Barbara Hundegger: wie ein Mensch der umdreht geht.

dantes läuterungen reloaded.
Gedichte.

Innsbruck-Wien: Haymon Verlag, 2015.
120 Seiten, gebunden, EUR 17,90.
ISBN 978-3-7099-7043-0.

Autorin

Leseprobe

Was als erstes auffällt: wie diese Gedichte im Raum stehen. Es sind kleine Text-Clips, sie wirken wie ausgeschnitten, Auslassungspunkte sind ihnen jeweils voran- und nachgestellt. Auratische Blöcke, gestreute Elemente, sie werden auf den Buchseiten so platziert, dass zwischen ihnen Raum entsteht. Oder umgekehrt: Kleine Text-Fenster, durch die sich der Blick auf den zugrundeliegenden Sprachfluss hin öffnet.

Eine Metaphorik des Vertikalen dominiert die Gedichte: Da finden sich Bilder von Aufstieg und Absturz, Abhang und Fels, Anspielungen auf Bergtouren, Szenen der auf unsicheren Steigen Wandernden; eine solche schließt auch das Buch mit einem Kindheitsbild: Dass immer nach der nächsten Biegung die Erfüllung der Wünsche in Form einer Berghütte versprochen wurde.

Eine tiefere Bedeutungsebene entfaltet sich, wenn man Dantes „Divina Commedia“ mitdenkt, auf die sich das „reloaded“ im Titel bezieht: Dante, von Vergil durch die Hölle geführt, setzt in einem winzigen Boot über zum „Läuterungsberg“; hier steigt Hundegger thematisch zu und poetisch ein. Denn Dante schreitet nun aufwärts über die Stufen eines Buß-, Reinigungs- und Läuterungsprozesses. Er ist damit einer, der umdreht und geht, für sich eine Entscheidung fällt. Ganz oben, auf der siebenten Stufe, wird er zuletzt jene Feuerwand durchqueren, die ihn von vorangegangenen Ausschweifungen reinigt, um bereit zu sein für jene Form der Hingabe und Schönheit, die sich ihm im „Paradiso“ durch Beatrice offenbart.

Das ist die Struktur, die Hundegger ansatzweise übernimmt und fruchtbar macht in metaphorischer Bildhaftigkeit: Gleich zu Beginn, indem sie den kleinen Nachen zitiert, später dann in den Qualen, die den Büßenden wiederfahren. Das wird einmontiert, pointiert zum Vorschein gebracht: Da sitzen Geschäftsleute in grauen Anzügen in der Felswand, ihre Lider sind mit Draht zugenäht, in Dantes Purgatorium die Buße der Neider. Ein anderes Laster und seine Bestrafung findet sich in der Sage der Frau Hitt zitiert, jener hochmütigen Adeligen, die versteinert in einer Felsformation der Innsbrucker Nordkette gesehen wird. Bis zum gegenwärtigen politischen Unheil spannt Hundegger den Bogen, wenn einer nachts schwer alkoholisiert mit seinem schwarzen VW Phaeton aus der Kurve fliegt. Auch hier wird der Bezug über den Mythos hergestellt: Phaeton - sein Name bedeutet „der Strahlende“ - entwendet den Sonnenwagen, verliert die Kontrolle und stürzt ab; Ovid überlieferte die Geschichte im zweiten Teil der „Metamorphosen“.

Hundegger verzichtet auf alle Satzzeichen bis auf den Doppelpunkt und eine vertikale Trennungslinie, die Schnittstellen markiert innerhalb der Verszeilen und so einen zweiten Rhythmus synkopisch über die Zeilenbrüche legt. Öfter treten parataktische Reihungen auf, meist in Dreiergruppen („farne vögel flotte pilze“, S. 31; „regeln zitate beschlüsse“, S. 37; „frauen frauen frauen“, S. 83), die rhythmisieren, in denen auch Auszählreime mit anklingen. Das Pathos des hohen lyrischen Tons wird mit umgangssprachlichen Wendungen gebrochen und lakonisch aufgefangen: „am ewig versagten/ himmel sahen wir davon: genau nichts“ (S. 37). In die symbolhafte Bildsprache vom „toten dunst der hölle“ und eines „grausamen meeres“ werden technologische Begriffe der „daten codes“ (S. 7) oder „displays“ (S. 71) platziert, kulturgeschichtliche Codes und historische Rhetorik durchlüftet und kontrastiert.

Mythisches wird neu besprochen; das zeigt sich etwa an der Engelsfigur, die im Text verschiedentlich erscheint: mal als Todesmotiv („zwei engel im innenhof der/ klinik siehst du sie um die/ bahre stehen“; S. 107), mal als Vertreter von Abwesenheit und Verlust („ca. jahrelang auf die/ stelle starren wohin/ ein engel seinen fuß/ hätte setzen sollen“; S. 117), oder als Leerstelle („so bist du der leere engel geworden der die/ verwandlungen verwehrt hat“; S. 61); Der Engel bewegt sich so zwischen entrückt Sakralem und gelassen Profanem, findet sich auch humanisiert: „dein engel ritzt zeichen die du/ setzen solltest während er auf dich/ wartet in stein/ er summt er raucht“ (S. 39)

Hundegger liest die Gegenwart durch die Folie einer klassischen Dichtung, wendet Dantes kritischen Gesang gegenüber der Politik Italiens und Florenz auf den konkreten Ist-Zustand der sozialen und politischen Gegenwart an, adaptiert ihn für ihr spezifisches emotionales Umfeld. Indem Hundegger auf die Bildsprache des späten Mittelalters zurückgreift, wird auch das mit der Kirche über Bord gegangene ethische Leitsystem begrifflich wieder verfügbar: „Reloaded“ werden nicht nur die Bilder des Zugefügten und Erlittenen, sondern auch jene von Anmut, Demut, Reue, Verzicht; auf ihnen beruht die Atmosphäre dieser so unprätentiösen wie anspruchsvollen Dichtung.

Martin Kubaczek
26. Mai 2015

Originalbeitrag
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