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Sandra Gugic: Astronauten

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Roman.
München: C. H. Beck Verlag 2015.
208 Seiten; geb.; 19,50 Euro.
ISBN 978-3-406-67370-2.

Sandra Gugic

Leseprobe

Dies ist ein äußerst außergewöhnliches, ein Aufsehen erregendes Buch. Dabei ist es ein Debüt, der literarische Erstling der gebürtigen Wienerin Sandra Gugic, den sie im Alter von 38 Jahren herausbringt. Ausgehend von dem unerhörten Niveau, das "Astronauten" anstrebt und nahezu mühelos erreicht, neigt man zur Empfehlung, ab jetzt diese Altersuntergrenze für alle Debütantinnen und Debütanten in der Belletristik obligatorisch einführen zu wollen.
Dabei deutet bei der Ausgangskonstellation wenig daraufhin, dass es sich hier um eines der interessantesten und gelungensten Bücher dieses Frühjahrs handelt. Die gesellschaftliche Situierung ist nicht einmal grobschlächtig skizziert, der urbane Raum, wie bei anderen jungen Autorinnen und Autoren auch, wird nur mit wenigen punktuellen Angaben benannt. In diesem fluiden Netz namens Großstadt bewegen sich sechs Personen unterschiedlichen Alters: Zeno, eine Art Wiedergänger von Huck Finn mit offenkundigem Migrationshintergrund, da familiären Wurzeln in Ex-Jugoslawien, sein Schulfreund Darko, Alen, Darkos Vater und Taxifahrer mit abgebrochenem Hochschulstudium, der seit Jahren an einem 136-seitigen Manuskript arbeitet, der Polizist Niko, befreundet mit Alen, verheiratet, Vater eines einjährigen Kindes, doch die Bindung zu Frau und Nachwuchs steht auf emotional wackligen Beinen, dazu noch die Künstlertochter Mara, deren Vater sich wegen ausbleibendem Erfolg erschossen hat und deren Mutter nach anfänglichen großen Ausstellungen mittlerweile in sich versunken ist, einem TV-Guru folgt und abends betrunken irgendwo in der Wohnung einschläft. Der letzte des Protagonisten-Halbdutzends ist Alex, ein Junkie aus gutem Hause, der sich als Kleinkrimineller mehr schlecht denn mit Fermenten von Unrechtsbewusstsein durchschlägt.

Das Raffinierte und zugleich Stupende an diesem Roman ist: Sandra Gugic, die an der Universität für Angewandte Kunst Wien und anschließend am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studierte und 2012 den Open Mike-Lesewettbewerb in Berlin mit einem Auszug aus "Astronauten" für sich entschied, gibt den Personen abwechselnd jeweils ein Redekapitel. So fangen, im mal raschen, dann wieder nachdenklich marmorierten Stakkato kurzer Sätze, die einzelnen Charaktere an, sich selbst zu porträtieren. Durch ihr kataraktisches, hastiges, größtenteils wenig reflektiertes Reden und Denken kommen sie uns nah, ganz nah. Die Bewegungen der Figuren im raumlosen Raum kreuzen sich, überlagern sich, nehmen hier geschärft, dort verschwommen-pointillistisch Bezug aufeinander. Da hat Alen eine größtenteils aus dem im Auto vollzogenen Geschlechtsakt bestehende Beziehung zur viel jüngeren Mara. Da erinnert sich Zeno an das Dorf, in dem er noch als Bub mit seiner Familie lebte, wo er, vom Baum auf dem zentralen Platz aus, alles übersehen konnte, wo er anderen Streiche spielen konnte, wo er eines Nachts sogar eine überlebensgroße Jesusstatue aus Stein im nahen Fluss versenkte – und nun, Jahre später, beschießt er wieder Personen, mit einem Luftgewehr, auf Golfplätzen, und steigt auf riesige Werbegerüste.
So wie die anderen Figuren ist er ein "Astronaut", ein Astronaut im existenzialistischen Vakuum. Einer, der im Nirgendwo von Irgendwo schwebt, ohne Halt, ambivalent grundlos. Wieso, warum, ist egal. Egalitär ist allen in diesem so prägnant zeitdiagnostischen Roman auch das Zeittotschlagen, mit schnellem Sex, mit illegalen Rauschmitteln, außerhalb beruflicher Netze. Größere Bezüge des Sinns, der Gesellschaft, der Welt sind hier illusionär, ja nicht einmal mehr als Illusionen denkbar, geschweige denn erwähnt. Wenn etwas an Äußerem einbricht, so beim Polizisten Nico die Verhaftung einer psychotischen und derangierten Frau, dann wirken diese Episoden als Verstärker der Fliehkräfte – Nico meldet sich krank und verkriecht sich vor dieser Attacke in einem manisch-depressiven Anfall, pickt Alex auf, der sich dann stillschweigend mit einem kleinen Diebstahl von ihm verabschiedet.

Dieses Werk ist ein Kunstwerk, nach eigener Aussage hat Gugic drei Jahre an diesen hitzigen Sprachblöcken gefeilt und immer wieder gefeilt. Es ist dieser Sog, der diese intensive Prosa so auszeichnet. Es ist andererseits die kunstvoll verborgene Artistik literarisch anspielungsreichen Erzählens. Denn alles andere als Zufall sind die den drei Teilen vorangestellten Motti: eines von Samuel Beckett, eines von William S. Burroughs, eines vom Dramatiker Chris Thorpe, sowie in den Text geschmuggelte Anspielungen und Verfremdungen, über die Gugic ganz am Ende lakonisch Auskunft gibt, etwas von Jörg Fauser, etwas von John Steinbeck und Franz Kafka sowie etwas aus Billy Wilders Film "The Apartment".
Was Gugic – mit ihrem Debüt! – so stupend gelingt, ist "mit dem Ohr zu schreiben", wie dies im amerikanischen Realismus so treffend heißt. Genau dies macht diesen Text so aufregend, auf jeder Seite. Jede Figur denkt und spricht anders, in einem anderen Duktus, einem anderen Tempo, mit anderer, variierter Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit. Und eben darin zeigt sich Gugics übergroßes Talent und Sprachgefühl. Ansonsten zeichnet ja vornehmlich die westdeutsche Literatur nach 1945 aus, dass Limousinenfahrer genau so reden wie die Bankdirektoren, die sie chauffieren, dass es keinen linguistischen Unterschied bei Tonfall, Vokabular und Ausdrucksvermögen gänzlich unterschiedlicher Charaktere aus diversen Schichten und Soziotopen und Dialekten gibt. Da reden Antiquare wie einfache Polizisten, Bäcker wie Hochseekapitäne, ein Philosoph wie eine junge Alleinstehende, zumeist allesamt geschliffenes Hochdeutsch ohne jede Ein- und Verfärbung durch Mundart, Region, Herkunft oder Ausbildung. Kaum einer der deutschen Gegenwartsautoren hat es vermocht, eine Figur einfach und allein bereits durch ihre Sprache zu charakterisieren und unverwechselbar zu umreißen. (In der US-amerikanischen Literatur ist dies ganz anders: Man nehme nur einmal die Bände eines Autors wie James Lee Burke aus dem Genre Spannung in die Hand.)
Man kann sehr gespannt sein, wie der so überwältigend begonnene Weg dieser Autorin weitergehen wird.

Alexander Kluy
12. März 2015

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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