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Die deutsche Exilliteratur 1933 bis 1945. Perspektiven und Deutungen.

Hrsg. von Sonja Klein und Sikander Singh.
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2015.
220 S.; geb.; Euro 49,95.
ISBN 978-3-534-26630-2.

Über die Bedeutung der deutschsprachigen Exilliteratur, insbesondere über ihre ästhetischen und politischen Dimensionen, ist bekanntlich schon im Exil diskutiert worden. Später, nach der Zäsur von 1945, werden diese Diskussionen zunächst vielfach abgeblockt: entweder eingebunden in den Rahmen der Erbe-Diskussion (unter dem Einfluss der von Georg Lukács entwickelten Realismus-Konzeptionen) oder zurückgedrängt von einer Literaturwissenschaft, die sich ganz der werkimmanenten Methode verschrieben, demnach für Flüchtlingsgespräche und dergleichen kaum mehr interessiert hat. Erst nach 1968 erhält die Beschäftigung mit der Exilliteratur (zuallererst von Forschern, die außerhalb der etablierten Universitätsinstitute arbeiten) neue und bald sehr kräftige Impulse. Autoren, deren Werke längst in den Kanon aufgenommen, aber so gut wie nie in Exilkontexten gesehen worden sind (wie Heinrich und Thomas Mann, Alfred Döblin, Hermann Broch, Bertolt Brecht), werden neu gelesen, weithin vergessene Autorinnen und Autoren werden wiederentdeckt. Die in den 1970er Jahren vehement einsetzende so genannte Grundforschung (die im Anschluss an ambitionierte Großprojekte von Walter A. Berendsohn, Franz Carl Weiskopf und Hans-Albert Walter eine Fülle neuer Materialien, aber auch neuer Fragestellungen präsentiert), zahlreiche einschlägige Symposien und eine bald schon beinah unüberschaubare Fülle von Publikationen sorgen schließlich für eine Transformation sondergleichen: Aus dem Randthema wird ein Modethema.

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft veröffentlicht 1989 eine erste Bilanz der Exilliteraturforschung: Exilliteratur 1933–1945, hrsg. von Wulf Koepke und Michael Winkler (mit Begriffsbestimmungen, Beiträgen zur Grundforschung und exemplarischen Analysen exilspezifischer Werke): ein Handbuch, das noch immer nicht überholt ist und Wege der Forschung keineswegs nur nach- sondern auch schon vorzeichnet. – Gut 25 Jahre später legen Sonja Klein und Sikander Singh jetzt einen neuen Sammelband zu diesem Thema vor, ein Buch, das sich der Aufgabe widmet, die Erträge wie auch die „Mythen der Exilforschung“ (Lutz Winckler) neuerlich auf den Prüfstand zu heben und darüber hinaus Anregungen kulturwissenschaftlicher Theorien im Hinblick auf eine weitere „Revitalisierung der Exilforschung“ (Linda Maeding) aufzugreifen. Inter- und Transkulturalitätsforschung, Einsichten der Postcolonial Studies und der jüngsten Gedächtnistheorien sollen Anstöße geben, neue Wege zu gehen und „bisher vernachlässigte Potentiale fruchtbar zu machen“.

Der Fortschritt schaut auf den ersten Blick bekanntlich oft viel größer aus, als er wirklich ist. Am Ende ist er nicht selten dann doch (Nestroy hat das als erster herausgefunden) „halt wie ein neuentdecktes Land; ein blühendes Kolonialsystem an der Küste, das Innere noch Wildnis, Steppe, Prärie.“ Auch die in der Einführung zu diesem Buch angekündigten neuen methodischen Perspektiven verflüchtigen sich in den folgenden Kapiteln bald, werden nur in einigen wenigen Beiträgen tatsächlich wieder aufgenommen. Im Vordergrund steht vielmehr (nicht anders als in älteren Sammelbänden) die kritische Relektüre einzelner, vielfach längst klassischer Werke der Exilliteratur: Thomas Mann, Joseph und seine Brüder / Arnold Zweig, Erziehung vor Verdun / Heinrich Mann, Henry Quatre / Bruno Frank, Der Reisepaß / René Schickele, Die Flaschenpost / Alfred Döblin, November 1918 / Bertolt Brecht, Svendborger Gedichte / Johannes R. Becher, Abschied / Oskar Maria Graf, Das Leben meiner Mutter / Gustav Regler, Das große Beispiel / Franz Werfel, Eine blaßblaue Frauenschrift / Stefan Zweig, Brasilien / Klaus Mann, Der Wendepunkt / Else Lasker-Schüler, Mein blaues Klavier / Lion Feuchtwanger, Die Brüder Lautensack /Anna Seghers, Transit. – Zu allen diesen Werken hat die Exilforschung in den letzten 50 Jahren schon Interpretationen angeboten. Manche werden hier ausgiebig genutzt und auch zitiert, nicht wenige (namentlich ältere) hingegen stillschweigend übergangen; um die Halbwertszeit literaturwissenschaftlicher Arbeiten ist’s auch in der Exilforschung nicht gut bestellt.

Dass Stefan Zweig und Franz Werfel ohne weitere Umstände der deutschen Literatur zugerechnet werden und die österreichische Exilliteratur ansonsten ganz ausgeblendet bleibt (Namen wie Robert Musil oder Hilde Spiel, um hier nur zwei zu nennen, sucht man im Personenregister vergeblich), hätte wenigstens eine knappe Begründung verdient, wird aber nicht einmal in einer Fußnote reflektiert. Kein Beitrag über Joseph Roth. Kein Beitrag über Hermann Broch. Kein Beitrag zur Literatur aus der Bukowina. Ebenso großzügig (um nicht zu sagen: fahrlässig) wird übersehen, was Institutionen wie die Theodor Kramer Gesellschaft oder die Österreichische Exilbibliothek im Wiener Literaturhaus seit Jahrzehnten zu diesem Thema beigetragen haben. Mit dem (durchaus einsichtigen) Appell, die alte Fokussierung auf nationalliterarische Phänomene auch und gerade im Bereich der Exilliteraturforschung aufzubrechen, wird hier zwar eine Öffnung des Forschungsgebietes vorgeschlagen, aber gleichzeitig werden längst in diese Richtung gehende Bemühungen schlicht ignoriert.

Die einzelnen Aufsätze bieten zumeist (methodisch eher konservativ, aber immerhin solid) textnahe Analysen der ausgewählten Werke. Hervorzuheben wären namentlich die Beiträge von Sikander Singh über Heinrich Mann, Sonja Klein über Bertolt Brecht, Claas Morgenroth über Johannes R. Becher, Susanna Brogi über Else Lasker-Schüler und Jörg Schuster über Anna Seghers (auch wenn in letzterem die Vergleiche mit Kafka und Camus nicht so recht überzeugen können). Aufsätze, die weniger sorgfältig als die eben erwähnten die bereits vorhandene wissenschaftliche Literatur mit einbeziehen, bringen hingegen nicht viel Neues; und ausgerechnet dort, wo explizit eine theoretische „Perspektiverweiterung“ angekündigt wird, im Beitrag über Oskar Maria Graf z. B. oder auch in dem Artikel über die „Kompensationsheterotopien“ in Stefan Zweigs Brasilien-Buch, werden am Ende lediglich Einsichten vermittelt, die den Aufwand nie und nimmer lohnen – weil sie nämlich längst schon andernorts festgehalten sind. Dabei ist doch keinesfalls ausgemacht, dass gründliches Studium der Erträge der Forschung jeden neuen Zugang von vornherein schon verschließt; Andreas Stuhlmanns Arbeit über Lion Feuchtwanger ist in diesem Sinn ein nachahmenswertes Schulbeispiel.

Der Anspruch, der in der Einführung dieses Buches erhoben wird, einen „repräsentativen Überblick“ zu geben und gleich auch „mögliche Perspektiven einer zukünftigen Forschung“ aufzuweisen, ist zu hoch gesteckt. Aber eines leistet diese Aufsatzsammlung indes gleichwohl: In allen diesen Interpretationen wird die Problematik der Verknüpfung ästhetischer und moralischer Parameter, ein zentraler Gegenstand und Konfliktstoff der Exilliteraturforschung, bedächtig und souverän erörtert. Die Verfasser/innen haben damit Maßstäbe gesetzt, die künftig nicht mehr zerbröckeln sollten.

Johann Holzner
17. Juni 2015

Originalbeitrag


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