Martin Kubaczek: Nebeneffekte

Gedichte.
Wien: Edition Korrespondenzen, 2015.
124 Seiten, geb., Euro 18,00.
ISBN: 978-3-902951-10-6.

Autor

Leseprobe

Der Autor als Krebspatient

„O Mensch, halt ein vorm Krankenhaus. / Gehn dem einmal die Kranken aus, / dann greift man auch auf dich zurück, / und du verbleibst dort Stück für Stück“, dichtete Robert Gernhardt und rückte damit, wie so oft, dem Ernst der Lage mit Geist, Witz und Reim zuleibe. Die Verse vom Organ für Organ, Glied für Glied Menschen sammelnden – oder: fressenden – Krankenhaus gehören zu einer Reihe von „Krebs-Gedichten“, in denen Gernhardt die eigene Erkrankung mit Operation und anschließender Chemotherapie thematisiert. Wer darum weiß, wird sie nicht ohne eine Spur Bitterkeit lesen – ebensowenig wie alle, die erleben mussten, was auf die Diagnose „Krebs“ folgt. In der Regel werden die Betreffenden von dem gravierenden Befund überrascht und erschüttert – um sich einen Augenblick später aus der Welt der vermeintlich Gesunden in die der Kranken katapultiert zu finden: die einen draußen, die anderen drinnen, im Krankenhaus.

Auf eigene Weise hat nun Martin Kubaczek, der sich bisher mit Romanen und Erzählungen einen Namen innerhalb der österreichischen Gegenwartsliteratur erschrieb, in einem Lyrikband seine Erfahrungen als Krebspatient verarbeitet. Allerdings – statt von Erfahrungen muss man wohl differenzierter von Wahrnehmungen, Beobachtungen, Erkenntnissen und Reflexionen sprechen, die hier in zweiundsiebzig facettenreichen und, soweit dies mit dem Genre Lyrik vereinbar ist, realistisch-narrativen Gedichten ihren Ausdruck finden. Vorweg sei gesagt: Es handelt sich hierbei um Literatur, die mit klarem Blick, eindringlichem Ernst und Sinn fürs Tragikomische einen Teil der Sprachlosigkeit aufbricht, die in unserer Gesellschaft vor allem dort herrscht, wo sich die existentielle Frage nach dem Ende des Lebens unausweichlich stellt: am Krankenbett.

Dabei sind Kubaczeks Gedichte zweierlei: autobiografische Miniaturen, zumeist aus der gut nachvollziehbaren „Ich-Perspektive“, sowie konzentrierte Momentaufnahmen von – in der Regel schweigend übergangenen – Zu- und Missständen, oder Missverständnissen. Hierzu gehören etwa die Hierarchie unter der Ärzteschaft, die Einsamkeit im Mikrokosmos Krankenhaus, die Unmenschlichkeit des schulmedizinischen Fachjargons. Mit anderen Worten: Es geht auch um das klassische Thema des Einzelnen, der versucht, seine Autonomie gegenüber einem System zu behaupten, in das er sich hier, auf Hilfe hoffend, zwar freiwillig begibt, das ihn aber dafür auf die Funktion eines Krankheitsfalls reduziert. Schauplatz der oft scheiternden Versuche: die Sprache. Diejenigen, die vielleicht heilen können, reden mit ihm (und vor ihm untereinander) über seinen erkrankten Körper, als wäre dieser nach bester cartesianischer Tradition von seiner Person – dem Ich, der Psyche – abgespalten, und vor allem ein zu reparierendes Problem.

Deutlich wird dieser Gegensatz zwischen „Ich“ und Ärzteschaft gleich im ersten Gedicht „17. Stock“, das das Bewusstwerden des Ausmaßes der Krankheit thematisiert, die sich erst als winziger schwarzer Punkt unterm Schulterblatt zeigte – und als bösartiges Karzinom entpuppte. Das Gedicht erzählt vom Aufklärungsgespräch mit einem Chirurgen und man hat lesend den – wohlbekannten – Eindruck, dass hier wieder einer, der dringend auf Auskunft über die Gefahr, in der er schwebt, wartet, diese nur in einer teils fremden „Sprache“ erhält, d.h. in Fachbegriffen, die sachlich-euphemistisch verschleiern, was den Betroffenen, für den es um Kopf und Kragen geht, zutiefst erschüttert:
„Lichtdurchflutet, große Glasflächen / siebzehnter Stock, Blick über die Stadt / der Schreibtisch dunkles Holz, Papiere / unter dem Briefbeschwerer // Ab null Komma sieben Millimeter / ist es im Blut und Lymphsystem. Sie haben / eins Komma vier Eindringtiefe. Clark Level vier / Jetzt nehmen wir mal den Sentinel heraus“, beginnt es. (Anm.: Die„Sentinel-“ oder „Wächter-Lymphknoten“ haben eine Schlüsselposition im Lymphsystem und werden bei Verdacht auf Metastasen zuerst entfernt und untersucht. „Clark Level vier“ bedeutet quasi: bösartiger Hautkrebs in fortgeschrittenem Stadium.)
In den nächsten Zeilen zählt der Chirurg auf, was man im schlimmeren Fall weiters operieren müsse; anschließend heißt es: „Er nimmt seinen Stift, sucht nach einem Blatt / Wie haben Sie zuvor gesagt? // Wie eine Abrissbirne / durch die Ziegelwand / Als ob ein Abbruchhammer / in mein Ich-Gefüge kracht“.

Nach diesem so lakonischen wie heftigen Auftakt – es empfiehlt sich übrigens, die Gedichte zunächst hintereinander zu lesen, da ihre Anordnung einer losen Chronologie entspricht – folgt man dem Autor durch die unterschiedlichsten Stadien, Phasen und Augenblicke seines Patient-Seins im und außerhalb des AKH, des „Allgemeinen Krankenhauses Wien“ – einem der größten Krankenhäuser Europas. Wobei Kubaczeks Sprachsensibilität und seiner wachen Beobachtung beim In-sich-Horchen wie Nach-außen-Blicken wenig entgeht: keine Zwischentöne, kein Moment des Glücks oder der Angst, keine absurde Situation (worauf schon der Klappentext hinweist). Die Unvertrautheit mit dem Dasein – und der Rolle – eines Krebspatienten, der gezwungen ist, der eigenen Todesangst ins Gesicht zu schauen, schärft natürlich den Blick: für die Reaktionen erschrockener Freunde, die, befremdend genug, erklären wollen, warum man krank wurde oder – entsprechend dem konsumgesellschaftlich breiten Spektrum an (komplementär)medizinischen und „esoterischen“ Angeboten – so viele „gute Ratschläge“ geben, dass ihre Ratlosigkeit offenbar wird (siehe das gleichnamige Gedicht, Leseprobe). Für die Schönheit der „Natur“ (hier als positiv besetzte, Freiraum und Weite versprechende Gegenwelt zum Krankenhaus). Für den irgendwie auch „seltsamen“ Auftritt erschöpfter weißgekleideter Ärzte bei der Visite, denen man als Patient bald resigniert „anonyme Antworten“ gibt („Acht oder Neun“, s. Leseprobe). Für die trostspendende Anteilnahme des Pflegepersonals und mancher Mediziner ebenso wie die Ignoranz anderer, die einen Patienten, der wissen will, was die Fachbegriffe in seinem Befund besagen, am liebsten als Problem zum Therapeuten schickten.

Wer einmal im Krankenhaus mit einer schweren, vielleicht kurzfristig letalen Krankheit landete, kennt wahrscheinlich auch Sätze wie: „Nützen Sie noch die Zeit / machen Sie sich ein schönes Leben“. Erfahrenen Patienten sagen derlei ernstgemeinte Floskeln noch etwas anderes: dass man ihren Fall für hoffnungslos und die ihnen verbleibende Zeit für sehr begrenzt hält. Martin Kubaczek aber nimmt es wörtlich und fragt zurück: „(...) was / soll ich tun, wenn ich mein Leben / genossen habe bis jetzt? Und nütze / ich nicht viel zu sehr die Zeit? Mache / wenn es geht, zwei Sachen zugleich? / Könnte es nicht sein, dass ich besser / aufhöre mit Nützen? Weniger vom Zuviel und weniger zugleich? Unnützes // Wahrnehmen, ist es das / was Sie meinen, wenn Sie sagen / Machen Sie noch eine Reise / Machen Sie sich noch eine schöne Zeit?“
Das Gedicht, aus dem diese Zeilen stammen, heißt „Die Decke“ (s. Leseprobe) und ist dem, wie man es von der Edition Korrespondenzen kennt, sehr fein gestalteten Lyrikband als Faksimile vorangestellt. Vielleicht, weil es besonders gut zum Titel „Nebeneffekte“ passt. Die hier – zur Frage über den Sinn des bisherigen Lebens führenden – Reflexionen lassen sich als Nebeneffekt der obigen Aufforderung deuten, diese wiederum als Nebeneffekt der Diagnose Krebs. So zeigt uns Martin Kubaczek, wie ein vermeintlicher Nebeneffekt zum Wesentlichen wird – wie sollte es auch anders sein, in einem System, in dem die Hauptsache Tod als Nebeneffekt, als Störung betrachtet wird. Die Irritationen und Fragen des Autors rücken diese Verkehrtheit der Welt zurecht, ja, man könnte, sofern die Kategorien jemals ganz zuträfen, sagen: Wer krank ist, hat die Chance, einen gesunden Blick auf sich und die Welt zu werfen ... Unbedingte Leseempfehlung!

Birgit Schwaner
30. Juni 2015

Originalbeitrag
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