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Karin Spielhofer: Ausfall der Schwerkraft.

Eine Selbsterfindung.
Wien: Klever Verlag, 2015.
152 S.; Hardcover; Euro 17,90.
ISBN 978-3-902665-91-1.

Autorin

Leseprobe

Morgen fliegen wir nach Paris“

Schwerkraft ist jene physikalische Kraft, die eine Anziehung zwischen zwei Körpern bewirkt. Sie nimmt mit zunehmender Entfernung zwar ab, besitzt aber eine prinzipiell unbegrenzte Reichweite. Auf der Erde äußert sie sich darin, dass Körper, sofern sie nicht daran gehindert werden, nach unten fallen. Fällt die Schwerkraft aus, oder genau genommen, hätten Objekte kein Gewicht, würden sie nicht fallen. Sie würden schweben, es gäbe kein unten und oben, nur willkürlich festgesetzte Bezugspunkte.

Karin Spielhofers poetischer Text ist jedoch kein Versuch über die Schwerkraft, keine Annäherung an ein naturwissenschaftliches Phänomen, sondern die Suche nach einem Stand-Punkt im Leben, nach den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Seins, dem Widerspruch von Unterwegs sein wollen und Angekommen sein. In vier Kapiteln werden Ausgangslage („In der Lage“), verzweifeltes Suchen („Außer Stand“), Fluchtpunkte („Aus der Fassung“) und vorgestelltes Ziel („Vor Ort“) anvisiert und umkreist, sprachlich vorgestellt, variiert, ummantelt, beschützt. Schicht für Schicht einer Lebensgeschichte, die nicht als Geschichte, sondern nur mehr als Erinnerungsfetzen vorliegt, werden aufgedeckt, abgetragen, vermengt mit Zukünftigem und Gegenwärtigem, unentscheidbar, was zu welcher Zeit passiert sein mag. Einzelne Daten vermögen einen Anhaltspunkt zu geben, jedoch winden sie sich unentwegt unter der Sprache weg hin zu neuen und alten Erinnerungen, Gefühlslagen, Zwangslagen.

Der musikalische, lyrische Text mag sich über Zitate, die den vier Abschnitten vorangestellt sind, erschließen, evozieren sie doch Bezugspunkte, die im Text selbst aufgenommen werden. Louise Borgeois’ Verlangen nach Horizontalität, nach Schlafen, lässt auch erste Spuren eines Konflikts mit dem Vater erkennen. In einem Spiel mit der Sprache, einem beständigen Variieren und Rhythmisieren, das auch vor der Typographie und der Setzung der Worte im Seitenraum nicht Halt macht, werden die erinnerten und erahnten Geschichten immer wieder umkreist. Der Klang der Worte überdeckt den Sinn der Sätze, in denen sich das lyrische Subjekt versteckt, verkriecht, ebenso wie sich die Worte an den linken oder rechten Blattrand verkriechen, oder die Mitte der Seite in Besitz nehmen.

Erst als sie beginnt Pläne, Reisepläne, zu machen, kann sie sich langsam ihrer Verwurzelung, ihrer „Verhaftung“, entziehen. „Wie bei einem plötzlichen Ausfall der Schwerkraft, auf einmal fallen die Dinge nach oben.“ (15) Und dann ist alles anders. Die Welt ist verkehrt. Der Vater – ein Nationalsozialist ohne Reue und Schuldeingestehen, die Tochter – selbst Schuld an ihrer Lage, die Schutz sucht „im Spiel beim Beschreiben eines Kampfes“ (58)? Private Erinnerungen werden in den Kontext von Geschichte gesetzt und suchen dort einen Halt.

Zwischenüberschriften, Titeln von Gedichten gleich, unterteilen den Text, dessen Motivik über die einzelnen Abschnitte hinwegschreitet. Als Bezugspunkte fungieren Zitate von Clarice Lispector, Robert Walser, Louise Bourgeois und Marcel Proust. Letztgenannter führt im letzten Abschnitt mit Walter Benjamins „Passagenwerk“ ins Paris des 19. Jahrhunderts und damit in ihr Zimmer, ihre Kammer (133).

„Und noch ein Versuch, einen Platz im Leben zu beschreiben: In dieser
Abstellkammer
Schau nicht
Zwischen die Bettlaken
Schau
Die Zunge liegt in ihrem Bett und schläft
Du bist im Zimmer
Sie wohnt dort.
Es ist ein Zimmer unter
dem Dach“

Im vorletzten Abschnitt bricht der Text typographisch immer mehr auf. Nun sind es nur mehr Erinnerungsfetzen, das Zimmer, die Begrenzung, der Schutz, bis dies einer Art Tagebuch vom 15. November bis zum 21. Dezember Platz macht, in dem das lyrische Ich einem Flaneur gleich durch das vergangene und gegenwärtige Paris spaziert.

„Welche Ruhepausen auf der Flaniermeile bietet die Stadt
an, wo ist das Schauen das einzige, was die Umgebung
noch bei dir auslöst, wo nimmt sich der Aufruhr im
Straßenbild, das Zudringen der Geldwirtshaft zurück,
verschwinden die Zeichen sozialer Diskriminierung, sodaß
du dich nicht mehr auseinandersetzen, nicht mehr
abzugrenzen suchst, sondern einfach da sein kannst wo
du gerade bist und aus dir herausgehst und dich mit dem
Stadtraum verbindest“. (153)

Geschichte und Gegenwart prallen aneinander, immer bezogen auf jene Rue Saint-Honoré, die – Anziehungspunkt und Schwerpunkt zugleich – die Welt um sich zirkulieren lässt. Im letzten Moment findet sie – im vorgestellten Paris ihr Zimmer beschreibend – aus ihrer Gedankenwelt in ihre Lebenswelt zurück, ihre Schwerkraft wiederfindend und eintauchend in die Straßen von Paris, um wiedererfunden und nie wiedererfunden zu werden:
„Morgen fliegen wir nach Paris“ (153)

Eva Maria Stöckler
5. März 2015

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 


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