Kurt Leutgeb: Marathon. Versuch einer Leichtigkeit

Klagenfurt: Sisyphus Verlag 2014.
240 Seiten; broschiert; Euro 15,80.
ISBN 978-3-901960-72-7.

Autor

Leseprobe

„Das erste Mal laufen gegangen, (...) ist er im Turnunterricht als Gymnasiast“; dann wieder zehn Jahre später, mit einer Freundin in Wien; und danach noch während seines Gedenkdienstes in Kiev. Richtig regelmäßig betreibt er das „Simple Running“ aber erst seit zwölf Jahren. Er tut es dreimal wöchentlich, jedoch „ohne große Planung und ohne technische Hilfsmittel“. Schließlich ist es für ihn „keine absonderlichere Handlung als (...) Zahnpflege mit Bürste und Seide“. Dass es auch dem Stressabbau dient, man dadurch gesünder lebt, aktiver ist und mehr Sex will, freut ihn. Weshalb er am 28. Vienna City Marathon am 17. April 2011 teilnehmen will, hat damit allerdings weniger zu tun. Er möchte einfach seinen ersten Marathon laufen und dabei nicht wie ein „vierzigjähriger Narr“ aussehen, der „irgendetwas nachzuholen versucht, das er bisher versäumt hat“.
Dass ein derartiges Unterfangen nicht ganz ohne Vorbereitung funktioniert, ist klar. 17 Wochen bleiben dafür, in denen vorweg einmal für den Start, das Startnummernband und den Chip für die Zeitnehmung sowie für den Erwerb neuer Trainings- und Laufschuhe und anderer „Laufutensilien“ (wie Short, Shirt und Socks) einige Ausgaben anstehen, die sich für ihn, der „als Englischlehrer in der Erwachsenenbildung (...) keine tausend Euro im Monat“ verdient, als ziemlich kostenintensiv erweisen.
Vier Mal pro Woche rennt er nun (häufig gemeinsam mit Freund Samuel) in den Prater. Beim Lusthaus geht es „zurück zur Praterbrücke, auf die Donauinsel, bis zur Nordbrücke, zum Donaukanal und diesen entlang wieder nach Hause“.
Für gewöhnlich absolviert er seine Runden „mit dem Herzen nach innen“, wie die Bönpa in Tibet, die „ihre Heiligtümer gegen den Uhrzeigersinn“ umkreisen. Als Marathonneuling muss er nur „jedes Mal überlegen, ob er langsam oder schnell, kurz oder lang, flach oder bergig, durchgängig oder mit Trabpausen (...) laufen soll“. Ein wenig zu schaffen macht ihm zeitweilig auch das rechte Sprunggelenk sowie die Entzündung eines Zahnes, welche (wie er in Internetforen über die Gefahren des Marathonlaufens liest) im Mindesten zu einer Verminderung der Leistungsfähigkeit, im ungünstigsten Fall „durch Myokardien“ sogar zum Tod führen kann.
Sieht man davon ab, dass er beim Betreten des Geschäfts von „Laufsport Blutsch“ sofort an Adolf Blutsch denken muss und daran, wie ihm als Zehnjährigem im Linzer Stadion „der gemeinsame Vorname des Massenvernichters und des Lask-Trainers“ ungeheuerlich erschienen ist; oder dass er sich als Oberösterreicher in Wien ständig vorkommt, als wäre er auf dem Balkan, weil es hier einfach viel zu viele „von billig gekleideten Sterbenden frequentierte staubige graue Unterführungen“ gibt, einen „stinkenden Gürtel“ und Wohnhäuser, „die auf die Straße herunterblicken, als wollten sie ihr eine auflegen“, scheint soweit alles in Ordnung. Denn nicht nur das Rauchen ist längst kein Thema mehr, sondern 107 Tage vor dem Start auch der Alkohol endgültig tabu. Außerdem wird (mittags gibt es deswegen oft nur einen Teller Spaghetti mit Olivenöl) ein Marathonwunschgewicht von 69 oder 70 Kilo angepeilt sowie als wichtigster Testlauf ein gutes Monat vor dem großen Rennen ein Halbmarathon, den er „in der laut dem Wettkampfrechner auf runnersworld.de für einen Marathon in 3:45 nötigen Zeit von 1:47“ schafft. Besser noch: Er unterbietet diese um mehr als fünf Minuten, ist damit sogar noch „schneller als in seinem kühnen Traum“ und wird in seiner Klasse der Männer von 40 bis 45 Dreizehnter von dreiunddreißig. Das motiviert.
Und wenn er nicht eben läuft (wobei er als gebürtiger Kleinstädter „den Impuls verspürt, alle Menschen, die ihm begegnen, zu grüßen“) oder zwischen Erwerbsarbeit und Wohnung mit dem Fahrrad hin und her hetzt oder für ein neues Buchprojekt Türkisch lernt oder mit der Österreichischen Autorenfußballnationalmannschaft ein Trainingsspiel absolviert oder mit Freundin Greta ausnahmsweise einmal im Theater sitzt, wohin es ihn aufgrund „seiner olfaktorischen Empfindlichkeit und seiner Gerontophobie“ nur ganz selten zieht, ja dann ....., dann läuft er natürlich. Denn „er läuft ja, um dieses Buch zu schreiben“.
Dieser laufende „er“ in Kurt Leutgebs „Marathontext“ ist also der Autor selbst. Sein aus Prolog, Epilog und siebzehn als Wochen gekennzeichneten, mit von Montag bis Freitag gelisteten Trainingsaktivitäten einsetzenden Kapiteln bestehendes Buch berichtet über die Vorbereitungen und das Laufen, den Alltag als Lehrer und Schriftsteller, über Lebenserfahrungen und Ansichten und sogar über die Konzeption des vorliegenden Werkes, das er (wie er freimütig festhält) „gleich schreiben kann, ohne Vorstudien, Recherchen und sonstige Faxen“, nicht nur offen und ehrlich, sondern auch in einem recht lockeren Plauderton.
Dementsprechend leicht liest es sich auch, ja entpuppt sich dieser „Versuch einer Leichtigkeit“ trotz seiner stringenten Ausrichtung als überaus lebendiger und unterhaltsamer Text, der eine Vielzahl biografischer Rückschlüsse ziehen lässt, die neue Seiten dieses beeindruckenden Schriftstellers sichtbar werden lassen.
Gretas Befürchtung, das Buch „könnte langweilig werden (…), weil es um einen Lauf nach dem anderen gehe und die Läufe einander glichen“, muss energisch zurückgewiesen werden. Denn wie darin neben Trainingsgeplänkel (über Zeiten, Ausrüstung, Pläne, Ziele für die Zukunft und andere Wehwehchen) „der meditative, kontemplative Charakter des Laufens“ aber auch „der Marathonlauf als globales Phänomen westlicher Herkunft und Symbolik“ zum Thema gemacht und der Konnex zwischen ihm und dem Leser der „Kritik der reinen Vernunft“ hergestellt wird, ist bemerkenswert.

Am Ende weiß man noch etwas ganz genau: Einen Marathon zu laufen, ist „überhaupt nichts Extremes“.
Macht das nicht Hoffnung?

Andreas Tiefenbacher
22. Mai 2015

Originalbeitrag.
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