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Martin Kubaczek: Nebeneffekte

Leseproben


Seite 18 f.:

ACHT ODER NEUN

Da öffnet sich die Tür und sie treten ein
lächeln, die Mappen unter dem Arm
wo sie eben noch vor der Tür
geflüstert haben, was sie dir sagen
Wie geht es Ihnen? Danke gut. Sehr gut.
Da kommen sie. Acht oder neun.

Sie sind zufrieden
und erleichtert. Argwöhnen. Irgendetwas
ist hier seltsam. Ich habe mir angewöhnt
nur noch anonyme Antworten zu geben
zu lächeln, wie erwünscht, nicht zu überfordern
mit rätselhaften Problemen, nur eben
so krank zu sein, dass er mir helfen kann,
um den Arzt nicht zu erschrecken
um gelobt zu werden, lasse mir
eine Salbe verschreiben, ein Pulver vielleicht

eine Anordnung von allen acht oder neun
die jetzt hier ins Zimmer schwärmen
und sich drücken, die Wand entlang
stehen vor Spinden und Kästen
und einer ist der Chef, oder heute die Chefin
und die anderen fügen sich, passen sich an
Und ich frage: Doktor, es hat mir bis jetzt
eigentlich noch nie wer meine Diagnose erklärt
ich weiß eigentlich nicht, was mit mir los ist –
Woran werde ich sterben?

Erklären Sie es ihm, sagt sie müde
und lehnt sich zurück, schaut gerade
erschöpft vor sich hin, mit verschränkten Armen
lehnt sie da, lässt ihn reden, den Turnusarzt
Und er zögert, schaut, spricht, erklärt genau
Aber nach vier, fünf Minuten stößt sie sich ab
von der Wand: Das genügt! Winkt sie
dreht sich um, geht voraus, und alle
folgen ihr rasch, weiße Mäntel flattern
jemand zieht noch die Tür hinter sich zu

Seite 30:

DIE DECKE

Die Schwester kommt vorbei
hängt mir die Decke um die Schultern
und sagt: Nützen Sie noch die Zeit
Machen Sie sich ein schönes Leben –

Und ich schaue, frage sie, was
soll ich tun, wenn ich mein Leben
genossen habe bis jetzt? Und nütze
ich nicht viel zu sehr die Zeit? Mache

wenn es geht, zwei Sachen zugleich?
Könnte es nicht sein, dass ich besser
aufhöre mit Nützen? Weniger vom Zuviel
und weniger zugleich? Unnützes

wahrnehmen, ist es das
was Sie meinen, wenn Sie sagen
Machen Sie noch eine Reise
Machen Sie sich eine schöne Zeit?

Seite 54:

GUTE RATSCHLÄGE

Die Misteltherapie sagt A
Die Misteltherapie kannst du vergessen, sagt B
Nur ein Heiler kann dir vielleicht helfen, C
Auf so Heiler würde ich nicht vertrauen, D
In Brasilien gäbe es jemanden, so E
und F: dessen Freundin erzäglt von G
Schilddrüsenkrebs, sofort wäre sie nach Hause
nach Korea, nur mit Tees und Akupunktur
jetzt wieder komplett gesund, ob ich schon
einen Homöopathen probiert hätte
er kenne da einen, worauf ich warte
Wann ich endlich, so H, I, J
Warum ich noch nicht hingegangen sei, K
Das wäre ein super Arzt, L, M, N, O, P
nun, die Schulmedizin –
nun, die Esoteriker –
nun, die Scharlatane –
nun, die Statistiken –
Ich solle vertrauen, R
Ob ich mir schon überlegt hätte, S
auch Religiosität, T
etwas Größeres suchen, U
als die eigene, individuelle Existenz, V
und sei es die komplexe kosmische, W
vielleicht ein Gottvertrauen, X
oder Transzendenz, Y
und Z: Kreativität


Seite 98 f.:

TAUSEND KRANICHE

Am Nachmittag klopft es. Ich erwarte doch
niemanden; vor der Tür, am Treppenabsatz
unten steht der Paketzusteller und hält mir
einen riesigen Würfel entgegen, so leicht
fast ohne Gewicht. Da ist ja nichts drinnen!
sage ich, als ich den Würfel mit beiden Händen
entgegennehme und leicht schüttle. Ein zartes
Geräusch im Inneren, wie von Schmetterlingen

Hier unterschreiben bitte, sagt er und deutet
auf den grünen Bildschirm von seinem Gerät
Ich nehme den Plastikgriffel, kratze meine
Signatur in Flüssigkristalle, die sich nicht recht
verbinden, eine fragmentarische Linie, gehe
hinauf auf die Treppe, drehe den Würfel und suche
den Absender, Japan, lese den Namen, löse
die Verklebung, klappe die Kartonflügel auf

Vor mir öffnet sich ein buntes Gewirr, winzige
Papiere, Formen und Farben, weißer Zwirn
taste, sehe: gefaltete Kraniche, unzählige
greife vorsichtig hinein mit beiden Händen
hebe sie heraus, sie lösen sich leicht und fallen
in langen Ketten, aufgefädelt, winzige Kraniche
in Weiß, Rot, Blau und Grün, Türkis, Orange
welche gefaltet aus Gold- und Silberfolien, welche

aus farbenfroh mit Mustern bedruckten Papieren
finde am Schachtelgrund das weiße Kuvert
öffne es, nehme das Blatt heraus, entfalte es
und lese: Es tut mir leid, es hat länger gedauert
aber Moni und Rita wollten unbedingt helfen
Darum sind sie etwas unregelmäßig geworden
Du weißt, wenn man tausend Kraniche faltet
für jemanden, bedeutet das langes Leben.


© 2015 Edition Korrespondenzen, Wien


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