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Magda Woitzuck: Über allem war Licht.

Leseprobe:

Sie zog ihre Hand aus seiner und strich sich den Rock über den Oberschenkeln glatt. Eine Fliege kroch über die Windschutzscheibe. "Das geht so nicht mehr", sagte Milo leise. Die Fliege hob ab, behäbig taumelte sich durch die Luft und landete auf dem Armaturenbrett. Das Auto roch neu, nach Plastik und Leder.
"Milo", Rosa klappte die Sichtblende auf der Beifahrerseite herunter, "wir haben das tausendmal besprochen."
"Noch so einen Winter ertrage ich nicht."
Sie klappte die Sichtblende wieder hoch und sah zur Seite, in den Wald. Unter den eng beieinanderstehenden Nadelbäumen war es finster.
"Warum willst du das alles aufs Spiel setzen?", sagte sie leise, ohne dass es wie eine Frage klang.
Milo hatte beide Hände auf das Lenkrad gelegt, er betrachtete ihr Profil, die rot-braunen Haare, die sich in ihrem Nacken kringelten, den langen Hals, die Wölbung ihres Busens.
Sie versteifte sich. Mit zwei Fingern begann sie an einem Knopf ihrer Bluse zu spielen. Sie seufzte, und es klang ungeduldig. Als würde sie mit einem Kind diskutieren, dachte Milo, als ginge ich ihr auf die Nerven. Es war heiß. Sogar jetzt, um sieben Uhr abends, zeigte das Thermometer immer noch 34 Grad im Schatten an. Milo presste die Lippen aufeinander und sah aus seinem Fenster. Überall Bäume. Er war damals tagelang herumgefahren, um diesen Ort tief in den Wäldern zu finden, an dem er mit der Frau seines Freundes Zeit verbringen konnte, ohne dass sie von irgendjemandem beobachtet werden konnten. Er hatte dieses Auto nicht nur gekauft, weil es ihm gefiel, sondern auch, weil es Allradantrieb hatte, der auf den unbefestigten, oft schlammigen Wegen des Waldes unerlässlich war.
"Wie lange willst du das eigentlich noch mit dir machen lassen?", fragte er, und es klang kälter, als er wollte, "bis er dich totschlägt?" Oder ich ihn?"
Sie antwortete nicht, stattdessen seufzte sie noch einmal und ließ die Hand in ihren Schoß fallen. An ihren Bewegungen erkannte er, dass sie wütend war, aber er war mit seiner Geduld am Ende. Sie war nicht naiv, begriff er, sie war stur.
"Ich weiß einfach nicht, was du von mir willst", sagte Rosa.
"Ich will mich nicht mehr verstecken."
Rosa schwieg. Sie sah aus dem Fenster, in einem schmalen Sonnenstrahl taumelten Staubkörner, an denen sich das Licht brach. Sie saugte an ihrer Oberlippe und zuckte die Schultern, als ginge sie das alles nichts an.
"Schau mich an, wenn ich mit dir rede", sagte er. Sie blickte weiter in die Bäume.
"Ich verstehe einfach nicht, warum du das alles riskieren willst. Und das andere", antowrtete sie langsam, ohne sich nach ihm umzuwenden, "geht dich nichts an."
Milo packte ihr Handgelenk. Als sie versuchte, sich zu wehren, nahm er auch das zweite.
"Ich hab gesagt, du sollst mich anschauen", sagte er noch einmal, und diesmal hatte er ihre Aufmerksamkeit.
"Du musst ihn verlassen." Die Wut machte aus dem Satz ein Ultimatum.
Rosas Augen hatten die Farbe verändert. Da war nichts Vertrautes mehr, nichts Weiches.
"Du tust mir weh."
Sie versuchte, ihre Handgelenke aus seinem Griff zu winden, aber er war zu stark, er ließ nicht los, also gab sie es auf.
"Verstehst du nicht?", Rosa beugte sich vor, zu seinem Gesicht, ganz nah waren sie einander, "ich werde ihn nie verlassen, Milo."
Milo ließ ihre Handgelenke los. Es war nicht einmal das, was sie gesagt hatte, sondern wie sie es gesagt hatte: mit der Bosheit eines Menschen, der sich besser vorkam, klüger und überlegener. Mit der flachen Hand schlug Milo nach ihrem Mund, fester als beabsichtigt. Ein Klatschen, auf das Stille folgte, die sich ausbreitete wie Schall, eine Botschaft, die im Wald verhallte.

(S. 9 ff)

© 2015 Verlag Wortreich, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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