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Günter Eichberger: Wimperntierchen

 

Leseprobe:

Der Killer driftet durch unseren Kopf, er hat das Aussehen eines ganzen Kontinents angenommen. Amerika, Amerika. Hätten wir uns der Beschreibung verschworen, wir wären längst hinter Schloss und Riegel der Vorstellungsbehörden. Wie es ist, so soll es bleiben, obwohl niemand so genau weiß, wie es eigentlich ist. Und diese Ungewissheit malen wir hier aus.

Der Killer sieht das aus seiner Perspektive, die wir nicht einnehmen können. Wir sehen ihn ja nicht einmal in seiner stattlichen Gesamtheit, Bundesstaat für Bundesstaat. O ja, Amerika, dein Gesicht ist eine Mörderfratze, Heimat der tapferen Amokläufer, der Welteroberungserfüllungsgehilfen, der vielen Schemen, die endlich in aller Bewusstsein wollen, denn nur in den Spiegeln der anderen sind sie wirklich.

So haben wir uns das ausgedacht, so denkt es auf uns ein. Denn unsere Gedanken sind die Bretter, aus denen diese Welt sich Bedeutung erschleicht. Und wir sind gezwungen, daran zu glauben. Wir als Urheber des Schwindels, von uns selbst hereingelegt. Nur zu willig folgen wir unseren falschen Spuren. Das erklärt unseren Gang, der unentschlossen einmal die, dann die andere Richtung einschlägt. Und wuchtig auf der Stelle tritt.

Der Killer, in dessen Nebenhöhlen wir gebannt schauen, zückt seine Waffe. Er zielt ins Ungefähre, das ist ganz gegen seine Art, so sehr haben wir ihn schon in die Macht unserer Erfindung gezwungen, dass er zu unserem kunstgetreuen Abbild geworden ist. Ihr tropft der falsche Samen vom Kinn, während sich der Killer in Kugelform bringt, ja, er ist selbst das Geschoß, er wird sich bei diesem Auftrag ins Fleisch des Opfers bohren. Und damit wird wieder nichts bewiesen sein.

Wir sind aus unserem Gedankenhaus herausgetreten. Wenn das nur gut geht! Ob wir uns nicht selbst ins Unglück stürzen mit dieser ungeprobten Vorstellung?
Aber an uns liegt es nicht. Uns ist die Gabe der Korrektur nicht gegeben, was einmal gedacht, ist nicht mehr rückgängig zu machen.

Wir ziehen uns in eine Vorstellung hinein, vielleicht gelingt es uns diesmal, das Nichtdarstellbare überzeugend darzustellen, vielleicht sollten wir Tiere auftreten lassen, aber wir rätseln noch welche, ausgestopfte Delphine, Thunfisch in Dosen, verdorbene Makrelen. Welche Kunststücke aber sollten gerade sie uns bieten?

Vorstellungen, die von Vorstellungen überlagert werden. Bis letztlich nichts mehr kenntlich ist. Alles auf den Punkt Gebrachte liegt uns fern, da wir selber nicht punktförmig sind. So besprechen wir unsere angenommene Verfassung, statt uns auf ein mögliches Geschehen zu konzentrieren. Was für ausgetüftelte Konstrukte ersinnen andere, in denen das Konstruierte durch die Vollkommenheit der Konstruktion verschwindet. Wir können ja nicht einmal mit unserem Gedankengang mithalten. Alles zerfließt uns. Vielleicht Anfangsstadium einer seltenen Krankheit, die die Welt bis jetzt nicht kannte: Wir werden die fragwürdige Ehre haben, Namensgeber dieser kollateralen Geistesbeschädigung zu sein.

Das ergibt nur ein Steinchen, aber kein Mosaik. Wie sich uns alles Handlungsartige verflüchtigt, kaum sieht uns die Handlung, geht sie auf Reisen, auch die Figuren entziehen sich uns, ziehen sich ins Privatleben zurück, ohne Interesse an jeder Öffentlichkeit, und sei sie noch so klein. Das kann unmöglich Aufmerksamkeit erregen, nicht einmal unsere.

Wir sind nicht in der Lage, uns selbst von der Berechtigung unserer Unternehmung zu überzeugen, dieses Abenteuer, das wir für uns entwerfen. In das wir uns wütend geworfen haben. Mit allen schrumpfenden Sinnen. Ja, beinahe blind, so gut wie taub, nahezu geruchsfrei, einen Tastsinn haben wir vermutlich nie gehabt, den kennen wir nur vom Hörensagen. Wie wir ja alles nur aus zweiter Hand kennen, abgenutzt, schäbig, verbraucht. Unsere Bilder sind Nachbilder, kaum kenntliche Abdrücke, verblasste Blaupausen.

Und leider fehlt uns die Gabe der Selbsttäuschung, die so vielen durchs Leben hilft. Wir finden keine Gnade vor unseren Augen. So wagen wir uns kaum aus der Deckung und ins volle Menschenleben hinein, das sind alles Halbheiten, wir sind nicht ganz dabei, da wir selbst unfertig sind.

(S. 18/19)

© 2015 Ritter Verlag Klagenfurt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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