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Ulrike Schmitzer: Die gestohlene Erinnerung.


Leseprobe:

Gakowo.

Wir suchen nach einem Denkmal, das die Donauschwaben erst vor Kurzem errichtet haben. Ein großes, imposantes Denkmal. Aber weit und breit ist kein Denkmal zu sehen. Ich drehe mich um, Richtung Ortsausgang.

Das ist es“, sage ich. Eine kleine bronzene Tafel auf dem Gemäuer. Das muss das Denkmal sein, für das die Donauschwaben in Salzburg gesammelt haben, hundert Euro haben einige der alten Frauen von ihrer Mindestrente gespendet – meine Großmutter auch. Eine kleine Tafel erinnert an die Menschen, die hier ermordet wurden.
Ziemlich mickrig für das, was sie gesammelt haben“, sage ich. Ich weiß allerdings noch nicht, dass das nicht das Denkmal ist. Das Denkmal steht am anderen Ende des Friedhofs, und wir werden es nicht finden.

Es ist alles viel schöner, als ich erwartet habe. Und auch weniger dramatisch.
Wir stehen vor dem Gestrüpp, und ich baue das Stativ auf.

Jetzt kannst du erzählen“, sage ich zu meiner Mutter.
Warte!“, sagt meine Mutter. „Meine Frisur! Ich muss mich doch erst frisieren!“
Meine Mutter holt einen kleinen Kamm und einen winzigen Spiegel aus der Handtasche und frisiert sich. Ich werde das Interview machen und sie dann sprechend durch den Friedhof gehen lassen, dann kann ich das richtig dokumentarisch gestalten, und es sieht nicht nach Fersehdoku aus, sondern nach Kinodoku. Ich bin optimistisch.

So“, sage ich. „Jetzt geht’s los!“
Warte“, sagt meine Mutter. „Was soll ich denn sagen?“
Ich werde dir einfach ein paar Fragen stellen“, sage ich.
Sie sieht mich unsicher an.

Die Sonne blendet mich“, sagt sie.
Du musst aber in die Sonne schauen, sonst sieht man dein Gesicht nicht“, sage ich.
Sie setzt die Sonnenbrille auf.

Du kannst doch nicht die Sonnenbrille aufsetzen“, sage ich.
Sie nimmt die Sonnenbrille wieder runter.
Ich sage: „Wir sind hier in Gakowo, wo du eingesperrt warst. Woran kannst du dich erinnern?“

Ich weiß gar nichts mehr“, sagt sie. Und dann Pause.
"Das Grab vom Großvater Stefan hätte ich schon gerne gesehen. Das müssen wir doch finden, das gibt's doch nicht! Hast du nicht ein Messer oder eine Schaufel im Auto, dass wir das ganze Gestrüpp weghacken können?
(S. 66f)


[Aus den Erinnerungen der Großmutter:]

1943 haben sie in Jajce beschlossen, dass die Deutschen nicht mehr in der Batschka bleiben dürfen, dass wir Volksfeinde sind, dass uns nichts mehr gehört von unserem Sach.

Im Oktober 44 haben sie getrommelt, wer will, soll auswandern. Der Dorfrichter, das war bei uns der Bürgermeister, hat gesagt, alle sollen gehen. Der Hitler hätt’ uns alle in Ostdeutschland ansiedeln wollen. Was sollen wir dort? Unser Sach ist doch alles da! Der Pfarrer hat gesagt: Nicht fortgehen. Und die alten Leute, so wie der Großvater Stefan auch, der hat gesagt: Wer kann denn uns aus dem Haus hinaustreiben, wir haben keinem Menschen was gemacht, und wir wollen doch auch von keinem Menschen was! Die sollen uns in Ruhe lassen! So haben die meisten gesagt, und fast alle sind geblieben.

Im Jahr 1944:
5.300 Einwohner

1.100 Familien
2.400 Kinder und Jugendliche
200 Alleinstehende
200 alte Ehepaare

Als die Nazis Ungarn besetzt haben, war es anders. Im Juli 44 waren sie überall, die SSler.
(S. 73)

© 2015 Edition Atelier, Wien

 

 

 

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