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Bernhard Strobel: Ein dünner Faden

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Rezension

"Sie saßen nicht mehr am Tisch; sie waren inzwischen aufgestanden und schlenderten durch den Garten. Er ging zu ihnen hin. Sie standen vor dem kleinen Gemüsebeet und redeten laut, unkontrolliert laut, das Ganze wirkte rücksichtslos und störend, in der ganzen Nachbarschaft war sonst kein Ton zu hören. Er dachte: Es scheint sie einen Dreck zu interessieren, dass ich zurück bin. Er wartete auf ein Zeichen von Aggression, ein Bedürfnis, sich Luft zu machen, aber es kam nichts; was er stattdessen empfand, war Verwunderung, es grenzte an Fassungslosigkeit. Erst jetzt fiel ihm auf, dass unter den Bademänteln viel nackte Haut zu erkennen war, offenbar trugen sie darunter immer noch ihre Badesachen, und er sah, dass einer der Mäntel ihm gehörte. Und als er noch ein wenig genauer hinsah, in einem Moment, als Karina sich nach vorn beugte, um eine der großen Fleischtomaten zu pflücken, entdeckte er, dass sie kein Oberteil trug. Er blieb abrupt stehen. Er dachte: Hat sie untenrum etwa auch nichts an? Doch, das hatte sie, und obgleich er der Meinung war, dass er jedes Recht hatte, gemeinsam mit Karina auch ihre Freundin anzuklagen, schreckte er dennoch davor zurück, sie ebenfalls genauer ins Auge zu fassen. Ich will es nicht wissen, ich will es gar nicht wissen, dachte er, aber ehe er den Gedanken zu Ende gedacht hatte, wusste er es schon. In dieser Sekunde erst machte sich ein Anflug von Wut bemerkbar, ein weniger überzeugender Anflug jedoch, da sich durch den Anblick der beiden Frauen im Bademantel und die Vorstellung, wie sie darunter aussahen, eine leise aufwallende Erregung hinzumischte, er merkte, wie die aggressive Anwandlung immer mehr unterdrückt wurde, bis sie sich kurz darauf ganz legte und er versöhnlich, beinahe fröhlich gestimmt war, es war, als ob ein dichter, dunkler Nebel sich plötzlich lichtete. Doch als er gleich darauf sah, wie Karina sich benahm, und was sie dann sagte, lenkte das seine Gedanken schlagartig in ihre ursprünglichen Bahnen.
Sie befanden sich noch immer beim Beet. Karina hatte sich die Badeschuhe ausgezogen und stand mit einem Fuß in der Erde, pflückte die größte Fleischtomate, die sie finden konnte, und reichte sie hinaus, und als die Freundin mit einem erstaunten Gesichtsausdruck und viel zu lauter Stimme rief: ‚Du meine Güte, was sind das für Tomaten!‘, antwortete Karina: ‚Es ist der Samen von meinem Mann.‘ Sie kicherten. ‚Der Samen von deinem Mann?‘, fragte die Freundin. ‚Ein ganz besonderer Samen‘, sagte Karina, worauf das Kichern in einen Lachanfall überging, sie kreischten, wieherten und mussten sich mit den Armen auf den Oberschenkeln abstützen.
Er war fassungslos. Er konnte nicht begreifen, was eben geschehen war. Eine dunkle Tiefe höhlte sich in ihm aus, und sein Mund war von einer Sekunde auf die andere wie ausgetrocknet."

(S. 51f.)
© 2015 Literaturverlag Droschl

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