Magda Woitzuck: Über allem war Licht.

Roman.
Wien: Verlag Wortreich, 2015.
264 Seiten; gebunden; Euro 19,90.
ISBN 978-3-9503991-2-7.

Autorin

Leseprobe

Milo hatte ihr gesagt, wie sie atmen sollte, durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus, einmal, zweimal, fünfmal, bis sie in der Lage gewesen war, ein paar Sätze zu flüstern. Einer davon hatte gelautet: „Er bringt mich um, Milo, diesmal bringt er mich um“, ein anderer: „Ich habe etwas Schreckliches getan.“ (S.103f)
Als Rosa und Milo, der beste Freund ihres Mannes, sich ineinander verlieben, gilt ihre größte Sorge zunächst der Geheimhaltung dieser Liebe. Sie leben in einer kleinen Ortschaft, sie müssen vorsichtig sein und verbringen ihre gemeinsame Zeit im Wald. Kostbare Stunden im Verborgenen, die umso leidenschaftlicher und verzweifelter werden, als Milo begreift, in welcher Gefahr Rosa lebt: Hans, ihr Ehemann, ist gewalttätig. Aber Rosa will Hans nicht verlassen und bald lastet diese Weigerung schwer auf Milo. Immer tiefer gerät Rosa in einen verhängnisvollen Sog aus Lust und Gewalt, der eine Entscheidung zwischen den beiden Männern unmöglich macht. Doch dann geraten die Dinge vollkommen außer Kontrolle.
Magda Woitzuck verstrickt die LeserInnen in eine emotionale Dreiecksgeschichte, die sich Schicht für Schicht entfaltet und kleinweise die Geheimisse ihrer Figuren preisgibt. Vor allem Rosa gewinnt dabei an Tiefe und überrascht immer wieder mit Abgründen, die teils verstörend sind und die hohe Ambivalenz einer Frau zeigen, für die Gewalt seit ihrer Kindheit derartig normal ist, dass sie sich ganz selbstverständlich mit dem Täter identifiziert, ihn schützt, ja sogar liebt, weil er neben der Mutter, die früher seine Rolle innehatte, die einzige Bezugsperson in ihrem abgeschiedenen dörflichen Leben ist.
Die Autorin rollt die gemeinsame Geschichte von Rosa, Hans und Milo von hinten auf. Das kurze Einleitungskapitel, das auf drei Seiten einen Streit zwischen dem Liebespaar Rosa und Milo wiedergibt, der erstmals mit einem Schlag in Rosas Gesicht endet („ein Klatschen, auf das Stille folgte, die sich ausbreitete wie Schall, eine Botschaft, die im Wald verhallte.“, S.11), baut absichtsvoll eine Brücke von einer Beziehungsgeschichte zur anderen, von Rosas jetzigem Leben zum vielleicht zukünftigen, hier schließt sich ein Kreis zwischen den Dreien, kurz bevor Hans am Beginn des zweiten Kapitels bereits tot ist.

„Hans hatte gerne mit dem Luftdruckgewehr auf die Spatzen im Kirschbaum geschossen“ (S.13) – dieser Gedanke Rosas zeigt in der nächsten Szene so unspektakulär wie nur möglich ihre neue Situation an, während sie mit ätzender Bleiche Blutflecken von den Fliesen ihres Stiegenaufgangs putzt.
Magda Woitzuck ist eine Meisterin des beiläufigen, lakonischen Erzählens. Während wir nur dunkel ahnen, was passiert sein könnte, klinkt sie uns fast unbemerkt in den Gedankenstrom ihrer Heldin ein und füttert uns mit einer andeutungsreichen Assoziationskette, von den toten Spatzen und ihrem Verwesungsgeruch in der Mülltonne bis zum Geruch der Bleiche und weiter zu einer Reihe von Haken an der Hintertür, alle leer bis auf den einen, an dem Hans' orangefarbene Signaljacke hängt, die er zum Jagen getragen hat. Der Himmel ist bedeckt und erdrückend, die Hecke regungslos. Es ist neun Uhr morgens, und die Atmosphäre nach einer Eskalation der Gewalt wird in diesen Bildern so intensiv spürbar, dass man als LeserIn bereits gefangen ist und das Buch nicht mehr aus der Hand legt.
Nach und nach erfährt man einige Fakten: Rosa hat dem tobenden, betrunkenen Hans eine Schere in den Bauch gerammt und ihn über die Stiege gestoßen, zweifellos in Notwehr. Stammelnd (siehe Zitat oben) ruft sie spät in der Nacht ihren Freund Milo an, in panischer Angst, denn sie weiß nicht, dass Hans bereits tot ist. Milo behält vorerst kühlen Kopf, beruhigt Rosa und gibt ihr genaue Handlungsanweisungen für den nächsten Tag, bevor er den Toten kurzerhand in seinen Pickup lädt und mit ihm Richtung Süden aufbricht, nach Slowenien, in seine Heimat. Die Reise an den Ort seiner Kindheit mit der Leiche seines ehemaligen besten Freundes auf der Ladefläche erinnert mit all ihren spannenden und komischen Momenten an zahlreiche Roadmovies. Milos protziges Auto, ein Männertraum, bleibt nirgendwo ungesehen und an der Grenze, die keine mehr ist, gibt es plötzlich eine Routinekontrolle. Alles in Ordnung, doch plötzlich hält der freundliche Beamte inne, einige Augenblicke lang, bevor er dem angststarren Milo zögerlich das Zeichen zur Weiterfahrt gibt, nicht ohne ihm lange nachzuschauen. Hinzu kommen brütende Hitze, Gewitterregen und verdrängte Erinnerungen, die auf dem Weg zur abgelegenen und längst verlassenen Landwirtschaft seiner Familie plötzlich wieder präsent sind: Der Streit mit dem älteren Bruder, der im nur zehn Tage dauernden Krieg um die Unabhängigkeit Sloweniens gefallen ist, während Milo längst Österreicher war und nicht für sein Land kämpfen wollte. Später das Begräbnis der verunglückten Eltern, das er wortlos verlassen hat, um irgendwohin zu verschwinden. Schmerzliche Bilder, die Milo seitdem mit harter Arbeit, Alkohol und zahllosen Frauen aus seinem Leben auszublenden versucht. Und nun ein weiterer Toter und eine weitere schuldhafte Verstrickung, die Milo, während er im Wald unweit vom Elternhaus ein Grab für Hans schaufelt, fast um den Verstand bringt.
Rosa beseitigt inzwischen Spuren und meldet ihren Mann als vermisst, gibt vor der Polizei und ihrer Mutter die verzweifelte Ehefrau, obwohl niemand das wiederholte Verschwinden des ortsbekannten Trinkers ernst nimmt. Ein Kapitel für Rosa, eines für Milo, manchmal eine Passage für beide, so geht es in kurzen Filmschnitten durch die Geschichte, in der Rosa keineswegs nur Opfer ist. Durch ihre Affäre mit Milo, in der sie mit 41 Jahren erstmals Glück kennenlernt, verändert sich auch ihre Beziehung zu Hans, jedoch ganz anders, als man es erwarten würde. „Sex mit Hans hatte sich verändert und es war Milo, der ihn verändert hatte. Denn ihre Gefühle für Milo hatten einen Schrank mit Sonnen angefüllt. Sie hatten in der Finsternis etwas zum Leben erweckt, dem ein monströser Geruch anhaftete. Es war nicht mehr so wie früher. Es tat immer noch weh, es machte ihr immer noch etwas aus, aber sie empfand etwas Neues dabei. Wenn Hans nun mit ihr schlief, stoben Funken in Rosa auf, als schlüge jemand in der Finsternis zwei Steine aneinander, als wäre da ein Tier im Dickicht, ein nicht zu fassender Schemen am Rande ihrer Empfindungen.“ (S.90)
Der Kampf, aus dem Rosa unglaublicherweise als Siegerin hervorgegangen ist, gewinnt nur langsam Kontur und man kann sich mit dem Bild, das wie ein Puzzle entsteht, nur schwer anfreunden: Wollte Hans im Alkoholrausch Rosa töten, oder hat Rosa in einem Überraschungsmoment Hans getötet, weil er sie verlassen wollte? Eine Wendung, der man fast ungläubig folgt, und die doch in der Dynamik von Gewaltbeziehungen schlüssig ist und in Abgründe abseits üblicher Täter-Opfer-Klischees blicken lässt.
Zum Glück gibt es am Rande auch ein wenig Normalität, sie heißt Günther und ist Rosas Kindheitsfreund, der sie immer beschützen wollte und sein Versprechen nun effizient einlöst. Er ist der Polizist im Ort, er ermittelt und er wird – ebenso wie Milo – die wahren Beweggründe für Hans' gewaltsamen Tod nie erfahren.
Ganz am Ende kommt der Roman bei seinem Titel an: „Über allem war Licht“. Rosa ist Milo nach Slowenien nachgereist, ans Meer, das sie sich ganz anders vorgestellt hat. „Der Horizont war zu hell, um ihn zu erkennen, er verschmolz mit dem Wasser.“ „Schwimm mit mir“, sagt Rosa, und in Milos Brust beginnt ein schmerzhaftes Klopfen. (S.259)

Magda Woitzuck gestaltet ihren Text weitgehend als „erlebte Rede“, in der dritten Person Singular und im Präteritum – eine Erzählform, die rein formal einen objektiven Bericht suggeriert, inhaltlich jedoch eine „Wiedergabe des unformulierten Bewusstseinsstromes in der dritten Person“ (Käte Hamburger) ist. Wenn die Erzählerin abwechselnd in Rosas und Milos Perspektive schlüpft, verschmelzen Erzählerstimme und Figurenstimme so sehr, dass man sich streckenweise tief im Inneren der beiden Figuren wähnt. Diese Unmittelbarkeit und dazu die Kunst der Autorin, schwerwiegende Ereignisse und Gedanken in ebenso knappen wie präzisen Sätzen zu skizzieren, nicht ohne gekonnt Bilder einzusetzen und zahlreiche Assoziationen zu wecken, ergeben ein spannendes und gleichzeitig in die Tiefe gehendes Romandebut.
Nur das vorangestellte Goethe-Zitat („Wo viel Licht ist, ist starker Schatten – doch war mir's willkommen.“) lastet ein wenig schwer auf dem Erstlingswerk und wäre als Deutungshilfe nicht nötig gewesen – kündigt doch bereits Alice Harings Umschlagmotiv „Spatzensterben“ unmissverständlich dunkle Seiten an.
Ihr Erzähltalent hat die Literaturwissenschafterin Magda Woitzuck, die 1983 in Wien geboren und in Niederösterreich aufgewachsen ist, bereits 2012 mit ihrer Erzähltrilogie „Ellis“ (Literaturedition NÖ) unter Beweis gestellt. In ihrem neuen Verlag „Wortreich“, der 2015 von Karoline Cvancara gegründet wurde und „anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur im anprechenden Design“ veröffentlichen will, steht Woitzuck neben erprobten AutorInnen wie Patricia Brooks oder dem Theater- und Puppenspieler Christoph Bochdanksky. Verlagsgründerin Karoline Cvancara (http://www.karoline-cvancara.at/) ist selbst als Autorin aktiv und kommt ursprünglich aus der Jazz-Szene. Neben ihrer Tätigkeit für Red Octopus Records und das Jazzfest Wien ist sie Herausgeberin der Zeitschrift „Jazz & More“.

Sabine Schuster
27. Mai 2015

Originalbeitrag