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Andi Luf: sixpack.

Wien: VIZA-Edit, 2013.
272 Seiten; broschiert; 15 Euro.

ISBN 978-3-900792-35-0.

Autor

Der Herr Türbrenner hat in ein paar Tagen ein Treffen mit einer ihm unbekannten Frau, einer Redakteurin eines privaten TV-Senders. Er soll ihr ein Interview geben über die Fangemeinde eines Wiener Fußballvereins, der in der dritten Liga spielt. Obendrein soll er dafür auch Geld bekommen, ein Umstand, der dem in finanziellen Schwierigkeiten steckenden und als arbeitslos gemeldeten Chauffeur mehr als gelegen kommt. Denn wer, wenn nicht er, der Türbrenner, könnte mehr über das Milieu dieses Fanvereins zu erzählen wissen, ist er doch aktiv und mit Herz und Seele dort engagiert.
Türbrenner ist vor einiger Zeit in die bis obenhin mit befremdlichen Dingen vollgeräumte Wohnung eines Bekannten von der „Tribüne“, eines unter Depressionen leidenden Messies namens Erwin mit einem ebenso traurigen Hund, der noch dazu immer wieder an Verdauungsstörungen leidet, gezogen. Arbeits- sowie Perspektivenlosigkeit in einer alkohol- und rauchgeschwängerten Luft bereiten das Biotop in Lufs Roman auf. Einzig die Hoffnung auf ein plötzlich vom Himmel fallendes Glück und die Liebe zu dem erwähnten Fußballverein halten die beiden Protagonisten am Leben. Um den Unbill des Lebens erträglicher zu gestalten, wird hin und wieder auch zum Joint gegriffen, der jedoch auch nicht immer verfügbar ist.
Während Türbrenner sehnsuchtsvoll jenen Tag erwartet, an dem das Interview mit der noch unbekannten Redakteurin stattfinden soll, lernen wir den Fanclub kennen, all die Gestalten mit ihren Vorlieben und Unzulänglichkeiten, tauchen ein in eine Parallelwelt, in der ein Unglück das nächste jagt, jedoch niemals ohne einen Schuss stillen Humors, der in der Erzählweise seine Blüte erfährt. „bis auf weiteres keine aussicht auf besserung. in den zwei grossen räumen waren zwei bars untergebracht, hauptbar und entschuldbar, wie das genannt wurde. saufen für einen guten zweck, um die schulden des vereins abbauen zu können. an den wänden schwarz-weisse graffitis, der tod mit sense war mein liebstes.“ (S. 13)

Luf wählt eine einfache, lässige Sprache, wie man eben einem Freund Anekdoten aus seinem Leben erzählt. Dieser Kunstgriff erzeugt eine innige Vertrautheit mit den Lesenden, die in der konsequenten Kleinschreibung ihren förmlichen Niederschlag findet, die der Lesbarkeit keinerlei Abbruch tut. Vielmehr unterstreicht diese Form den Charme des in der Tradition der großen tschechischen Literatur geschriebenen, als gelungenes Zeitdokument Gültigkeit erlangenden Romans, in dem der Erzähler nonchalant zwischen innerem Denken und aktivem Erzählen hin und her wechselt.
Als Türbrenners Rendezvous mit der ominösen Redakteurin dann tatsächlich stattfindet und sich diese Frau obendrein auch noch als äußerst attraktiv herausstellt, entspinnt sich zudem eine Liebesgeschichte. „sie versuchte, auf die schmalen bretter der rücklehne zu springen. (...) schief ist sie dann auch geworden, die eingesprungene pirouette oder was auch immer aus dem sprung hätte werden sollen. schief ist sie mich dann auch angesprungen, mehr wie eine raubkatze, gar nicht wie eine maus. schief sind wir dann beide auf den boden gekracht. schief war dann auch mein rücken (...). meistens fällt man ja nach vorne hin. stürze nach hinten sind sehr selten“, heißt es da auf Seite 126, als sich die Romanze zwischen den beiden entwickelt, und sie entwickelt sich unbeholfen und nicht ohne Kalamitäten – wie auch im richtigen Leben. „plötzlich mussten wir beide so laut lachen, dass mir gleich wieder alles weh tat. sie nahm mich bei der hand und wir küssten uns zum ersten mal, einfach so.“ (S. 127)
So unspektakulär und unerwartet trifft uns auch die Wirklichkeit, und so zieht auch die Reporterin, Andrea, ins gemeinsame Heim von Türbrenner und Erwin samt Hund, bringt frischen Wind in die romantische Tristesse und stellt Türbrenners Leben auf den Kopf. Freilich wird das Schicksal auch dieses vermeintliche Glück nicht ganz ungeschoren davonkommen lassen, und so muss Erwin von seinem Hund Abschied nehmen. Dies ist eine der anrührendendsten Stellen in Andi Lufs sympathischem Roman, denn es ist kein schöner Tod: „... der arme kerl drehte sich wie ein irrer im kreis, so wie früher, als er aus spass seinen eigenen schwanz einfangen wollte, nur viel langsamer und dabei ständig das gleichgewicht verlierend. Als aus seinen pfoten das blut zu rinnen begann, fuhr der erwin zu seiner tierärztin.“ (S. 235) Luf beweist hier sehr viel Einfühlungsvermögen und erweist auch einem Hund den Respekt, der einem Lebewesen gebührt.

„sixpack“ findet am Ende seinen Höhepunkt, als der Protagonist und Andrea in die gemeinsame Wohnung zurückkehren und weder der Hund noch Erwin anwesend sind.
Einzig ein vermeintlicher Abschiedsbrief ist auf Erwins PC-Bildschirm zu sehen, als wollte er ihn vor dem Suizid nicht einmal mehr ausdrucken, so eilig könnte er seinem Entschluss nachgekommen sein. Schockiert lesen die beiden die letzten Zeilen ihres Wegbegleiters und melden den Vorfall der Polizei – doch plötzlich steht Erwin wieder da, als ob nichts gewesen wäre. Er wäre bloß bei einem Freund zu Besuch gewesen, und den Text am Bildschirm, den habe er für eine Literaturzeitschrift verfasst, denn er wollte „mal austesten, was sich so einer denkt, wenn er an einer klippe steht und springen will“. (S. 269) Dieser Schluss ist eine sehr gelungene Parabel dafür, wozu Literatur imstande ist – ein Perspektivenwechsel, um die Welt von anderen Gesichtspunkten aus zu verstehen und die Menschen in ihren Ängsten und Sorgen sowie absurden Handlungen zu begreifen.
Dieses Buch liest man einfach gern.

Armin Baumgartner
12. März 2015

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