Manfred Rumpl: Reisende in Sachen Relativität.

Roman.
Wien: Picus Verlag 2015.
292 Seiten; geb.; 22,90 Euro.
ISBN 978-3-7117-2020-7.
Auch als E-Book erhältlich.

Autor

Leseprobe

Es ist eine außergewöhnliche Konstellation, die sich der 1960 geborene, steirische und in Wien lebende Autor Manfred Rumpl für seinen neuen Roman gewählt hat. Und es ist eine außergewöhnliche Hauptfigur – Erwin Schrödinger.
Erwin Schrödinger, der Physiker, der Wissenschaftstheoretiker, der Professor an Hochschulen in Österreich, Deutschland, Großbritannien, den USA und Irland. Schrödinger, der vor dreißig Jahren auf der 1000-Schilling-Banknote abgebildet war. Dazu kommt noch außerordentlich und (zumindest für all jene, die mit mittlerem bis großem Schaudern an den schulischen Physikunterricht zurückdenken) atemverschlagend Un- und Außerliterarisches. Wellenmechanik zum Beispiel. Und jene Differentialgleichung, die der ungestörten zeitlichen Entwicklung von nichtrelativistischen Quantensystemen zugrunde liegt, und heute „Schrödinger-Gleichung“ genannt wird. Außerdem Quantenmechanik. Sowie die Verallgemeinerungen der Allgemeinen Relativitätstheorie Albert Einsteins.

Ist „Reisende in Sachen Relativität“ also ein komplex-verschachteltes, hochgelehrtes, hermetisches Romanwerk mit einem Unter-, Mittel- und Überbau aus höchst anspruchsvollen physikalischen Theorien, Hypothesen, Erkenntnissen und Forschungsergebnissen? Ganz und gar nicht.
Denn Rumpl liefert keine in Romanform gekleidete Wissenschaftsprosa. Noch ist es ein essayistisch ausschwingendes Erzählunterfangen in der Nachfolge Robert Musils. Vielmehr lehnt sich Rumpl stark an die Biografie des im August 1887 in Wien-Erdberg geborenen und Anfang Jänner 1961 in Wien verstorbenen Wissenschafters an. Er geht damit allerdings kunstvoll um und mit einfühlsamer Verve. Denn die Chronologie wird ganz bewusst und mit großer Raffinesse aufgelöst. Es sind Zeitschleifen, die Rumpl in Kapitelform auslegt, Querbewegungen und Wellen der Zeit, die aufsteigen und absinken.
Das Buch setzt ein mit den letzten Lebenswochen, mit Schrödinger in einem Wiener Spital, mit Schmerzen und Fieberphantasien, so dass die Wahrnehmungsordnung aufgehoben wird, eine große Durchlässigkeit von Realität zum Traum, von Gelebtem und Phantasiertem entsteht. Das Außergewöhnliche an Schrödingers Biografie war seine Erotomanie. Er schloss eine Ehe mit Annie, die kinderlos blieb und für beide Partner eine offene Beziehung war. Beide führten quasi mit der Linken zahlreiche andere romantische und sexuelle Beziehungen. Aus einer davon, die Schrödinger unterhielt, entsprang eine Tochter. Und es entstand eine andere, unkonventionelle Form der Kleinfamilie, die dann für Jahre in verschiedenen Städten unter einem Dach zusammen lebte: Schrödinger, Ehefrau, Geliebte und die Tochter, die von beiden Frauen gleichermaßen groß gezogen wurde.

Seinen Lebensstationen zwischen Wien und Princeton, Arosa und Görz, Alpbach in Tirol (wo er am Ende zu Grabe getragen wird), Berlin und Zürich folgt Rumpl kaleidoskopisch. Dabei treten historische Persönlichkeiten auf, Albert Einstein etwa und Kurt Gödel und John von Neumann, Lise Meitner und Rainer Maria Rilke.
Deutlich wird auch die politische Naivität Schrödingers. Aus Heimweh nahm er noch 1936 einen Ruf an die Universität Graz an, obschon ihm Frau und Geliebte heftig abrieten (sie folgten ihm an die Mur). Knapp zwei Jahre später, und Rumpl schildert dies mit großer Intensität, musste Schrödinger auf großen Umwegen – via Italien, die Schweiz, Frankreich und Belgien – die heimliche Flucht ins Ausland, nach Irland, bewerkstelligen. Die Professur am Trinity College in Dublin vermittelte ihm niemand Geringerer als der irische Premierminister Eamon de Valera. Das viel angesehenere englische Oxford blieb Schrödinger harsch verwehrt – weil er in einem Zeitungsartikel einen Kotau vor den neuen Machthabern in Österreich gemacht hatte, eine kurzsichtige und durchsichtige Narretei größten Ausmaßes.

Am Ende kommt man in Rumpls Roman mit reichhaltig variierten romanhaften Mitteln Schrödinger, seinem Charakter, seinen Skrupeln, seiner Aufrichtigkeit, in die auch undiplomatische und wenig geschmeidige Ehrlichkeit hineinspielte, seiner Lebenslust und, weitaus weniger nachvollziehbar, seiner Virilität in vielen Facetten näher (er unterhielt in seiner Zeit in Dublin bis 1956 gleichzeitig mehrere Affären mit Studentinnen, als er schon über 60 Jahre alt war, dann übersiedelte er nach Wien und lehrte am Institut für Theoretische Physik). Auch der Komplexität seines Denkens und Nachsinnens über physikalische Probleme wie dem Labyrinth seiner Gefühle, auch und besonders denen seiner Frau Anny, die ihn bis zum Ende nicht verließ und bei ihm war, als er starb. Ein bemerkenswerter Charakter, ein bemerkenswertes Thema – über Schrödinger gibt es kaum mehr als ein Halbdutzend guter und lesenswerter biographischer und wissenschaftlicher Gesamtdarstellungen – und ein noch bemerkenswerter gelungenes Unterfangen, revolutionäre wissenschaftliche Ergebnisse und die Welt-Ordnung umstürzende Einsichten engzuführen mit revolutionären Lebens- und umstürzlerischen Liebesprinzipien.

Alexander Kluy
03. März 2015

Originalbeitrag
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