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Harald Darer: Herzkörper

Roman.
Wien: Picus Verlag, 2015.
206 Seiten; gebunden; Euro 21,90.
Auch als E-Book erhältlich.
ISBN 978-3-7117-2023-8.

Autor

Leseprobe

Von der sinnlosen Jugend

Der programmatische Hinweis steht als Motto auf Seite 7, ein Zitat aus Ödön von Horvaths Jugend ohne Gott: „Was wird das für eine Generation? Eine harte oder nur eine rohe?“ Harald Darer gibt damit die Denkrichtung in seinem zweiten Roman Herzkörper vor, nachdem er 2013 mit Wer mit Hunden schläft ein vielbeachtetes Debüt vorgelegt hat.
Darer erzählt in Herzkörper von vielfach traumatisierten, gescheiterten, sozial abgestumpften Menschen in einer fiktiven Kleinstadt und er erzählt es derb und roh, was die Eingangsfrage von Horvath vielleicht beantworten mag. In Form von Gedächtnisprotokollen im Nachhinein und erzählenden Passagen wird ein Tag erzählt, an dem eine dieser gestrandeten Existenzen, Roland Koch, den alle nur als Penner unter dem Namen Rocko kennen, zu Tode kommt. Die Auflösung dieses vermeintlichen Verbrechens entpuppt sich am Ende als ganz banal, mehr sei darüber nicht verraten, liest man aber über die Lebensumstände von Rocko, sein gescheitertes Leben, dann kann man in diesem Scheitern auch einen Mord durch eine grausame Umwelt, eine grausame Gesellschaft erkennen.

Doch der Reihe nach – die verwahrloste Jugend: Boro, Chris und Andi sind in erster Linie gelangweilt, junge Erwachsene, die einen ausgesprochenen Hang zu Grausamkeit, Sadismus und natürlich zum exzessiven Alkoholkonsum haben, sie denken sich absurde Trinkspiele mit noch absurderen Bestrafungen für die Verlierer aus, demütigende Bestrafungen, gegenseitige körperliche Züchtigungen, die wie eine pervertierte Form der Gefühllosigkeit sich selbst und der Welt gegenüber gedeutet werden können. Darer beschreibt diese Szenen, die Grausamkeiten minutiös, und diese mehr als derben Stellen verfehlen nicht ihren Zweck, Ekel zu erregen. Ob man den Leser aber an so vielen Stellen ekeln muss, ist fraglich, denn die etwas retardierend wirkenden Szenen stumpfen bei der Lektüre auf Dauer ab, bloße hard boiled-Literatur, die nicht über sich selbst hinausweist. Man hat nach den ersten paar Szenen schon verstanden, dass mit den drei Jugendlichen etwas nicht stimmt.

Die Jugendlichen quälen sich aber nicht nur gegenseitig, sondern auch das spätere Todesopfer Rocko, mit dem sie absurde Spiele durchführen, nicht ohne ihn vorher schwer betrunken gemacht zu haben; Rocko ist ein irgendwie aus der Gesellschaft Gekippter, dessen einzige Tochter nicht mehr mit ihm spricht, der mit Plastiksack unter dem Arm durch die Stadt wankt, ein Penner, wie man sie vielfach sieht, denen man meist die Schuld an ihrem Scheitern selbst zuschreibt.

Da gelingt Darer so etwas wie ein Ausweg, er versucht zu verstehen und Gründe für das Scheitern Rockos in seiner Biografie zu suchen. Ein Scheitern, das auch Chris, Andi und Boro vorgezeichnet ist, falls sie ihren Weg weitergehen. Eingewoben in die Hauptgeschichte ist ein Interview der Journalistin Simone Remschik mit der Leiterin einer großen Fachhochschule für Sozialberufe, Maria Satori, die nach einem offiziellen Teil ein langes Gespräch über schwierige Fälle, komplizierte Kindheiten und mögliche Ursachen von Verwahrlosung bei Jugendlichen reflektieren – eine weitere Ebene, um zu verstehen, wie Rocko, Andi, Chris und Boro wurden, wie sie sind.

Es spitzt sich zu: Rudolf Rampitsch wird von Rocko bestohlen, obwohl dieser bei ihm in der Garage schlafen darf; Höhepunkt ist ein gemeinsamer Besuch der beiden im örtlichen Bordell, in das Rocko Rampitsch mit seinem eigenen Geld einlädt. Das ist Ironie. Da sind es nur noch wenige Stunden hin bis zu Rockos Exitus, aber in so einer düsteren und tristen Welt, in der Harald Darer seine traurigen Existenzen herumtaumeln lässt, wünscht man ohnehin niemandem zu leben.

Bernd Schuchter
2. März 2015

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben  nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 


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