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Dine Petrik: Flucht vor der Nacht.

Roman.
Weitra: Bibliothek der Provinz, 2015.
196 Seiten; broschiert; Euro 20,-.
ISBN 978-3-99028-367-7.

Autorin

Leseprobe

„Der Wunsch zu gehen ist die Flucht vor der Nacht, ist die Flucht vor der Angst.“ (S. 153) Gehen oder bleiben, im eigentlichen und im übertragenen Sinn: Soll man in der Stadt, bei dem Partner, in dem Haus, bei den Menschen und Dingen, die man sich erwählt hat, bleiben oder besser diese verlassen? Soll man überhaupt als letzten Ausweg aus dem Leben gehen oder sich doch diesem stellen – das ist die Grundfrage des neuen Romans von Dine Petrik.
Es ist ein in Angriff nehmen der letzten Fragen, denen sich besonders ein Mensch – die Hauptfigur des Romans – in ihrer ganzen Wucht stellt: Ben Bogathy, ein stadtbekannter Wiener Maler, ist ein Charismatiker mit schillerndem Leben, mit Preisen ausgezeichnet, Teil einer „Seitenblicke“-Gesellschaft, über den berichtet wird, wenn er mit einem Herzinfarkt ins Spital eingeliefert wird. Bogathy ist zugleich ein gutaussehender, geistreicher Verführer, aber auch ein Macho, der sich die Frauen nimmt und, so sie zum „Problem“ werden, sie wieder wegwirft. Mit ihm beginnt und endet der Roman, dazwischen spannt die Autorin ein festmaschiges Netz, das von Frauenfiguren getragen wird. Die Frauen ihrerseits – Bogathys Frau, seine Tochter, seine erste und seine zweite Geliebte – werden in ihren jeweiligen Beziehungen zum Hauptakteur dargestellt.

Catherine, die britische Ehefrau, ist unglücklich in Wien, verlässt den egozentrischen Künstler, kehrt heim nach London und nimmt das gemeinsame Kind mit. Olivia wird zum Stein des Anstoßes zwischen den beiden, der Vater leidet an ihrer Abwesenheit, sie wird später zum Kunststudium nach Wien zurückkehren, was ihr wiederum die Mutter übelnimmt. Es ist die altbekannte Fehde getrennter Eltern, die sie an den gemeinsamen Kindern ausleben. Olivia wird ausgerechnet an einem riesenhaften Obsidian, einem Stein, den die Mutter sich für ihre eigene künstlerische Arbeit erwählt hat, zugrunde gehen, nachdem sich schon eine Karriere im Licht (nicht im Schatten) des Vaters angekündigt hatte.
Die Ex-Geliebte Margarete Hörndlauer verkommt angesichts dieser Liebe des Vaters zur Tochter, entgegen all ihren magischen Selbstbeschwörungen, den wiederholten „Du hältst das aus!“, zur Rächerin der eigenen Erniedrigung. Die aus ländlichen Verhältnissen von Bogathy nach Wien Geholte überlebt mehr, als dass sie im von ihr heiß geliebten Wien wirklich lebt. Wohl hat sie sich gut eingerichtet, eine Arbeit gefunden, eine Wohnung, die ihr der joviale Ex-Liebhaber überlässt. Diese hat sie aus eigener Kraft renoviert, doch hält Bogathy die Situation mit einem bösen: „Kann sein, dass ich dieses Loch mal wieder brauchen werde ...“ (S. 114) in Schwebe. Umsonst wartet Margarete auf ein anerkennendes Wort. Sie, die grob benutzt und zur Seite geschoben wurde, wie ein Möbelstück, hat Zeit genug nach Rache zu sinnen.
Dann ist da noch Edith, die aktuelle Geliebte, ganz ähnlich im Charakter wie Margarete, auch sie ist eine, die sich ihren Standpunkt, „Standfestigkeit!“, vorbeten muss um nicht zu kippen, um nicht an dem Koloss Bogathy zu zerbrechen. Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin gelingt es ihr jedoch die Schatten der Vergangenheit zu bannen. Kurz vor Schluss des Romans scheint sich alles ins Gute zu kehren, der Macho ist nach einem überlebten Herzinfarkt geläutert, Edith an seiner Seite – doch ...

Es ist in spannender Roman voll von poetischen, farbigen Bildern, geistreichen Gesprächen über Kunst, geschichtstreuen Beschreibungen (Wiens) und starken Emotionen, die mittels innerer Monologe den Figuren eingeschrieben werden. Dabei wechselt die Autorin manchmal abrupt zwischen getragenem Pathos und Wiener Jargon, das hochliterarisch anmutende „wiewohl“ steht im Kontrast zu Ausdrücken wie „die tussige Wienerin“ (S. 34) oder „Angefressenes Schweigen.“ (S. 157) Es versinnbildlicht das Missverhältnis zwischen hehrem Kunststreben und groben Lebensverhältnissen.
Was die Konstruktion des Romangeschehens anbelangt, stellt die Autorin die Biographien ihrer Figuren vorerst nebeneinander bis sie preisgibt, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Dadurch entsteht ein Sog, der die Spannung aufrecht erhält. Auch sonst ist hier alles wiederzufinden, was das Schreiben von Dine Petrik charakterisiert: Das Geschichtsbewusstsein, die intensiven Bilder, der Stakkatoton in Höchstspannung, dazwischen eingestreute Skizzenhaftigkeit erinnern an frühere Arbeiten wie ihre bewährten Reiseerzählungen, die Hertha-Kräftner-Bücher, die lyrische Kraft.

Beatrice Simonsen
11. Mai 2015

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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