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Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd.

Roman.
München: Hanser, 2015.
287 Seiten, gebunden; Euro 20,50.
ISBN 978-3-446-24761-1.

Autor

Leseprobe

Die Rahmenhandlung dieses Romans fällt kurz aus – sie umfasst kaum drei Seiten und hat kein Pendant am Schluss. Eine junge Frau bringt einen verletzten Uhu zu einem Tierarzt, aber das Tier ist nicht zu retten, es muss eingeschläfert werden. „Wir kennen uns. Ich bin’s“, sagt sie. „Du, Judith, da ist nichts zu machen“, sagt er. Diese Begegnung löst in dem noch nicht sehr reifen Mann – er ist Anfang dreißig – einen Erinnerungsflash aus.
Arno Geiger erzählt in seinem Roman „Selbstporträt mit Flusspferd“ die Geschichte einer Trennung aus der Perspektive des Verlassenen, der die Trennung aber nichtsdestotrotz eigentlich betrieben hatte – „trotzig, bockig und wild entschlossen, mich in Gefahr zu begeben“ – aus der unausgegorenen Angst, etwas zu verpassen, wenn er bei seiner ersten Freundin bleiben würde.
In 22 Kapiteln begibt sich der Icherzähler auf die Suche nach seinem Selbst als 22-jähriger Student der Veterinärmedizinischen Universität, seinem Leiden an der Sinnlosigkeit des Lebens, seinen diffusen Ängsten vor der unbekannten Zukunft, seinen Tagträumen, kurz, seinem Unvermögen, erwachsen zu werden.
Julian bekommt, was er sich ersehnt hat. Nur nicht so, wie er es sich vorgestellt hat. Die Trennung versetzt ihn nicht in einem Freiheitsrausch, sondern lässt ihn verwirrt zurück, voller Trauer, unfähig, sein neues Leben zu genießen oder auch nur in Angriff zu nehmen. „Ein junger Mann mit Schmerzen sein, ist eine Ganztagsbeschäftigung.“

Er irrt durch die Stadt, weiß nichts mit sich anzufangen, wird verfolgt von Erinnerungen. Und er definiert sich immer noch im Gegensatz zu seiner verflossenen Beziehung. Judiths Schnörkellosigkeit, ihre strahlende Selbstsicherheit, ihr Pragmatismus, „diese komplette Abwesenheit von Dämonen“ stellen den imaginierten Kontrast zur – je nach Stimmungslage – eigenen Lebensunfähigkeit oder eigenen Überlegenheit über diesen „Prototyp der unkomplizierten Frau“ dar, wie der Icherzähler Judith auf den ersten Seiten gleich zweimal nennt.
Während Judith ihre Zukunft plant und gleich einen neuen Freund aus dem Hut der Lebenstüchtigkeit zaubert, gibt sich Julian genüsslich seiner Melancholie und Weltuntergangsstimmung hin, geschürt von der Klimaerwärmung und politischen Schreckensnachrichten wie dem Terroranschlag von Beslan, bei dem tschetschenische Terroristen im September 2004 331 Schüler und Lehrer töteten und den Julian mit angehaltenem Atem in den Medien verfolgt. Er redet mit seiner WG-Kollegin Nicki über das Leben. Er geht auf Partys und steht am Rand. Er fährt mit Freunden aufs Land und besucht seine Familie.
Zur Trauerarbeit kommen Forderungen finanzieller Art. Weil sich bei seinem Auszug herausstellt, dass Julian nicht mehr im Studentenwohnheim, sondern schon länger bei Judith gewohnt hat, fordert ihr Vater rückwirkend Miete. Da trifft es sich gut, dass sein Freund Tibor, der neben dem sensiblen, grüblerischen Julian wie ein Lebemann wirkt, ihm einen Job anbietet: ein Zwergflusspferd zu pflegen, das im Garten des todkranken ehemaligen Direktors der Veterinärmedizinischen Fakultät lebt.
Schon bald identifiziert der Dünnhäuter sich mit dem Dickhäuter, aber trotz ihrer Originalität gewinnt diese Metapher auf vier Beinen wenig Leben. Zwergflusspferde sind anspruchslos, erfährt man, und Julian fühlt sich von der Trägheit und Realitätsferne dieses „schwarzgrünen Geisterwesens“, „schön wie ein Segelschiff in der Nacht, schön wie ein Priester im dunstigen Wald“, angezogen.
Das Zwergflusspferd erinnert ihn an das Kind in sich selbst, von dem er hofft, dass es nicht zurückkehrt, er fühlt sich mit ihm verwandt darin, „dass wir den realen Anforderungen, die das Leben stellt, nur bedingt gewachsen waren“. Er will von ihm lernen, dass „das Leben auch gut und schön sein kann, wenn es zu nichts führt.“
Denn eigentlich zieht es Julian hin zu dem, was man in seinem Alter pathetisch „das Leben“ nennt. Seine schwerste Aufgabe stellt nicht die Vergangenheitsbewältigung, sondern die Zukunft dar oder vielmehr das Dazwischen, in dem er sich befindet: das Geschäft des Erwachsenwerdens, eine schaurige und schöne Arbeit, bei der das Leben ihm noch rätselhafter wird als zuvor, in der Kindheit.
Die Pflege des Zwergflusspferds beruhigt den jungen Mann, und Professor Behams Tochter Aiko, zu Besuch aus Frankreich, interessiert ihn. Sie ist nicht nur fünf Jahre älter als er, sondern auch das genaue Gegenteil von Judith: dunkelhaarig, kompliziert, unnahbar. Im „Halseisen der Verliebtheit“ erlebt Julian mit Aiko eine „aus der Zeit gefallene Zeit“. Nicht nur Aiko hilft ihm bei der schweren Aufgabe, erwachsen zu werden, sondern auch der Kampfsport Karate, bei dem Julian lernt, sich zu konzentrieren und zu entspannen in einem. Als Aiko schwanger wird, weigert sie sich bekanntzugeben, wer der Vater ist. Am Schluss findet das Zwergflusspferd eine neue Heimat im Basler Zoo – und Julian folgt Aiko nach Paris.

An keiner Stelle erhebt sich der Icherzähler über die Erlebniswelt und geistige Stufe seines um zehn Jahre jüngeren Selbst, den Humor und das Pathos der Heranwachsenden. Er fällt mit ihm vor Lachen von den Stühlen, stellt sich mit ihm gemeinsam philosophischen Großfragen und scheut auch nicht vor dessen verbalen Albernheiten zurück. „Im dreiundzwanzigsten Jahr meiner Pilgerreise auf dieser Erde trottete ich durch die große Stadt, trübselig wie ein Kind, das seine Uhr verloren hat. (…) Die Welt war groß, unheimlich und furchterweckend, schlimmer als in der Kindheit.“
Auch die Helden Fjodor M. Dostojewskijs befinden sich in diesem Alter – Raskolnikow in „Verbrechen und Strafe“, Arkadij in „Der Jüngling“, Alexej Karamasow in „Die Brüder Karamasow“ oder Kirillow in „Die Dämonen“. Vielleicht vermag man für sie mehr Interesse aufzubringen, weil sie sich noch nicht in der geschlossenen Welt von Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen bewegen, die es erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt. Weil sie nicht nur um sich selbst kreisen und ihre Wunden lecken.

Trotzdem hat Arno Geiger den für das beginnende 21. Jahrhundert typischen Fatalismus und die Melancholie, die Altklugheit und die Unerbittlichkeit, das Hin- und Hergerissensein zwischen Faszination und Frustration, kurz die gefühlsmäßige Achterbahn dieser Lebensphase formidabel eingefangen.

Kirstin Breitenfellner

24. Februar 2015

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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