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Manfred Rumpl: Reisende in Sachen Relativität.

Leseprobe:

Anderntags brachen sie gleich nach dem Frühstück auf. Stephens Fahrstil mit dem Ford über die holprigen, kurvigen Straßen, der zweifellos Ruth geschuldet war, erinnerte Erwin zu sehr an Einsteins Assistenten Mayer, mit dem er in Amerika oft mitgefahren war.
Nach der ersten Rast löste er Stephen unter dem Vorwand ab, dieses Modell noch nie gesteuert zu haben. Ziemlich umständlich zwängte sich der große Junge zwischen Anny und Ruth hinein. Erwin beobachtete im Rückspiegel, wie er errötete. Ob vor Ärger, weil er ihn als Fahrer abgelöst hatte, oder weil es ihn verunsicherte, ganz nahe bei Ruth zu sitzen, konnte er nicht ausmachen. Er steuerte den Wagen so umsichtig über die steilen Serpentinen auf die Küste zu, die sie mehr ahnten, als sahen, dass die Fliehkräfte und der Zustand der Straße kaum zu spüren waren. Anny war noch immer ein Schatten ihrer selbst. Er wusste, dass das wenige, das sie sagte und tat, nichts mit ihren Gedanken und Gefühlen zu tun hatte.
Es nieselte, als sie aus dem Wagen stiegen und den schmalen Pfad zur Küste erklommen. Die Landschaft sah aus wie von William Turner gemalt. Roh, erhaben, unwirklich und unberührbar. Andere Besucher, über die Hänge zu den Klippen hin wie zufällig verstreut, erschienen als impressionistische Tupfer im Raum, von Nebel und Regen verwischt und einem Licht umflort, das trotz der dunklen Wolken vom Himmel strahlte, der da und dort aufriss.
Sie passierten ein Schild, das in mehreren Sprachen davor warnte, den Weg zu verlassen und der Steilküste zu nahe zu kommen. Die Warnung in deutscher Sprache war nur halbherzig übermalt. Je näher sie dem Abgrund kamen, desto stärker wurde der Wind, den sie im Rücken hatten, und umso näher rückten sie zusammen. Als sie die Linie des Horizonts bemerkten, weit draußen, leuchtend wie eine frische Naht zwischen den Elementen, verschnauften sie kurz.
„Sollten wir bei diesem Wetter nicht lieber umkehren?“ Stephen fragte es mit Rücksicht auf Ruth, um die er einen Arm gelegt hatte. Mayas Blick billigte es, weil es sich hier um eine Situation handelte, in der dies angehen mochte.
„Nicht meinetwegen“, sagte Ruth, die spürte, dass es um sie ging, und kam damit anderen Antworten zuvor. „Anny, wie geht’s dir? Wird dir das hier nicht zu viel?“
„Kümmert euch einfach nicht um mich.“ Mit diesen Worten verbat sie sich die Fürsorge und wandte sich der Wetterfront zu, die alle Voraussetzungen für einen Sturm und eine Sturzflut in sich barg. Über dem Horizont draußen leuchteten die Blitze auf wie ein Nervensystem. Es schien sogar, als würden sich die Entladungen in Annys Augen und ihrem Gesicht spiegeln, in das nun wieder etwas Leben kam. „Ich mag Gewitter in den Bergen“, sagte sie, drehte sich um und stapfte weiter.

(S. 223 – 225)

© 2015 Picus Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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