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Richard Schuberth: Chronik einer fröhlichen Verschwörung.

Leseprobe

Er entwickelte sogar Bindungen zum Supermarkt. Nicht aus Konsumzwang. Vielmehr bringt der Supermarkt Ordnung in ein zuweilen ungeordnetes Leben und ist der einzige Ort, wo es sich Menschen nahekommen lässt, ohne dass sie einem zu nahe kommen.
Heute nimmt Ernst Katz weder Kunden noch Personal wahr. Seit einer Viertelstunde sucht er nach dem Brombeerjoghurt, das ihm vor Monaten so gut geschmeckt hat. Warum sucht er es bei den Oliven-, Kürbiskern- und Distelölen? Weil er sich von einem reißenden Reflexionsstrom bereits um zwei Gänge hat spülen lassen, und er wird in der nächsten halben Stunde noch um etliche Ecken kurven und anderen Leuten durch seine abrupten Richtungswechsel, sein Grimassieren und seine Selbstgespräche auffallen.
Er darf, sagt er sich auf der Höhe der Babyfeuchttücher, er darf Biggy nicht überfordern. Nicht überfordern, nicht belehren, nicht maßregeln. Sie ist erst 17. Ihre Klugheit, die nur Spießer Altklugheit nennen würden, ihr rebellisches Wesen und ihr Wissensdurst sind, gemessen am Ungeist der Zeit, unerwartete Geschenke, die es dankbar anzunehmen, nicht zu knicken gilt. Ungeist der Zeit – ja, Ernst Katz verwendet solche Begriffe noch, immer dann, wenn er sich vor Differenzierung drückt. Ungeist der Zeit – süß, hört er eine fiktive, zehn Jahre ältere Biggy sagen, nachdem sie ihr Philosophiestudium beendet hat. Doch fürchtet Ernst Katz, er werde alles vermasseln.
[…]
Die schwierigste und letzte Aufgabe deines Lebens erwartet dich, Ernst Katz. Deine ganze Kraft erfordert sie. Fühle dich in die Erfahrung eines jungen Menschen ein, der mehr weiß als andere seines Alters und doch nichts weiß. Heuchle Neugierde an seinen Interessen, seiner Welt und seinen Gedanken und suche nach den geeigneten Venen, wo sich die Infusionsflaschen deines Wissens anschließen lassen. Schnell und so schmerzlos wie möglich muss das gehen. Verzichte auf den Fachjargon, auf dem du deine akademische Laufbahn gebaut hast. Werde ein Dichter, hat dir Klara in ihrem Abschiedsbrief empfohlen. Finde den Schnittpunkt größtmöglicher sprachlicher Einfachheit und geringstmöglicher Trivialität.

(S. 65ff)

© 2015 Paul Zsolnay Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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