisch, und der Roman enthält einige überraschende Wendungen. Die Menschen kommen einander näher, bis zu einem bestimmten Punkt, und entfernen sich dann wieder voneinader. Auch die Beziehung zwischen Biggy und Katz ist von einem steten Hin- und Her von Anziehung, Vertrauen und Nähe und dann wieder Enttäuschung und Ablehnung gekennzeichnet. Der Übergang zwischen Freundschaft und Liebe ist fließend. Ebenso wie die Grenze zwischen Spaß und seelischer Grausamkeit.

Der Schriftsteller wiederum wäre eigentlich lieber ein Teil der „Gang“, als die „Gang“ gegen sich zu haben. Andererseits – wer hat das Recht, ihm vorzuschreiben, worüber er schreiben soll? Und was ist eigentlich eine adäquate Reaktion auf den Holocaust? Und was adäquates Verhalten in der Gedenkstätte Mauthausen?
Richard Schuberth bringt seine Figuren immer wieder in Situationen, in denen es kein einfaches Richtig gibt – ein klares Falsch schon eher. Dabei werden Grundfragen dialektisch immer wieder aus verschiedenen Perspektiven aufgegriffen, im Handeln der Figuren und in dem einen oder anderen Monolog von Ernst Katz oder Klara Sonnenschein.

Ein Motiv, das sich durch den ganzen Roman zieht, ist die Unterscheidung zwischen einem konstruierten Wir und den Anderen. Es erscheint in unterschiedlichsten Variationen: mal geht es um Tauziehen auf einer zwischenmenschlichen Ebene (Allianzen entstehen und zerfallen), mal um Othering auf einer gesellschaftlichen Ebene (woran erkennt man eigentlich jemanden mit Migrationshintergrund?).
Vorurteile helfen, Komplexität zu reduzieren. Richard Schuberth schreibt präzise und differenziert gegen diese Komplexitätsreduktion an, indem er stereotype Vorstellungen systematisch dekonstruiert – bzw. seine Figuren das tun lässt. Dabei ist der Kampf gegen Vorurteile wie das Blasen in eine Pusteblume: es setzt die Samen für viele neue Vorurteile frei. Biggy und Katz ertappen sich immer wieder gegenseitig dabei, wie sie beim Abbau eines Klischees ein paar andere tappen. Zuweilen wird die Dekonstruktion von Othering auf der gesellschaftlichen Ebene auch dazu benutzt, auf der zwischenmenschlichen zu punkten – und dort wieder Mechanismen von Annäherung und Ausgrenzung in Gang zu setzen.

Othering ist ein Thema, mit dem sich der Autor schon früher beschäftigt hat. So hat er sich etwa vor einigen Jahren in einem „Kommentar der anderen“ im Standard zur Debatte um Termini in der Migrationspolitik geäußert und dabei für eine „Verweigerung der Bezeichnung“ ausgesprochen, weil nur so „die falsche Selbstverständlichkeit des Bezeichneten“ umgangen werden kann 1.
In seinem Roman ist er nun dazu übergegangen, die Konstruktion der Kategorien ad absurdum zu führen, indem er sie in vielen kleinen Szenen lustvoll und witzig sprengt – und den Scherbenhaufen zuweilen mit Gegenentwürfen garniert, so zum Beispiel mit Katz’ Typologie der Schriftsteller, die ihrerseits ebenso von Vorurteilen strotzt.

Der Roman ist ein Plädoyer dafür, sich zu emanzipieren – vom Einfluss dominanter Menschen oder starker Ideologien – ein Plädoyer dafür, offen zu bleiben, das Mitdenken zu genießen und nicht auf einem Standpunkt zu versauern. Erstarrten Werthaltungen wird mit einer Skepsis begegnet, die der Autor kürzlich auch in der Presse zum Ausdruck brachte: „Wer die Werte der Aufklärung erhalten will, muss ihre Polyphonie und Dissonanz erhalten, sobald sie aber zum Kanon erstarren und unisono gesungen werden, sind sie restlos versaut – Finger weg davon und woanders weitermachen!“ 2

Dieses Programm hat Richard Schuberth in Literatur umgesetzt: Polyphonie und Dissonanz bestimmen die „Chronik einer fröhlichen Verschwörung“ vom Anfang bis zum Ende. Und möglicherweise ist der Roman genau deshalb so berührend und vergnüglich zu lesen.

1 Richard Schuberth: „Wie Othello ins Hemd kam“ oder „Der Hintergrund des Migrationshintergrunds“. Anmerkungen zu einem „Gutfühlterminus“, der gern als „fortschrittliches Tool“ in der migrationspolitischen Debatte verwendet wird, tatsächlich aber mehr verschleiert als aufklärt, DER STANDARD, 7.4.2012

2 Richard Schuberth: „ Ach ja, unsere Werte! Wer sich in berechtigtem Zorn über die Attentate von Paris auf die europäischen Werte einschwören lässt, der schadet ihnen möglicherweise mehr, als ihm lieb ist. Einige skeptische Einwürfe, Die Presse, 23.1.2015

Sabine Dengscherz
19. Februar 2015

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktione wieder.



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