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Gerlinde Hacker: herzgeröll.

Lyrische Texte.
Graz: KD Verlag (Dieter Kordik), 2014.
102 Seiten; broschiert; EUR 23,10 (A).
ISBN 978-3-200-03744-1.
Buchbestellungen:
http://www.hackerin.at/

Autorin

Leseprobe

„Neue Zugänge zum Text“ verspricht Verleger Dieter Kordik vollmundig im Vorwort zum im Herbst 2014 erschienenen Lyrikband „herzgeröll“ von Gerlinde Hacker und stellt seine Autorin forsch auch gleich indirekt in die Nachfolge von künstlerischen Schwergewichten wie Karl Kraus und Frank Zappa. Das lässt einiges erwarten.
Die 1961 geborene Gerlinde Hacker, die neben ihrem Schreiben auch ein Projektbüro für innovative Sozialpolitik in Graz betreibt, ist ganz offensichtlich ein homo politicus, was die Vielzahl ihrer von zahlreichen öffentlichen Einrichtungen unterstützten Aktivitäten ausweist. Die Positionierung von Frauen und Mädchen in der Gesellschaft ist dabei einer der Brennpunkte ihrer Projekttätigkeit, und es wäre nachgerade überraschend, wenn sich ihre politische Grundhaltung nicht in ihrer literarischen Lebens- und Erlebenswelt wiederfände.
Insofern scheint der Titel des Buches „herzgeröll“ die Leserschaft auf eine falsche Fährte setzen zu wollen – der Erwartungshorizont könnte eher von konventioneller Liebes- und Beziehungslyrik geprägt sein. Doch schon die Anordnung der Buchstaben auf dem Cover lässt ahnen, dass wir es hier mit mehr zu tun haben: das Wort wird scheinbar mutwillig getrennt auf drei Zeilen verteilt. Durch die Umrisse der Buchstaben schimmert nackter, sonnenbeschienener Fels.

Dieser Sprödigkeit, dieser Härte begegnen wir auch in den Texten Hackers. Eine konsequente Kleinschreibung, die alle Worte gleichberechtigt auf eine Ebene verweist sowie ein ebenso konsequentes Verwerfen jeglicher äußerer formaler Angestrengtheit prägen diese Gedichte. In sieben größere Kapitel unterteilt, folgen sie stets nur der ihnen innewohnenden formalen Logik, die sich ganz unterschiedlich manifestieren kann, was Gesamtlänge der Texte, Zeilenbrüche und Versanordnungen betrifft – von Strophen im engeren Sinne zu sprechen erübrigt sich ohnehin.Natürlich geht es in Gerlinde Hackers Lyrik auch ganz häufig um Liebe, um Beziehungen zu Menschen. Aber sie scheinen fast immer in einen gesellschaftlichen Kontext eingebunden. Das ist kein einfaches Kommunizieren oder Aneinander-Vorbeireden zwischen Ich und Du, immer sind die Subjekte auch Protagonisten einer zerfallenden neoliberalen Ordnung, die alles bestimmend auch noch in den privatesten Winkeln der Einsamkeit ihr Gift versprüht: „alleinsein macht schamlos/ich will mich nicht duschen, bei klingelnder tür“ (S.90).

Die Hackersche Sprachsprödigkeit findet ihren Ausdruck weniger in drastischen Bildern (die es durchaus gibt, von Geeitertem, von Messern und vom Sterben ist zuweilen die Rede) als vielmehr in einer immer wieder zugrundeliegenden Lakonie, die auch durchaus erkennbares Ausdrucksmittel in längeren Gedichten ist. Und doch sind es vor allem die ganz knappen Texte, die in ihrer Direktheit beeindrucken: „keine heimat//und der mann wird verrückt/weil er die mutter geheiratet hat/aber sie war jung und er war ein idiot“ (S.42). Manche brauchen einen 500-Seiten-Roman, um diese Quintessenz eines Liebesdramas herauszuarbeiten. Hacker macht das mit einem Dreizeiler.

Den Gegenpol bilden die sich teilweise über mehrere Seiten erstreckenden Langgedichte, in denen sich bittere Ironie und ein um innere Distanz bemühtes Spiel mit der Sprache abwechseln und durchdringen wie in „vaterspiel“ (S.38ff.). Hier ist die Rede von „kleinstadthorizont“, „säuerlichen heimatabenden“ und der Auseinandersetzung des lyrischen Ichs mit dem inzwischen dement gewordenen Vater, der trotz seiner offensichtlichen Hilflosigkeit immer noch eine existenzielle Bedrohung darzustellen scheint: „ich zeichne ihm eine karte/eine spiel-karte/auf der ich laufe/vor ihm davon laufe.“

Die Sujets der Gerlinde Hacker reichen vom ironisierenden allgemeinen Gesellschaftsportrait wie im Gedicht „istrien“ (S.24f. „die deutschen geben als erstes weniger,/da weiss man schon, dass die österreicher/dann fast nichts mehr geben./sie bezahlen nur die normal überhöhten preise/und trinken den fusel schon mit dem vorsatz/das trinkgeld einzusparen.“) über die Problematik der Generationen- und Partnerbeziehungen hin zu aktuellen politischen Bezügen („und snow den“, S.8, „taksim“, S. 10) und beinharter „it’s-a-man’s world“-Kritik, die die grotesken Verirrungen einer männlich dominierten Ordnung ins Bewusstsein rückt, nicht zuletzt auch im Kulturbetrieb: „und die sind heute meinungsmacher/landesoberwichtigleute/die bestimmen wo die kultur hingeht/eine unkultur hin und weggeht/ausgeht. davon geht/nämlich zu denen wo sie immer schon/hin gegangen sind.//wo das geld hin und wieder zurück geht.“ Hackers Sympathie gilt den Aussenseitern: „wir stehen am rande, wie die beilage zum schnitzel.“ (S.20).
Damit nicht genug, sind einige Texte auch in englischer Sprache verfasst. Dies wirkt mitunter ein wenig aufgesetzt, weil man sich unwillkürlich fragt, woraus sich hier der poetische „Mehrwert“, um einmal im geokapitalistischen Jargon zu verbleiben, speisen soll. Vertraut Hacker da auf einmal ihrer (deutschen) Sprache nicht mehr? Es mag biografische Gründe geben, längere Auslandsaufenthalte etwa, vielleicht hat hier auch Hackers Tätigkeit in internationalen Kultur- und Sozialprojekten ihren Einfluss. Wir wissen es nicht, daher können die Texte nur für sich selbst sprechen, und es ist nicht einzusehen, warum zum Beispiel das Folgende nicht auch in deutscher Sprache seine literarische Relevanz entfalten könnte: „pain will arrive on time//and indeed/noon left me alone//sweating and hurting//no need to wait/no need to leave“ (S.63). Aber so etwas ist vielleicht letztlich Geschmackssache.

Die lyrische Essenz Gerlinde Hackers aus den Jahren 2003 bis 2014 ist jedenfalls in ihrem Band „herzgeröll“ vereint, und sie gipfelt in wenigen Gedichten im Kapitel „angriff“, deren letztes sich mit beinahe slam-poetry-hafter Allüre (in einem Internetvideo der kunsthallegraz übrigens sehr eindrucksvoll interpretiert von ihrem Verleger Dieter Kordik) mit Produktion und Rezeption von Literatur auseinandersetzt: „keine may geröckt am jandl baum“ (S. 102).
Der oftmals herbe Ton der Gedichte bedient keinen Massengeschmack, will dies sicherlich auch gar nicht, aber dem im Vorwort postulierten Anspruch „das immer wieder scheiternde Projekt Aufklärung“ durch die Schaffung von Kunst zu unterstützen wird Gerlinde Hacker mit ihrem Gedichtband „herzgeröll“ in vollem Umfang gerecht.

Marcus Neuert
25. Februar 2015

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

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