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Schulamit Meixner: Bleibergs Entscheidung.

Roman.
Wien: Picus Verlag, 2015.
178 S., gebunden, Eur 15,99.
ISBN 978-3-7117-5283-3.

Autorin

Leseprobe

Die Stadt will den dreizehnjährigen Leopold Bleiberg nicht mehr, nachdem die Nationalsozialisten die Macht ergriffen haben und sich anschicken, die jüdische Frage endgültig zu lösen. Doch glückliche Umstände erlauben es dem Jungen, zusammen mit anderen Jugendlichen Wien zu verlassen und nach Palästina auszureisen, um dort am Aufbau des künftigen Staates Israel mitzuarbeiten. Unterwegs verliebt er sich in die lebenslustige Ofra, welche die Gruppe ins Land der Verheißung begleitet und Leopold den hebräischen Namen Schraga gibt. Mit einer neuen Identität versehen, wird er nach seiner Ankunft in einem Jugendheim aufgenommen und später in einen Kibbuz überstellt, wo die Einwanderer nicht die ersehnte Freiheit erlangen, sondern sich ideologischer Indoktrination und strengem Arbeitsdienst unterwerfen müssen. Sobald Schraga achtzehn geworden ist, meldet er sich als Freiwilliger zur militärischen Ausbildung in Haifa, um in der Folge als Fallschirmspringer im kriegsgeschüttelten Europa eingesetzt zu werden. Schraga alias Leopold Bleiberg überlebt diese gefährliche Mission und trifft in Israel seine geliebte Ofra wieder, mit der er einen Neubeginn wagen möchte. Doch die Erfahrung des Krieges vereitelt die Chance auf eine gemeinsame Zukunft …

Schulamit Meixners Roman, der auf authentischen Begebenheiten beruht, vermittelt neue Perspektiven auf das Genre der Holocaust-Literatur. In dieser aufwühlenden Geschichte werden die Schrecken der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie zwar nicht verschwiegen, gleichwohl bleibt ausreichend Raum, um ein bisher von der deutschsprachigen Literatur vernachlässigtes Kapitel der Judenverfolgung im Dritten Reich literarisch aufzuarbeiten. Bleibergs Entscheidung gewährt dem Publikum überraschende Einblicke in die schwierigen Lebensbedingungen jüdischer Neuankömmlinge in Palästina, das bis zur Gründung Israels im Mai 1948 unter britischem Mandat stand. Es zeigt die enttäuschende Realität straff organisierter Kibbuzim, die eher Umerziehungslagern gleichen als Orten der freien persönlichen Entfaltung. Aus der Heimat vertrieben und im Ungewissen über das Schicksal der in Europa zurück gebliebenen Verwandten und Freunde, fällt es den jüdischen Flüchtlingen daher schwer, in der fremden Umgebung Fuß zu fassen.

Schraga erlebt nach dem „Rausschmiss“ aus Österreich ein Gefühl der Entfremdung und Heimatlosigkeit, das sich angesichts der unmöglichen Rückkehr nach Wien zu einem schmerzlichen Dauerzustand verdichtet. Sein selbstloses Engagement gegen die deutsche Übermacht entspringt dabei weniger der tiefen Überzeugung, dass heroischer Widerstand den Feind tatsächlich schwächen könne, sondern vielmehr dem mangelnden Glauben an ein erfülltes Dasein in Eretz Israel, das vor dem Hintergrund territorialer Kämpfe gegen die arabische Bevölkerung wenig Hoffnung auf Frieden verspricht.

Unter der Vertreibung und dem langen Schatten des Holocaust leidend, erleben Meixners Figuren ihre Emigration als Gefangenschaft, als Eingeschlossensein in einer existenziellen Klammer, welche die Überlebenden in eine unüberwindliche Einsamkeit treibt. Ob im Kibbuz oder im Verband mit Titos Partisanen – nie vermögen die ostentativen Solidaritätsbekundungen der Betroffenen über ihre wahre Befindlichkeit hinwegzutäuschen. Besonders schmerzlich tritt dieser Umstand zutage, als der Protagonist aus Gefälligkeit mit Lisl schläft und gleichzeitg an die verschollen geglaubte Ofra denkt, die wider Erwarten aus dem Konzentrationslager zurückkehrt, aber unfähig ist, Schragas nachgetragene Liebe in eine Beziehung umzuwandeln. „Wieso sind wir immer alle so verdammt einsam?“, fragt Ofra auf der Reise nach Palästina und resümiert damit hellsichtig das Schicksal der jüdischen Auswanderer.

Die Stärke von Meixners zweitem Roman beruht auf der einfühlsamen Zeichnung der Figuren und der genauen Kenntnis der historisch-geografischen Kulisse, vor der sich die realistische Schilderung der Ereignisse vollzieht. Verblüffend präzis führt die Autorin komplexe Handlungselemente und die entwurzelten Figuren auf verschiedenen Schauplätzen zusammen, ohne je die Textkohärenz zu verletzen. Mit dieser narrativen Kunstfertigkeit hält allerdings die stilistische Ausgestaltung des Erzählten nicht immer Schritt. Klischeehafte Formulierungen wie Sergeant Hunters „nichts ist in Stein gemeißelt“ oder die Erwähnung einer Schale Kaffee mit dem „obligatorisch gereichten Glas Wasser“ irritieren ebenso wie „Explosivstoffe“, die „explodierten“, oder der mit dem Hinweis „Detonation und Schreie signalisierten Erfolg“ salopp abgehandelte Höhepunkt einer Kampfhandlung. Derartige Exkurse in den journalistischen Jargon treten vermehrt auf und stören den ansonsten ungetrübten Genuss einer ebenso anregenden wie instruktiven Lektüre, die Bleibergs Entscheidung für den  Leser/die Leserin bereithält.

Walter Wagner
2. März 2015

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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