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Harald Darer: Herzkörper – Leseprobe


Samstag 13:00 Uhr

Ich bin noch gar nicht dort und trotzdem bin ich schon angefressen, denkt Andi. Sicher sind sie schon wieder alle vor mir da, denkt er. Es ist ja jedes Mal dasselbe, jede Woche das gleiche Theater. Alleine daran zu denken, dass alle oben sitzen und schon wieder ohne mich angefangen haben, reicht mir schon, denkt er sich, als er die engen Stiegen zum Dachgeschoß, in dem Chris’ Wohnung liegt, hinaufgeht. Ich will überhaupt gar nicht hingehen und trotzdem gehe ich jedes Mal hin. Bin ja schon wieder dahin unterwegs, denkt er. Obwohl ich mich eigentlich von dem Moment an, in dem ich von zu Hause weggehe, über mich selbst ärgere, dahin zu gehen. Ich sehe sie jetzt schon, wo ich noch gar nicht dort bin, mich mit ihren von Haus aus blöd ausschauenden Gesichtern absichtlich blöd anschauen, weil sie garantiert schon einen leichten Rausch haben, einen Damenspitz, wie sie sicher sagen werden. Weil sie natürlich ohne mich zu spielen und zu trinken angefangen haben werden. Dabei ist es meine Idee gewesen, das Spiel. Mal was anderes, hab ich gesagt damals, das hat sicher noch keiner gemacht, oder wahrscheinlich noch keiner, beziehungsweise nicht viele, weil, wer macht da schon freiwillig mit, bei so was? Vor allem dann, wenn es um nichts geht, nicht wahr?, denkt er. Obwohl einige gerade deshalb mitspielen wollten, weil es um nichts geht, sie gerade deswegen neugierig darauf geworden sind, weil sie herausfinden wollten, um was man so lange spielen kann, wenn es um nichts geht. Drei sind es, um genau zu sein. Boro, Chris und er, also Andi. So ist es halt, reden tun viele, aber wenn es ans Eingemachte geht, ist es bei den meisten vorbei, denkt er sich und schmunzelt bei dem Gedanken, wie sie einmal einem, der unbedingt mitspielen wollte und der glücklicherweise verloren hat, mit dem selbst gebrannten Sliwowitz von Boros Opa das Bein angezündet haben. Eigentlich nicht das Bein, ausgemacht ist nur der Socken gewesen, in dem der Fuß von demjenigen drinnengesteckt ist, erst als Boro den brennenden Socken mit dem Sliwowitz löschen wollte, hat zuerst der Socken samt Fuß und dann das Bein gebrannt. Danach ist er nicht mehr gekommen. Hat man eine Fleischwunde, merkt man ja erst, dass man am Leben ist, hab ich zu ihm gesagt und ihm aufmunternd auf die Schulter geklopft, denkt Andi. Es war sehr komisch. So wie alle anderen auch nicht mehr gekommen sind, die das Spiel ausprobiert haben, weil, auch wenn es um nichts geht, so geht es zumindest ums Eingemachte, also darum, sich möglicherweise wehzutun oder jemand anderem wehtun zu müssen. Boro ist das größte Schwein, denkt sich Andi. Skrupellos gegen den besten Freund, eine richtige Ratte, denkt er. Boro, mir graust vor deiner unappetitlichen Fresse, oder, Boro, ich kann deine unappetitliche Fresse nicht mehr sehen, sagt Chris jedes Mal mindestens einmal zu ihm. Boro verliert fast nie. Natürlich bescheißt er, aber leider haben wir ihn noch nie dabei erwischt. Jeder denkt sich jedes Mal: Heute erwischen wir ihn, und leider erwischen wir ihn nie. Aber heute erwische ich ihn, denkt Andi, heute pass ich auf, dass ich nicht zu viel Bier trinke, damit ich ihn endlich erwische, damit er sich endlich seine Strafe abholen kann, die schon seit zwei Jahren überfällig ist. Er hat sicher schon vergessen, was für eine Strafe wir uns fürs Bescheißen ausgedacht haben, was wir vereinbart haben seinerzeit, aber wenn ich ihn erwischt habe, wird er sie sicher nie wieder vergessen, dafür sorge ich schon, denkt er und drückt auf den Klingeltaster. Durch das enge Stiegenhaus hört er aus dem unteren Stockwerk jemanden etwas von einem Wirbel letzte Woche, Ruhestörung und das Wort Polizei zu ihm heraufrufen. Durch die Tür kann er Musik hören. Natürlich hören sie mich wieder nicht, denkt Andi. Sie wissen genau, dass ich später komme und trotzdem drehen sie die Stereoanlage so laut auf, dass sie mich nicht hören können, jedes Mal das Gleiche, diese Arschlöcher, denkt er. Chris immer mit seiner ihm heiligen Musik aus seiner von ihm über alles geliebten Stereoanlage, die außer ihn sowieso keinen interessiert. Dabei komme ich ja gar nicht später, ich komme ja pünktlich, sie kommen immer zu früh, zufleiß zu früh, denkt Andi und tritt gegen die Tür. Für was sich überhaupt was ausmachen, denkt er sich und trommelt auf die Tür ein. Fängt das jetzt schon wieder an!, hört er von unten. Leck mich, denkt Andi, sagt es aber nicht und denkt sich weiter, Boro hätte es sicher gesagt, Boro wäre runtergegangen und hätte es ihm ins Gesicht gesagt, mit seinem Gesicht ganz nah an dem Gesicht des Nachbarn, wie er es immer macht, denkt Andi. Er tritt, trommelt weiter, läutet Sturm, bis sich endlich der Schlüssel im Schloss dreht und die Tür aufgeht.
Die Anrainer regen sich schon wieder auf, sagt Andi.
Solange die Nachbarn nichts sagen, sagt Chris, der nichts anhat außer ein paar grünen kniehohen Wollstutzen mit Zopfmuster, zuckt mit den Schultern und schließt die Tür hinter Andi.
Ist dir kalt?, sagt Andi und deutet auf die Stutzen.
Chris zeigt ihm den Mittelfinger, dreht sich um und geht ins Wohnzimmer.
Aus den übersteuerten Boxen kommt: Coca Cola and Armageddon, we like it, like it, yes we do von Clutch.

 

© 2015 Picus Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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